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daraus, da er keine Universitätsstudien gemacht hatte,kein Geld und keine Lust zum Studieren auf der Uni-versität hatte, auch von einer Disputation wollte er aufAnregung des KönigS nichts wissen, der zudem seineJudith etwas zerzauste, kurz, die guten Hoffnungen er-füllten sich nicht, die er gehegt, aber Eines schlug erheraus auf Empfehlung Adam Oehleuschlügers undThorwaldsens, einen Brief Collins mit dem kostbarenInhalt: daß der König Hebbel ein Neisestipendium vonsechshundert Neichsthalern jährlich auf zwei Jahre be-willigt. „Zwei sorgenfreie Jahre habe ich vor mir unddiese will ich redlich benutzen." Ueber Thorwaldsens„Ganymed und der Adler" war unser Dichter so entzückt,daß er sofort ein Gedicht über dieses Prachtwerk machtemit dem Eingangsverse:
„Knabe, süßer, wunderbarer,
Unterm Kuß des ZenS gereift,
Blüthe, die in leuchtend klarerSchönheit nie der Wind gestreift."
Ueber Hamburg, wo er einigen Aufenthalt bei Elisenahm, ging es nun 1843 nach Paris , wo ihn besondersHeine sehr liebevoll aufnahm, fast könnte man sagen:Gleiche Vrüder, gleiche Kappen! Bald machte er sichan ein bürgerliches Trauerspiel und bald war es vollendet,nämlich „Maria Magdalena ". Wenn heutzutage neu-modische französische und auch deutsche Dramaturgen sich ge-fallen, Stücke zu schreiben, wo Mord und Todtschlag,Ehebruch und anderes Unsittliche die Hauptrolle spielen,so daß am Ende der Witz eines Bauern, der in einemTheater zu Berlin sagte: „jetzt sind alle caput, jetzt wirddas Stück anS sein", Wahrheit ist, jedenfalls Wahrheitenthält, so ist dies, um mit Ben Akiba zu reden, allesschon dagewesen, denn die Maria Magdalena Hebbels ist Beweis hiefür. Wie der Autor auf den Titel kam,ist nicht ersichtlich, aber das ist aus dem Stück ersicht-lich, daß ein einziger Mann in einem einzigen StückDiebstahl, Entehrung, Untreue, Selbstmord, Kindsmordund anderes haarsträubendes Zeug nie wird so realistischüber die Bühne marschiren lassen können, wie Hebbel esin diesem Stück gethan — gottlob, es ist auch gar nichtnöthig. Berlin wies das Stück zurück, Paris führte esauf, jeder hat eben seinen besonderen Geschmack. Auchin den folgenden Stücken, um dieselben kurz und bündigabzumachen, die der Dichter in Wien schrieb, wohin ersich von Paris aus begab, herrscht das Absonderlicheund Greuliche vor, obwohl natürlich in jedem sich auchpoetische Schönheiten finden; Hebbel ließ eben insittlicher Beziehung die Zügel schießen, wie der Freundin Paris — Heine. In seinen Stücken findet sich, wieJulian Schmidt sagt: „bei den rasfinirien Empfindungenund der künstlich gesteigerten Hitze die frostige Spracheder Reflexion."
Bei Thorwaldsens Tod war Hebbel sehr ergriffen:„so sterben die Götter! so starb Göthe, Shakespeare , sowürden wir alle sterben, wenn das Leben sich natur-gemäß entwickelte". Er dichtete auf Thorwaldsen undsoll eine Strophe aus dem Gedicht auch hier einPlätzchen finden.
„Thorwaldsen folgt, der letzte wohl im Zug.
Der aus dem Marmor gricch'schcS Feuer schlug,
Der das, waS werden sollte und nicht ward.
Weil eö im Werden selbst schon halb erstarrt,
Das ungcschaff'ne Urbild allcö Seins,
Erlöste aus dein spröden Schooß des Steins."
In dieser Zeit erklärte sich die Universität Erlangen aufeifriges Betreiben des alten Rousseau hin bereit, auf Grund
einer Abhandlung Hebbel den Doctorgrad zu ertheilen.Er reichte eine Arbeit ein, beantwortete die ihm zuge-sandten „kindleichten" Fragen, die Abhandlung wurdeals gut befunden, den Doctorhut erhielt er aber erstnach zwei Jahren, da er früher die hiefür nothwendigenTaxen nicht bezahlen konnte.
Am 3. Oktober 1844 ist Hebbel in Nom.
„Ja eS ist Alles belebt in Deinen heiligen Mauern,
Ewige Noma, nur mir schweiget noch Alles so still."
So begrüßte er die heilige Stadt und setzen wirbei: es muß im Herzen eines Mannes, der zum ersten-male die ewige Noma betritt, eben noch etwas sitzen,was in Hebbels Herz fehlte, und was unsere Lesergewiß selbst errathen, wenn nicht „alles so still schweigensoll", wie bei Hebbel ! In Nom selbst verkehrte er be-sonders gern und viel mit den deutschen Künstlern, be-suchte fleißig die großartigen Kunstsammlungen und warbesonders begeistert im Vatikan vom Apoll und derLaokoongruppe, welche er mit den Händen befühlte zumZeichen der „geistigen Besitzergreifung".(!) Charakteristischist es, daß er bei den herrlichen Ceremonien der heiligenCharwoche kalt blieb, während schon viele, viele, selbstUngläubige, von diesen tief erschüttert wurden nach ihreneigenen Bekenntnissen. Hebbel suchte eben auch in der„ewigen Noma" mitunter höchst Zeitliches, nicht amwenigsten auch galante Abenteuer; Elise drang jetzt aufHeirath, Hebbel wollte nichts davon wissen. Eines mußman ihm lassen, er dichtete auch in Nom fleißig, wodurchmitunter auch recht Schönes entstand, so seine Sonetten:„An den Künstler", „Das Opfer des Frühlings" undandere mehr. Am 29. Oktober 1845 verließ er dieewige Stadt und hinterließ — Schulden und hatte dabei„keine Kleider, o Du hast recht, Elise! ich schwimme inGenüssen aller Art!" Eine solche Interjektion kann manfüglich doch wohl mit Recht als eine Art Galgenhumorauffassen und bezeichnen. Es ging nach Wien , wo erfünf Jahre verweilte. Die dortigen Künstler kamenHebbel auf das Freundlichste entgegen, besonderes Ge-fallen fand letzterer an dem „leidenden" Grillparzer .In Wien war es auch, daß er sich verlobte mit Fräu-lein Christine Enghaus , die er auch im Jahre 1847heirathete. Wir sind nicht berufen, den Dichter wegendieses Schrittes zu verdammen, aber auch nicht berufen,ihn zu vertheidigen, wie dies einzelne gethan haben; wirsagen nur: Elise, die „Angebetete", lebte, sie war Muttervon zwei Kindern, sie hatte ihr Vermögen mit Hebbel getheilt, ihn stets unterstützt und Hebbel wurde der Manneiner Andern! und ihr Besitz „erfüllte mich mit einemGlücksgcfühl, das ich bis dahin nicht gekannt hatte"!Seine „Maria Magdalena" wurde in Wien aufgeführt,mehr aber wegen gewisser Schauspieler und Schau-spielerinnen, als wegen des Stückes selbst, das dennauch eine sehr getheilte Aufnahme fand. Damals voll-endete er auch sein Trauerspiel „Julia". Auf BetreibenChristine's kam Elise nach dem Tod ihres zweiten Knabenauf Besuch nach Wien und schied „wehmüthig, aber inwirklichem Frieden", nach längerm Aufenthalt wieder nachHamburg zurückkehrend. Mit seiner „Judith " hatteHebbel Glück auf dem Burgtheater, vielleicht auch, weilChristine selbst die Judith spielte, die nach den Wortendes Dichters selbst „wie der Adler auf den HoloferneSloskam"; hiegegen erfuhr seine Tragödie „Herodes undMarianne" eine vollständige Niederlage. Die Tragödiewurde einmal aufgeführt und dabei blieb eS! Auch seinMärchenlustspiel „Der Rubin" wurde zwar aufgeführt,