Ausgabe 
(11.1.1894) 2
 
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dem Hören dieser erhebenden Melodien, deren sie sichwohl noch erinnerte aus Livorno's Dome und den KirchenItaliens , kam es ihr wie eine Inspiration, in das Hauseinzutreten. Aus ihres Herzens Grunde richtete sie einStoßgebet zu Gott, er möge ihr das Richtige eingeben,solle sie eintreten oder nicht. Eine innere Stimme sagteihr: Tritt ein!

Kein Zweifel mehr möglich. Nicht die kirchlichenMelodien allein bewegten ihr Herz, mehr noch die Worte,welche der Priester an die Anwesenden richtete. Vondes Heilands Worten an die Mühseligen und Beladenen,zu ihm zu kommen, ausgehend, zeigte er, daß auf Erdendie von Christus gegründete Kirche die Stätte sei, anwelcher in seinem Namen und Auftrag die Mittel desHeils in den heiligen Sakramenten gespendet würden.

Allerdings hatte Elisabeth Seton bisher auch einerchristlichen Kirche angehört. Allein diese bot ihr nicht,wessen sie bedurfte, was sie suchte, den Seelenfrieden.Nun hatte, nach langen inneren Kämpfen, auf einenletzten Angstschrei ihrer nach Frieden ringenden Seele,Gott ihr auf so deutliche Weise seinen Willen kundge-geben. Sie konnte und mit Recht nicht glauben,ein bloßer Zufall habe es gefügt, daß sie eben indiesem Augenblicke an dem Hause vorbeigehe, aus derihr im Kirchengesange der Ruf kam: Tritt ein! Wiesollte etwa der zur Gemeinde sprechende Priester wissen,daß eine ihm ganz fremde Persönlichkeit eben eintrete,auf die seine Worte einen für ihr Leben entscheidendenEindruck machten?

Nicht nur in ein dem katholischen Cultus geweihtesGebäude trat Elisabeth Seton , sie trat bald darauf indie römisch-katholische Kirche ein. Elisabeths Biographiegibt leider auch darüber keine näheren Umstände. Siesind vielleicht in einer früher erschienenen Lebensbe-schreibung dieser seltenen Frau enthalten?)

Am 14. März 1805 machte sie den wohl erwogenenund würdig vorbereiteten Schritt.Mir war zu Muthe",schreibt sie bald nachher,wie dem heiligen Petrus, alsihm im Kerker die Fesseln herabfielen." Im höchstenGrade intolerant und exclusiv auch den Protestantengegenüber, die sich nicht ihren Kreisen anschließen, mußtedie protestantischen Puritaner Elisabethens Uebertritt indie höchste Wuth versetzen. Fast alle ihre Verwandten,ihre Bekannten zogen sich von ihr zurück, vermieden mitAbsicht mit ihr jeden Verkehr, versagten ihr auch einematerielle Hilfe, die sie in ihrer Lage so bedurfte, unddie ihr, wäre sie Puritanerin geblieben, schwerlich vor-enthalten worden wäre.

Elisabeths edle Seele und christliche Gesinnungzeigte sich nun auch im schönsten Lichte. Alan hörtenie aus ihrem Munde einen Tadel, oder gar ein vonGroll zeugendes Wort über dieses recht unchristliche Be-nehmen. Im Gegentheil, sie versicherte, ihre Liebe gegenihre jetzigen Feinde sei nicht erkaltet, im Gegentheil.

Elisabeths Kinder blieben bei ihr. Es mögen gewißSeitens ihrer Feinde Schritte gethan worden sein, ihrauch diesen Trost zu rauben. Sie blieben vergeblich,denn Elisabeth bestand auf ihrem zweifellosen Rechte.

Verlassen von ihren ehemaligen Freunden, voll derSorgen eine Familie zu ernähren, sah sie sich vor dembittersten Elende. Sie wankte in ihrem Muthe undGottvertrauen nicht. Sie wollte eine Privatschule fürkleinere Kinder gründen. An Kenntnissen und Fähig-

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keiten fehlte es ihr nicht. Ich habe es bisher unter-lassen, besonders darauf hinzuweisen, daß ElisabethSeton eine treffliche Erziehung genossen, wodurch ihrereichen geistigen Fähigkeiten entwickelt und auf dierichtige Weise gefördert wurden.

Da, in ihrer höchsten Noth, sandte ihr Gott einenwahren Freund. Dieser Mann war Abbs du Bougg.Von den Folgen der französischen Revolution gezwungen,sein Vaterland zu verlassen, war er nach Nord-Amerika ausgewandert, und war nun Superior des KlostersSt. Maria von Baltimore . Der Abbö sah gleich,daß Elisabeth Seton nach den Kränkungen, die sie inNew-Iork erdulden mußte, dort nicht bleiben konnte.Er veranlaßte sie, nach Baltimore zu ziehen, dort werdesich leichter ein Feld zur Entfaltung einer regen Thätig-keit, die ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entspreche,finden.

Seine Bemühungen hatten Erfolg. Man hatte inkatholischen Kreisen Baltimores den Plan gefaßt, einekatholische Anstalt zu gründen, in der nicht nur ka-tholische Kinder in den Lehren ihrer Kirche erzogen,eine in diesem Geiste geleitete Schule sich vorfinde,sondern in welcher auch alte, kranke ConfessionsgenossenPflege und Aufnahme finden würden. Der römisch-katholische Erzbischof behielt sich die Oberaufsicht vor.

Noch fehlte die zur Leitung einer solchen Anstaltbefähigte Persönlichkeit, als der Abbs auf ElisabethSeton aufmerksam machte.

Die verfügbaren Mittel gestatteten nur einen kleinenAnfang. DaS Lokal, damit auch die Zahl der Aufzu-nehmenden, war beschränkt. Vielleicht sind es eben diesescheinbaren mißlichen Umstände, welche Elisabeths Glau-bensmuth und Energie bewogen, freudig die angetrageneLeitung zu übernehmen. Ihr Leben war von diesemTage an ein wahres Noviziat. Sie, die gewesene Puri-tanerin, an das kalte, formlose, in die engen Schrankeneiner verkehrten Weltanschauung gebannte Wesen gewohnt,sah sich unvermittelt in katholisches Leben versetzt, von Katho-liken umgeben; dies Alles mußte ihr neu und ungewohntvorkommen. Sie fand sich bald in ihre neuen Obliegen-heiten, mit der ihr eigenen Elastizität des Geistes, unddiese mit strengster Erfüllung ihrer Pflichten verbindend.

Der Erfolg blieb nicht aus. Ein angesehenerBürger von Baltimore , Herr Cooper (Protestant?),stellte Elisabeth Seton eine Summe zur Verfügung, umdamit ein größeres, zweckentsprechenderes Gebäude her-zustellen. Es sollte auch ein neues HanS gebaut werden,um darin Erwachsene und Kinder aufzunehmen, die inder Lage waren, einen angemessenen Beitrag zu bezahlen.Diese Einnahme sollte zur Deckung anderer Ausgabenfür Arme verwendet werden.

Elisabeth Seton mußte sich natürlich bei der Zu-nahme des Werkes nach geeigneten Hilfskräften umsehen.Sie fand sie.

Die Neubauten wurden nicht in Baltimore selbst,sondern in einem Dorfe in nicht zu großer Entfernung,Emitsburgh, gebaut.

Der Erzbischof von Baltimore wünschte schon langediesen Anstalten einen geistlichen Charakter zu geben.Elisabeth Seton selbst trat nicht eigentlich als Supenorineines weiblichen Ordens auf. Ich vermisse Näheresdarüber in Herrn de.Saint-Amand's Buch. Dennochübertrug ihr der Erzbischof die Oberleitung der Anstaltenund verlieh ihr das Recht, sich Mutter Eltsa-bethzunennen. Ihre Gehilfinnen legten aber Profeß