Ausgabe 
(18.1.1894) 3
 
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f vr. Sebastian Brunner .

Von Franz Vogt.

(Schluß.)

Undank ist der Welt Lohn und Undank ernteteBrunner für seine muthige Vertheidigung der Wahrheitvon Seiten seiner geistlichen Vorgesetzten, Undank vonSeiten der Staatsgewalt, Undank von Seiten der Uni-versität. Mit allen diesen Factoren lebte er in be-ständigem Conflikte, was hier nur angedeutet sei.

Nur ein Mann erkannte Brunners hohe Begabungund seinen Scharfblick, der damalige Lenker der GeschickeOesterreichs , Fürst Melternich, der ihn wiederholt umseine Ansicht fragte und in dessen Auftrag er eine Reisenach Deutschland und Frankreich machte, um in diesenLändern die politische Stimmung zu studiren. In derThat war Brunner , wie kaum Jemand, befähigt, dieHand an den Puls der Völker zu legen, denn fast auf-das Datum hin sagte er dem Fürsten Metternich denAusbruch der 48er Revolution vorher. Die auf dieserReise gewonnenen Eindrücke und Ansichten enthält derRomanDie Prinzcnschule zu Möpselglück", in dessenletztem Kapitel er den März 1848 drastisch ankündigt.

Brunner hat auch unsere heutigen Verhältnissegenau vorhergesagt. Die sociale Frage ist noch seltenso präzis und verständig in ihren Grundzügen geschildertworden, wie in BrunnersLiane, Istelcel, kstares,ein letztes Wort an die armen Reichen" (1852):Ihrwollt ihnen", schreibt er,das Himmelreich verwehren,sie brechen euer Erdenreich zusammen ihr hebt aufdas Eigenthum des Geistes, die Religion, ihr hebt aufdas Eigenthum der Ehre, denn ihr schützt in der PresseLug und Trug, ihr hebt auf das Eigenthum der Ehe,und da wollt ihr einmal entrüstet euch umdrehen wennihr sehet, was die Proletarier alles von euch profitirt,und staunet, wie gelehrig sie geworden sind undwollt ausrufen:bis hieher und nicht weiter, dennheilig ist unser Eigenthum". Stellt euch dem reißendenStrome entgegen und sagt:bis hieher und nicht weiter",und er wird euch begraben in seinen Wellen. Sagt denlodernden Flammen:bis hieher und nicht weiter", undsie werden euch verzehren mit ihrer gierigen Zunge.Stellt euch unter den fallenden Quader und ruft:bishieher und nicht weiter", und er wird euch zerschmetternunter seiner Wucht denn Hunger und Durst sind ihreRosse und mit diesen fahren sie unaufhaltsam hinein ineuere Reihe und ihr ruft vergebens:bis hieher undnicht weiter."Und wer", sagt Heinrich Keiter ,einenBlick thun will in die Thron und Altar, Gesetz undSitte untergrabende Thätigkeit der Nachzügler des jungenDeutschland und der sogenannten Halle'schen Schule, derlese dieNebeljungen". DieNebeljungen" sind nichtsanderes, als die Vertreter der atheistischen Philosophie,die alles Bestehende vernichten, die Kirche demoliren,die Fürsten entthronen möchten, ohne zu wissen, wie dasneue Reich ewiger Glückseligkeit einzurichten sei. Nurdas eine steht fest, daß sie, die Nebeljungen,dann dasRuder in die Hand bekommen". Gott wird abgesetzt,

Und mit ihm gehen als Leichengcleite die Könige von

Gottes Gnaden,

Er hat sie zum ewigen stummen Gebet zu sich in die Gruft

geladen,

Das sei das Ende von unserm Lied, vom Reveille, den wir

gesungen,

Dann tönt es aus allen Ecken der Welt: eS leben die

Nebcljnngen."

MWlls. ^ 1894 ,

Und nun noch kurz eine Beurtheilung Brunnersals Schriftsteller.

Daß «katholische Literaturwerke Brunner nur seltenoder gar keine Anerkennung -ollen, ist begreiflich, dennum dieses Lobes willen hätte Brunner ein anderesGlaubensbekenntnis) haben, hätte von Aufklärung, Hu'manität und Bildung predigen und vor den großenGeistern von Göthe bis Scheffel das Rauchfaß schwingemüssen. Dafür wurde er, wenn auch spät, doch vorseinen Gesinnungsgenossen ganz und voll erkannt untanerkannt.

Sebastian Brunner ist", sagt sein BiographScheicher,wie kaum ein anderer, ein universellerSchriftsteller. Seine Hauptstürke liegt in der Satire,in der schlagenden, oft geradezu vernichtenden Polemik.Das Dünkelwissen seiner Zeit in seiner ganzen Hohlheitpcrsiflirt er meisterhaft imDeutschen Hiob" und imNebcljungenlied". Das Frankfurter Parlament unddie politischen Einheits- und Preußensänger bearbeitetder wackere Oesterreicher weidlich imDeutschen Ncichs-vieh", als Historiker ist er wohl der gründlichste Schrift-steller über die josefinische Zeit. Jene traurige, unglück-liche Zeit und ihren ebenso unglücklichen Urheber schildertunsJoseph II. ", und einen Einblick in die Greuel beiKlosteraufhebungen, in die kleinliche Weise, in welcherdie Regierung in kirchliche Angelegenheiten eingrisf, dieCharakterlosigkeit der feigen, josefinisch gesinnten Geist-lichkeit und eine Menge von höchst interessanten Anek-doten und Thatsachen zur Beurtheilung jener Zeit desjosefinischen Zopfes gewähren uns folgende ausgezeichneteGeschichtswerke:Die Mysterien der Aufklärung inOesterreich ",Die theologische Dienerschaft am HofeJosephs II." undDer Humor in der Diplomatie undNcgierungskunde des 18. Jahrhunderts", sowie seineDenkpfennige". Zur Kirchengeschichte lieferte erDasLeben des Norikerapostels St. Severin" von seinemSchüler Eugippus undClemens Maria Hoffbauer undseine Zeit". Der Literarhistoriker Brugier schreibt überihn:Vielleicht der einzige echte, jedenfalls besteSatiriker der Periode von 1832 bis jetzt ist der Wiener Prälat Sebastian Brunner . An ihm fanden, die Welt-schmerz- und revolutionären Dichter, sowie alle, derenPoesie vomPfaffcnthum" und vomPfaffenwahn"lebt, ihren ebenbürtigen, ja überlegenen und furchtloskümpfenden Gegner. Und man darf ihn, was das Geniebetrifft, kühn einem Fischart, Mnruer, Borne zur Seitestellen. SchonDie Welt ein Epos" (1847), derDeutsche Hieb" (1846) und dasNcbcljnngenlicd"(1845), dieKeilschriften" (1856) ließen ihn als einenmodernen Aristophanes, als einen christlichen Böruc er-kennen. Jean Panl'schen Humor entwickelt er in desGenies Malheur und Glück" (3. Aufl. 1864),Fremdeund Heimath" (3. Aufl. 1864) undDiogenes vonAzzelbrunn". Die Schäden der modernen Pädagogikgeißelt er in derPrinzenschule zu Möpselglück", alsgeistreichen Beobachter und fleißigen Sammler be-kundet er sich in den Reisebildern:Kennst Du dasLand? Heitere Fahrten durch Italien" (1857),Aus demVenediger- und Longobardenland" (2. Aufl. 1860),Unter Lebendigen und Todten", Spaziergänge inDeutschland, Frankreich, England und der Schweiz(2. Aufl. 1863),Heitere Studien und Kritiken in undüber Italien" (1866). Seine mit vielem Humor undEeistestiefe geschriebene Selbstbiographie aber erschien