Ausgabe 
(18.1.1894) 3
 
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unter dem Titel:Woher, Wohin?" Geschichten, Ge-danken, Bilder und Leute aus meinem Leben (2. Aufl.1866, 5 Bände). Nicht zu vergessen ist seine neuereSchrift gegen denevangelischen Schnüfselbund", inwelcher er den bekannten Bundestrompeter PfarrerWeitbrecht von Mähringen in Württemberg in klassischerWeise vernichtet, und seineHau- und Bausteine zueiner Literaturgeschichte der Deutschen rc. rc." (1886,87 u. 88), in welch letzteren es sich nicht im entferntestenum einen tollen Feldzug gegen das Lesen modernerKlassiker, sondern nur um die Frage handelt:Kannder Kultus des Genius Religion und Sittlichkeit er-setzen?" was Brunucr mit einem entschiedenen Neinbeantwortet.

Resümiern wir: Vrunner hat seine Lebensaufgabenach Talent und Kräften treu erfüllt. Er hat die Kirchegegen die materielle Uebermacht des Staates in Schutzgenommen, der antichristlichen Bureaukratie das Visiergelüftet, den Materialismus aller Variationen, wo erihn angetroffen, besonders aber auf dem Gebiete derKunst, nach Verdienst gezüchtigt.

Natürlich haben ihm die Väter und die Epigonendieser Geistesrichtung als die Gezüchtigten keine Be-lobigungen ausgestellt. Dafür hat das Oberhaupt derKirche, wie es im Stande ist, ihn mit ideellen Belohn-ungen überschüttet. Das Vaterland jedoch hat ihnwie so manchen viel zu wenig beachtet und ist erstdurch die Stimme des Auslandes auf ihn aufmerksamgeworden.

Zu seinem 70. Geburtstag sang Brunner:

Geht über das Diesseits Dein Sinnen und Trachten,Dann kannst Du die Güter der Erde verachten,

Nur was Du erstrebst mit Gewissen in Ehren,

Wird über die irdische Wanderschaft währen."

So wird auch Brunner im Jenseits den Lohn fürseine Kämpfe und Leiden erhalten haben; für die Ka-tholiken aber ist es Ehrensache, dem Manne, der somannhaft und muthig in schwerer Zeit für ihre Rechteund Interessen gestritten, ein treues Gedenken zu be-wahren dadurch, daß sie treu und fest zn ihrer Kircheund dem ihr von Gott gesetzten Oberhaupte halten.

Aus dem Leben zweier edlen kathol. Frauen.

Von Frhr . T. zu W.

(Schluss.)

II.

Ein ganz anderes Bild, als das der Mutter Elisa-beth Seton, bietet uns das Leben der Marquise vonBarol. Sie war eine Duma" auch in der

Gesellschaft.

Ihr Salon in Turin war einer der vornehmstenund elegantesten, doch nicht exclusiv, sobald der alsGast dort Eingeführte als Charakter, in seinen Leist-ungen für Kirche oder Staat, in Wissenschaft und Kunst,als Dichter, Autor oder Philanthrop sich dieser Ehrewürdig erzeigte. Zwei Könige, die königlichen Prinzenund Prinzessinnen besuchen die Marquise, die mit zweiKöniginnen in freundlichstem Briefwechsel stand.

In ihrem Salon trifft man den Minister Cavour.Die Marquise war nicht eines Sinnes weder mit denreligiösen noch mit den politischen Ansichten dieses immer-hin genialen Staatsmannes, und sagte ihm ihre Ansichtunverhohlen, natürlich in der vornehmen Art, die einean Geist wie an Gesinnung wirkliche^ranäs vamo"

einem Manne gegenüber anwenden wird, dessen Talent,aber nicht dessen Handlungen sie alle Anerkennung zollt.

Sie war strenggläubige Katholikin, die dem Statt-halter Christi auf Erden die seiner hohen Stellung undseinen persönlichen Eigenschaften gebührende Verehrungzollt. Ihr Freund, GrafMelun, sagt von ihr:Ssebesaß jene Universalität des katholischen Genies, welchein ihrer Liebe und Sorgfalt Alles umfaßt.

Juliette von Colbert de Maulövrier,später Marquise Faleti de Barol, erblickte 1785in einem Schlosse der Vendöe das Licht der Welt. Derbekannte Finanzminister Colbert unter Ludwig XIV . warihr Ahnherr. In früherer Zeit, zum Theil vielleicht nochheute, hielt es der Adel der Vendäe für eine Ehrensache,dem Altar und dem Thron zu dienen. In der Thatbeweist die Geschichte bis in die Neuzeit, daß, wenn derkatholischen Kirche eine Gefahr drohte, oder wenn einlegitimer Thron von Seite einer Revolution genöthigtwar, an seine Getreuen zu appelliren, die Edelleute derVendäe herbeiströmten und ihr Blut für Altar undThron floß.

Die Marqnise war eine echte Tochter ihrer Heimath.Sie verband mit dieser, mit der Muttermilch AngesogenenTreue für die legitime Sache eine Thatkraft und Energie,ohne welche sie nicht das erstrebte Ziel hätte erreichenkönnen.

Dieses Ziel und wie sie es erreichte zu zeigen, istder Zweck dieses Aufsatzes.

Neun Jahre alt, verlor Juliette von Colbert ihreMutter. Fast zu gleicher Zeit bestiegen ihre Groß-mutter, ihre Taute und mehrere ihrer nahen Verwandtendas Schafott, dessen Opfer so viele Edlen wurden. Auchihr Vater und sie selbst wären der Guillotine nicht ent-gangen, hätten ihnen nicht einige anhängliche Bauern zurFlucht verholfen. Wie viele Emigrirte, mußte auch sieihren Aufenthalt in Deutschland, Holland oder der Schweiz nehmen. Sie lernte jung mehrere Sprachen, und ihr Ge-sichtskreis, ihre Menschenbeobachtungsgabe erweiterte sichund reifte viel mehr, als es ein Aufenthalt im väter-lichen Schloß hätte bewerkstelligen können.

Napoleon gestattete auch ihrer Familie die Rückkehrnach Frankreich . Im Alter von 22 Jahren vermähltesich Juliette von Colbert mit einem reichen piemontesischenEdelmann, dem Marquis von Barol. Turin wurdeals ständiger Aufenthalt der Neuvermählten gewählt.

Durch die politischen Ereignisse vermögenslos ge-worden, hatte die Marquise an sich selbst, wenn auchnicht das Elend, doch den Mangel an Geldmitteln em-pfunden. Sie hatte viel fremdes Elend gesehen, und ihredles, theilnehmendes Herz drohte zu brechen, dieses Elendnicht, wie sie es wünschte, erleichtern zu können. Siebat gleich am Hochzeitstage den Marquis, die zu einerHochzeitsreise bestimmte Summe lieber zu Werken derWohlthätigkeit zu verwenden. Darüber befragt, ant-wortete sie:Der Gang zu Armen und Unglücklichen istmeine schönste Hochzeitsreise."

Im Jahre 1814 begegnete der Marquise ein Priesterder zn einem Sterbenden das hl. Viaticum trug. EineSchaar Andächtiger folgte. Eben, als sie niederkniete,hörte sie eine kreischende Stimme:Ich bedarf nicht derheiligen Wegzehrung, wohl aber Suppe!" Ueber dieseAeußerung entrüstet, blickte die Marquise nach jenerStelle hin, woher die Stimme kam. Es war ein Ge-fängniß, an dessen eisenvergitterten Fenstern die Köpfeeiniger Weiber ansichtig wurden.