Ihr Entschluß stand fest. Ob ihr wohl das Lebeneiner edlen Quäkerin in England, der ElisabethFry , welche sich eine ähnliche Lebensaufgabe gestellthatte, den Aermsten der Armen Trost zu bringen, be-kannt war? Mit Leichtigkeit erhielt die angeseheneDame von den autoristrten Behörden die Erlaubniß, dieGefangenhäuser zn besuchen.
Eine Stiege hoch war die Abtheilung für die weib-lichen Gefangenen. Kaum daß ein Lichtstrahl in diesenRaum fiel. Laster und Elend der Insassen verliehenden Gesichtern derselben einen düsteren, unheimlichenAusdruck, zu dem noch bei einigen der blinden Hassesund der größten Verzweiflung kam.
Einen solchen Anblick hatte die edle Marquise nichterwartet. Der empfangene Eindruck war ein so großer,daß sie erkrankte. Ihr Entschluß, eine Reform desGefängnißwesens in Piemont durchzusetzen, wurde nurum so fester, und sie verhehlte dies ihrer Umgebungnicht.
Tadel darüber, daß eine junge, der besten Gesell-schaftsklasse angehörende Dame ein so vergebliches, zweck-loses, gefährliches Werk unternehme, fehlte selbstverständ-lich nicht. „Wie", hieß es, „eine so schwache Frau willsich dem Laster aller Grade, dem Verbrecherthnm ent-gegenstellen? Sie will herniedersteigen in den Koth dessocialen Elendes?"
Marquise von Barol glaubte fest an ihre Mission.Sie wollte ihr Möglichstes thun, die armen Seelen derVerbrecher zu retten.
Ein weiterer Besuch, den die Marquise in derAnstalt machte, bot ein eigenthümliches Bild. Dastand die vornehme Dame, umgeben von meistens nurin Lumpen gekleideten Weibern, von denen — wie schonerwähnt — viele schon eine lange Verbrecherlaufbahnhinter sich hatten, andere, jüngere, erst an deren Schwellestanden. Mit einem richtigen Gefühl erkannten diemeisten, alle nicht, daß ihnen ein rettender Engel inMenschengestalt wohl wollte. Kein tadelndes Wort kamanfänglich über ihre Lippen, wohl aber der Theilnahme.Als die Marquise aber zn ihnen sprach, sie sollten dieihnen auferlegte, wohl auch verdiente Strafe annehmen,da entstand unter einem Theil dieser Weiber ein wüsterLärm. „Das ist wieder eine, die uns nur predigt,anstatt zu helfen!" Sie sangen obscöne Lieder, spottetensie aus.
„Ich will eure Gesänge nicht stören", sagte dieMarquise ruhig. „Ich sehe, daß ihr in einem Zustandeseid, wo ihr keiner Unterhaltung bedürft. Ich hoffe, ihrwerdet zn einer besseren Einsicht über den Zweck meinesBesuches kommen."
Das wirkte. Die Gesänge und der Lärm ver-stummten, und beschämt blickten die Weiber ihre Wohl-thäterin an, die Wäsche und Kleider unter sie aus-theilen ließ.
Damals wurde kein regelmäßiger Gottesdienst inden Gefangenanstalten abgehalten, keinem Priester lagderen Seclsorge ob. Auch da brachte die Marquise Ab-hilfe, in der richtigen Voraussetzung, daß ohne die Mit-wirkung der Kirche keine sittliche Besserung stattfindenkönne. Einen von allen Fenstern sichtbaren Raum ließsie als einfache Kapelle herstellen und mit einem trans-portablen Altar versehen, an dem alle Sonn- und Fest-tage ein von ihr besoldeter Priester das heilige Meß-opfer darbrachte. Schon bald nachher ließ sich die guteWirkung dieses regelmäßigen Gottesdienstes, mit dem
wohl auch der Zuspruch des Geistlichen verbunden war,erkennen.
Eines Tages überfiel ein Weib, welchem es ge-lungen war, sich heimlich eine Flasche Branntwein zuverschaffen, den ihr die Marquise hatte fortnehmenlassen, dieselbe, spie ihr ins Gesicht, versetzte ihr einenFaustschlag, so daß sie nur mit Hilfe der andern ge-fangenen Weiber weiteren Mißhandlungen des Weibesentging.
„Wir müssen für sie einige Vaterunser und denGruß des Engels beten." Diese in Ruhe gesprochenenWorte machten auf die anderen Weiber einen solchenEindruck, daß sie alle mit der Marquise auf die Knieefielen und ihr die vorgesagten Worte nachbeteten.
Das Geheimniß der Marquise, auf diese entartetenGeschöpfe Einfluß zn gewinnen, bestand darin, ihnenanfänglich keine Vorwürfe zn machen, sondern soviel alsmöglich aus ihrem vergangenen Leben Einzelnes zu er-fahren. Fast immer fand sich ein Punkt, den erfassend,sie ihr Vertrauen erwerben konnte.
Es waren darunter Mütter, die von ihren Kinderngetrennt waren. Die Marquise versprach, sich derselbenanzunehmen, brachte ihnen dann Nachricht. Von einemrecht unzugänglichen Weibe erfuhr sie, daß dasselbe dieBlumen liebe. Beim nächsten Besuch brachte sie ihmzwei Blumentöpfe. Damit gewann sie das Vertrauendes Weibes, das sich besserte und nach seiner Entlassungein Leben anfing, das Niemandem Anlaß zu Klagen gab.
Natürlich ließ es die Marquise nicht dabei be-wenden, die Gefangenen während ihrer Strafhaft auf-zusuchen. Sie war eine viel zu kluge, weiterfahreneFrau, um nicht zu verstehen, daß es nicht genügt, andie zu bessernden Menschen blos Ermahnungen zu richten,sie gleichsam anzupredigen. Es müssen ihnen nach Ueber-stehuug der Strafe auch die zu gehenden Wege gezeigtund geebnet werden. So gründete sie einen Verein,den sie unter das Patronat der großen Büßerin, derhl. Magdalena, stellte. Die Marquise besaß einen sehrenergischen Charakter und kannte keine Hindernisse. IhrErfolg war meist das Einzige, mit dem sie die an-fänglichen Gegner verstummen machte.
Ihre kinderlos gebliebene Ehe war eine glückliche.Sie fand an ihrem Mann einen Helfer für ihr Streben.Er starb im Jahre 1638 und setzte seine Frau zurErbin seines bedeutenden Vermögens ein, sie hiemit inden Stand setzend, das Angefangene mit großen Mittelnihrem Wunsche entsprechend fortzusetzen.
Unter den Gehilfen, die der Marquise an die Handgingen, ist in erster Reihe der edle Silvio Pelico,Verfasser des in alle europäischen Sprachen übersetztenBuches: Nis kri§iovi, zu nennen. Es ist bekannt,daß Pelico, politischer Umtriebe wegen, viele Jahre alsStaatsgefangener auf der Festung Spielbein bei Brünn zubringen mußte. Die Strafe war eine strenge, dennochließ sie in der edlen Seele des Mannes keinen Grollzurück. Es ist begreiflich, daß die Marquise glücklichwar, diesen Mann, der selbst viel gelitten hatte undein liebevolles Herz besaß, für ihre Unternehmungen ge-winnen zu können. Gegen eine kleine Entschädigung,die dem mittellosen Manne nur ein bescheidenes Lebenzu führen gestattete, übernahm er die Stelle ihres„Ministers", wie beide oft scherzend sagten.
Wir sahen bisher die Marquise nur als wohl-thätige Dame, in „schlechter Gesellschaft". Das wärenur eine Seite ihres edlen Charakters.