Ausgabe 
(18.1.1894) 3
 
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Sie war auch Weltdame im besten Sinne desWortes. Ich erwähnte gleich am Anfang, ihr Salonin Turin fei einer der vornehmsten gewesen. Aus derliebenswürdigen Art und Weise, mit der sie ihre Gästeempfing, konnten Fremde nicht ahnen, daß dieseOa-anäsvains" kurz vorher die Hütten der Armuth aufgesuchtoder in einem Gefängniß den Insassen desselben mitErmahnungen und Hilfeleistungen beigestanden hatte.

Ich habe schon erwähnt, daß König Karl Albert und sein Nachfolger Victor Emanuel Gäste der Marquisewaren, daß sie mit den Königinnen von Piemont undvon Neapel einen regelmäßigen Briefwechsel führte. DieMinister, die Diplomaten, die hohen Staatsbeamten be-suchten die Marquise, und da sie ohne das Wohlwollen,ja die directe Unterstützung derselben keine so großenErfolge gehabt hätte, ist wohl anzunehmen, sie habeihre Stellung als liebenswürdige Hausfrau dazu benutzt,denselben ihre Pläne zu erklären und deren Interessedafür wachzurufen. Auch Prinzessin Clotilde , Wittwedes Prinzen Napoleon, eine eines besseren Schicksalswürdige Frau, verehrte sie.

Von bedeutenden Fremden, die es sich zur Ehrerechneten, bei ihr eingeführt zu werden, bezeichnet ihrBiograph die Franzosen Lamartine, de Maistre, Barante,die Genfer de la Nive, Pictet, mehrere nicht näher ge-nannte Kirchenfürsten.

Die Ereignisse des Jahres 1848 betrübten sie tief.Als überzeugte katholische Christin, nicht weniger alsVendöerin, haßte sie die Revolution und machte vonihrer Anschauung auch den Mächtigen gegenüber keinHehl, von denen sie sehr gut wußte, daß sie gegcn-theiliger Meinung waren. Stimmten diese auch derMarquise nicht zu, ihre Hochachtung konnten sie ihrnicht versagen.

Dagegen wurde sie von einigen ihrer politischenGegner auf's gemeinste verleumdet. Sie erhielt schänd-liche Drohbriefe; man beschuldigte sie, mit GewaltKinder haben entfuhren zu lassen, um das von ihr ge-stiftete Waisenhaus zu füllen. Sie erhielt Drohbriefe,man werde Feuer an ihr Haus legen u. s. w.

Auch diesen Schändlichkeiten setzte die Marquisenur die vornehme kalte Ruhe eines guten Gewissensentgegen. Ihre Freunde, deren sie in allen Ländernhatte, baten sie, Turin zu verlassen. Sie verweigertees standhaft.Wie kann ich jetzt in der Stunde derGefahr meine Waisenkinder und meine Armen verlassen?"schrieb sie.Jetzt erst brauchen diese vielleicht meine Hilfeoder Rath. Weil mir der Eintritt inrdie Gefängnisse unter-sagt ist, muß ich doppelt eifrig arbeiten, zu verhindern,daß Andere hineinkommen."

Das Resultat der politischen Umwälzungen war fürMarquise von Barol kein anderes, als sie milder inihrem oft scharfen Urtheile gegen andere Ansichten zustimmen. In ihrem Salon wurden alle wichtigen Fragenbesprochen, ob sie auf Politik, Literatur, Kunst, Philan-thropie Bezug hatten oder einem ihrer Werke galten.Cavour soll in ihrem Salon zuerst vor Mehreren seinePlane entwickelt haben und die Marquise war seineheftigste Opponentin.

Auch zunehmendes Alter und damit erschütterteGesundheit brachen ihren Muth nicht. Tagelang aufeinem Ruhebett liegend, nahm sie den lebhaftesten An-theil an allen edlen Bestrebungen. Liegend empfing sieBesuche, sowohl von Berichterstattern als Hilfesuchenden.

Im Alter von 78 Jahren unternahm sie ihr letztes

großes Werk, dessen Ende sie freilich nicht mehr erlebte,den Ban der schönen großen Kirche in der TürmerVorstadt Varchiglia.

Ruhig und gottergeben starb die edle Marquise am21. Januar 1864. Ihr mit merkwürdiger Voraussichtund Pünktlichkeit verfaßtes Testament sicherte allen ihrenStiftungen die zum Fortbestehen erforderlichen Geld-mittel. Das leitende Comite der Oxera, xia, Larolrrhat feinen Sitz in ihrem Palais.

In Dankbarkeit und Liebe verbleibt ihrAndenken!

Religiöse und historische Kunst.

I.

1?. Der Stand der Künstler (wenn man nochvon einem solchen reden darf!) scheint immer mehr demSchicksale anderer angesehener Stände anheimfallen zusollen. Während aus dem flachen Lande die brod-erzeugenden Kräfte immer mehr abnehmen, weil der bis-herige Getreidebau dem Bauern keine Rente mehr ab-wirft und die Zahl der Dienstboten von Jahr zu Jahrmehr beschränkt werden muß, überfüllen sich in denStädten nicht nur die arbeitenden Klassen, sondern ver-hältnißmäßig noch mehr die gebildeten Kreise der Juristen,Beamten, Aerzte, Lehrer, Kaufleute und nicht am wenigstenin letzter Zeit die der Künstler. Während aber bei denandern Ständen der Zutritt durch immer größere An-forderungen zu erschweren gesucht wird, ist das Feldkünstlerischer Thätigkeit vollständig freigelegt. Ja derAndrang und Zutritt zum Künstlerthum wird vielfachnoch von Regierungen und Magistraten nicht amwenigsten durch die vielen Akademien und Kunstschulenangeregt und erleichtert. Diese Anstalten sollen dochnatürlich nicht leer stehen. Je mehr Schüler, desto besserund ruhmreicher steht es um die Anstalt. Haben wirdoch hiezu in den sich überstürzenden Ausstellungen inMünchen schon den rechten Pendant, indem auch hiersich immer mehr die Parole geltend macht:Je mehrBilder, desto besser!" Ob die meisten dieser ausgestelltenKunstwerke" nichtsnutziges Zeug sind, das kümmert dieMacher nicht.

Hiedurch kommt es, daß das Künstlerproletariat vonJahr zu Jahr zunimmt. Es kommen ja leider nichtbloß berufene Talente. In noch viel größerer Anzahldrängen sich wohl die mittelmäßigen Kräfte, Unfähigeund Unberufene herbei, um dem wahren Künstler dasFeld streitig und das Leben sauer zu machen. Abernicht nur mit den einheimischen überzähligen Kollegenhat der deutsche, speciell Münchener Künstler um Ver-dienst und um das tägliche Brod zu ringen, fast nochmehr wird ihm bereits von den fremden, ausländischenStandesgenossen im eigenen Lande Concurrenz gemacht.Am meisten geschieht letzteres wohl durch die bereits all-jährlich sich wiederholenden internationalen Kunstaus-stellungen mit ihren Verkäufen und Prümiirungen meistensfremder Werke. Hiedurch wird den Ausländern zumNachtheile der Einheimischen der Kunstmarkt mit eineruns unbegreiflichen Noblesse präparirt, ähnlich wie manzum Ruine des deutschen Bauernstandes durch die selbst-mörderischen Begünstigungen des ausländischen Getreidesden einheimischen Markt verdirbt. Das meiste Geld,was der Staat und Private für dieKunst" ausgeben,wird für solchen Kunstsport verschwendet, wie er sich indiesen ewigen Ausstellungen und den theuren Ankäufenberühmter oder berühmt gemachter Namen für Gallerten