Ausgabe 
(18.1.1894) 3
 
Einzelbild herunterladen

21

und Salons, wo vielleicht das eine oder andere Mal einverständnißvoller Kunstfreund einen flüchtigen Blick daraufwirft, offenbart. Die wahre deutsche, echt nationale undmonumentale Kunst wird immer stiefmütterlicher behandeltund ihr Verständniß ist dem Volke ziemlich allgemeinabhanden gekommen.

Was nun aber das Künstlerproletariat betrifft, sodürfte dasselbe bei keinem Genre so zahlreich vertretensein, als dem religiös-kirchlichen. Ueberall, in Stadt undLand, sieht man die sogenannten christlichen Künstler sichausbreiten, sich zur Ausübung ihrer Kunst für befähigtund berechtigt erklärend mit dem thatsächlichen Erfolge,daß sie wohl meist wegen der Billigkeit ihrer Kunst-waare und -Leistungen dem durch- und ausgebildetenKünstler vorgezogen werden. DaS ist aber ein um sogrößeres Unrecht, wenn es sich um wichtigere Aufträgeund bedeutendere Aufgaben handelt und die Bestellungsolch kirchlicher Werke von kirchlichen oder weltlichen Be-hörden ausgeht. Da sich aber jedes Unrecht rächt, sosollte es vor allem da, wo es sich um die höchsten In-teressen, die der hl. Religion und Kirche, handelt, sorg-fältigst vermieden werden. Denn die so häufig anzu-treffende, höchst elende oder geschmacklose, bäurisch-hand-werksmäßige, unästhetische und abstoßende Ausstattungder Gotteshäuser und der kirchlich-liturgischen Dinge istgewiß kein Zeichen der Blüthe der Religion und gereichtihren Dienern und Bekenuern keineswegs zur Ehre undEmpfehlung.

Nur der fähige und zugleich mit innerer Ueber-zeugung schaffende, also der wahrhaft berufene Künstlerhat das Recht, die künstlerisch zu gestaltenden Gegen-stände des kirchlichen Cultus und die zwischen demHimmel und der Erde auf dem Boden der Kirche ver-mittelnden hl. Symbole herzustellen. Wir wollen denBegriffKünstler" aber nicht auf den reinen Akademikerbeschränken. Sonst müßte mancher in unsern Gallertenbewunderte Altmeister aus der Liste gestrichen werden.Denn Technik und Naturwahrheit sind nicht die wesent-lichsten Merkmale der Kunst und darum auch nicht diealleiwichtigsten Kriterien eines bedeutenden Kunstwerkes,obwohl sie zur Vollendung desselben unentbehrlich sind.

Künstler ist in unsern Augen jeder, welcher eineschöne Idee oder Empfindung bis zu einem entsprechendenoder ansprechenden bildlichen Ausdruck darzustellen ver-mag. Je adäquater dieser Ausdruck mit der Idee, oderje vollkommener oder schöner das Bild nach allen Be-ziehungen ist, einen desto höhern Rang nimmt natürlichdas Kunstwerk ein.

Also nur dem wahren berufenen Künstler kann mandas Recht auf das kirchliche und religiöse Kunstwerk zu-sprechen und zwar in Folge seines innern Berufes, denihm Gott selbst gegeben hat. Es muß ihn kränken, be-leidigen und schließlich irre machen an seinem Berufe,wenn man ihm den offenbar Unberufenen wiederholt vor-zieht.Der Künstler", sagte mit Recht Pros. Schnürerauf der ersten Generalversammlung der Deutschen Ge-sellschaft für christliche Kunst ,der lein Verständnißfindet, muß die schönste Idee in sich verschließen, wenner sich nicht etwa in einem Anfall von Verzweiflungherbeiläßt, die Idee ganz über Bord zu werfen."

Doch wo sind diese berufenen christlichen Künstler?Wer gibt uns zuverlässige Kunde von ihnen? Ja ander letzter« hat es eben bis dato durchaus gefehlt,die Vertreter der modernen weltlichen und realistischenKnust verstehen das Geschäft nur zu sehr, durch eine

Reihe meist brillant ausgestatteter Zeitschriften und Jour-nale sowie Zeitungskritiken ihre Interessen mit Nachdruckund Erfolg zu fördern. Auch die Protestanten bemühensich vielfach mit anerkennenswerthen Resultaten, durchLandesvereine mit eigenen Organen, Generalversamm-lungen und autoritativen Comitös kirchliche Kunst undKünstler zu fördern. Die Katholiken dagegen habenkein einziges Organ, das sie in objectiver und zuver-lässiger Weise über die gegenwärtige Thätigkeit auf demchristlichen Kunstgebiete auf dem Laufenden erhält, eineverständnißvolle Sichtung über die neuesten Leistungenvornimmt und über die bessern und leistungsfähigenKünstler verbürgte Kunde gibt. Die paar bekanntenGrößen auf dem vorwürfigen Gebiete, die durch Glückund Genie sich einen berühmten Namen gemacht haben,kann man nicht überall herbeiziehen. Sie sind für diegewöhnlichen Verhältnisse zu theuer, oder, wenn nochaktiv, schon übermäßig in Anspruch genommen.

Soll in die christliche Kunstthätigkeit neues, auf-blühendes Leben kommen, so müssen auch die jüngern,strebsamen, mit frischer Begeisterung ausgestatteten Ta-lente herbeigezogen und ihnen Gelegenheit zum Schaffenund Bilden für die Kirche und das christliche Haus ge-boten werden. Sonst werden diese, gerade die Bessernund Besten, von der ihnen freilich entsprechendstenThätigkeit sich zurückziehen und mit den Realisten undSensualisten der profanen Kunst zu dienen gezwungensein, so daß uns außer ein paar Bevorzugten nur dasGros des gewöhnlichsten Küustlerproletariats zurückbleibt.

Dem oben gekennzeichneten Mangel eines für dasGedeihen und die Fortentwicklung der christlichen Kunstnothwendigen Vermittlungsorganes zwischen den beidenHauptinteressengruppen abzuhelfen, das ist der vornehmsteZweck und das Hauptziel der neuen in diesem Jahre ent-standenen Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst .Sie will einmal die christlichen Künstler mehr unter sichselbst einigen und diese sodann mit dem kunstliebenden undknustbedürftigen christlichen Volke zur gegenseitigen För-derung der christlichen Kunstinteressen in nähern Contaktbringen. Dieses Ziel sucht sie zunächst, bis ihr größereMittel zur Verfügung stehen, durch halbjährige Heraus-gabe einer Foliomappe mit Nachbildungen neuerer Werkeihrer Mitglieder nebst erläuterndem Text zu erstreben.Die erste vor Kurzem erschienene Mappe mit 12 Folio-tafeln phototypischer Bilder dürfte wohl für die meistenein über Erwarten günstiges erstes Resultat des that-kräftigen Voranschreitens der jungen Vereinigung aus-weisen. Es wäre daher dringend zu wünschen, daßdieses so zeitgemäße Bestreben die allgemeinste Bethei-ligung fände, damit zunächst und vor allem die Jahrcs-mappe des Vereins durch eine möglichst umfangreicheund erschöpfende bildliche Vorführung der neu ent-standenen christlichen Kunstwerke und durch brillanteAusstattung ihrem Ideale immer mehr entgegengeführtwerden könne.

Vorläufig möge es aber gestattet sein, in diesenBlättern, den Bestrebungen jener Gesellschaft, welche siemit ihrer Mappe verfolgt, secundirend, durch Besprech-ungen von neuen Erscheinungen auf dem Gebiete derreligiös-kirchlichen und historischen Kunst den Interessender Kunst sowie der Künstler zu dienen.

Um diesen Zweck zu erreichen, bleibt nichts anderesübrig, als die Künstler in ihrem eigenen Heim, in ihrenAteliers und Werkstätten aufzusuchen und sich nach ihremBilden und Malen umzusehen. Denn das Meiste, was