Ausgabe 
(18.1.1894) 3
 
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dort, und zwar besonders in christlicher Kunst, geschaffenwird, kommt vor der Absenkung nicht erst in die öffent-lichen Ausstellungen, obgleich es oft bei weitem mehrals manche der ausgestellten Sachen hiefür geeignet wäre.Wir thun das um so lieber, als wir aus Erfahrungwissen, daß es einem strebsamen und begeisterten Künstlernur angenehm ist, wenn ein kunstsreudiger Mensch sichhie und da nach seiner Schaffensthätigkeit umsieht, uman den Freuden und Leiden, die ihm dasselbe bereitet,in etwas theilzunehmen.

(Schluß folgt.)

Wissen und Glauben.

O. R. Der unvergeßliche Joh. Friedrich Böhmerschreibt am 26. April 1863 an Marie Görres :Manmüßte eigentlich neue Reden über Theologie und Kirchean die Gebildeten unter ihren Verächtern haben, wieeinst Schleiermacher herausgab. . . . Aber ich besorge,daß ein wohlgesinnter Moderner (wie wir doch nuneinmal sind) sich dadurch eher seine Freunde zu Feindenmachen, als die Feinde gewinnen würde" (Briefe, herausg.v. Janssen, II, S. 410). Wie man immer über dievon Böhmer hier ausgesprochene Befürchtung denkenmag, sicherlich Hütte dieser unbefangene Forscher in demkürzlich erschienenen Buch:Wissen und Glauben."Oeffentliche Vortrüge von I>r. C. Güttler (München ,C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1893, 214 S., 8°)wenigstens einen Theil seines Wunsches erfüllt gesehenund es darum mit Freude begrüßt. In 16 (an derMünchener Universität gehaltenen) Vorlesungen behandeltder Verfasser Themata, deren Wichtigkeit und Zeitgemäß-heit jedem Gebildeten unmittelbar einleuchten. Ueberseinen persönlichen Standpunkt (irenische Vermittlungzwischen selbstständigem Denken und lichtem, nicht blindemGlauben) orientirt uns Dr. G. vorzugsweise in derersten (Glauben und Wissen in der Geschichte) und inder letzten Vorlesung (Die Bedeutung der Philosophieund ihre Stellung zum religiösen Glauben). Die vierteVorlesung ist dem Ursprung und Wesen der Religion(vgl. Schleiermachers Zweite Rede: Ueber das Wesender Religion), drei folgende der Gottesidee (historisch, kritisch,kritisch-dogmatisch) gewidmet. Von den übrigen hebenwir noch hervor: Die Einheit und Entwickelung desKosmos, die Entstehung der Arten und die Formen desDarwinismus, die menschliche Wahlsreiheit, die Un-sterblichkeitsidee.

Während der Verfasser in naturwissenschaftlichenDingen sich überall auf solche Autoren stützt, die inihrem Fache als Autoritäten gelten, nimmt er in reinphilosophischen Fragen selbstverständlich das Recht inAnspruch, ein eigenes Wort mitzusprechen. Den ge-bildeten Leser wird, ganz abgesehen von der frischen,lebendigen Darstellung*), die bescheidene Zurückhaltungangenehm berühren, welche G. gegenüber den schwierigstenProblemen sich auferlegt. Während ein Naturforscherersten Ranges (Julius Robert Mayer , Mechanik derWärme, 1874, S. 318; bei Güttler S. 106) deu merk-würdigen Ausspruch thut:Eine richtige Philosophiekann und darf nichts anderes sein, als eine Propädeutikfür die christliche Religion" (vgl. damit Geibcl's Wort:Das ist das Ende der Philosophie, zu wissen, daßwir glauben müssen"), begnügt sich Dr. G. zunächstmit dem ihm wohlgelungenen Nachweise, daß

*) ES muß ein Genuß gewesen sein, diese Vortrüge zuhören.

weder die Natur- noch die Geisteswissenschaften an sichzum Unglauben führen oder die Thüre zum (christlichen)Glauben versperren.Widerspricht die Lehre von einerallmähligen Entwickelung des Weltalls etwa der In-spiration der kanonischen Schriften ? Wenn wir die Be-deutung der Inspiration auf die unverfälschte Ueber-mittelung religiöser Wahrheiten beschränken und dienaturwissenschaftlichen Probleme davon ausuehmen, sokann die Antwort keine zweifelhafte sein. Kosmogonieund Geogonie sind Erkenntnißsphären der forschendenMenschenwclt, nicht Objecte übernatürlicher Offenbarung.Die Bibel redet von einem Schöpfungswerk nicht in derexacten Form der Wissenschaft, sondern in der religiösenSprache der GoiteSwoche. . . . Kein Theologe, wederein katholischer noch ein protestantischer, hat sich auSdogmatischen Gründen gegen die kosmologische Ent-wickelungslehre erklärt" (S. 107 f.).

Güttler hätte sich hier auch auf das schöne Buchvon ?. Karl Braun 8. ä., Ueber KoSmogonie vornStandpunkt christlicher Wissenschaft (Münster . 1889),berufen können, worin u. a. derAtheismus" Laplacesauf ein Mißverständnis; seiner bekannten Aeußerung8irs, ss n'avaig xas Usovin äs sstts ll^potüsss",zurückgeführt uud gezeigt wird, daß der berühmte Astronomdurch eine verbesserte kosmogonische Theorie und durchVervollkommnung der Analysis das noch von Newtonpostulirte wunderbare Eingreifen des Schöpfers in dieBewegung der Planeten entbehrlich gemacht habe(S. 282 f.).

Wie einfach wäre in manchen Fällen die Ver-ständigung zwischen Wissen und Glauben, wenn einer-seits die Naturforscher die Grenzen ihrer eigenen unddas Gebiet der Geisteswissenschaften respectiren undandrerseits die Theologen auch in spcculativen und histor-ischen Fragen so unbefangen, im besten Sinnemodern"sein wollten, wie es z. B. die heutigen Jesuiten in Hin-sicht auf Naturforschung sind! Allen, die sich fürdas Verhältniß zwischen Wissen und Glauben interes-siren und welchem Gebildeten könnte dieses Interessefern liegen? seien die lehrreichen, zu weiterem Nach-denken höchst anregenden Vortrüge vr. Güttlers auf'swärmste empfohlen.

Das große Apostolische Vikarmt der Mandschurei .

^.6. Das Apostolische Vikariat der Mand-schurei umfaßt ein Gebiet von mehr als 1,765,000Quadratkilometer; es ist somit etwa so groß, wie dasDeutsche Reich, Oesterreich und Frankreich zu-sammen, und gehört wohl zu den größten Apostol-ischen Vikariaten der ganzen Welt. Es ist wohl auchdas beschwerlichste, wenn wir von demhohen Norden"Amerika's absehen. Dieses riesige Missionsfcld faßt insich: die starkbevölkerte chinesische Provinz von Leao-tong an Petscheli angrenzend die beiden Mandschu-provinzen Ghirin und Tsi-tsi-kar und die russischen Provinzen Amur und Primorskaia. Von den vielenBergketten dieses Landes ist der Haupizug der Tai-pai-chan d. h. derWeiße Berg" eigentlichWeißes Gebirg dessen mit Schnee bedeckte Kalkstein-felsen bis zu einer Höhe von 3000 Meter aufragen.Zwischen den Bergreihen erstrecken sich unabsehbareEbenen, die im Westen und Nordwesten durch wildesSteppenland im Osten durch einen undurchdring-lichen, herrlichen Urwald ihren Charakter erhalten.

Ueberreich ist das Land an Pelzwild, Panthern,