Ausgabe 
(25.1.1894) 4
 
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Siebter gesteht er noch: daß eran diesem und jenemGedicht noch hätte bessern und feilen mögen". Das isteine eindringliche Lehre für manchen von lyrischem Dufteberauschten deutschen Jüngling, der mit Ungestüm nacheinem Verleger sucht,wenn wie Platen sagt langim Schachte der Stahl noch ruht, der einst ihm scheerendas Kinn soll". Der Verfasser ist bei den bestendeutschen und ausländischen Dichtern der verflossenenDecennicn in die Schule gegangen, und hat besondersbei den Spaniern einen strengen Cursus durchgemacht.Dieser seiner Bekanntschaft mit den Spaniern verdankenwir beinahe die Hälfte seiner Sammlung eine prächtigeSchale voll goldner Aepfel aus den Gärten der Hesperiden.Es sind meistens bei uns weniger bekannte und neuereDichter, von denen O. Braun Proben gebracht, wiez. B. Josä de Espronceda, dessenGesang des Piraten"uns durch seine kühne und frische Vcrsification besondersangesprochen hat. Doch sind auch ältere Dichter, wiePouce de Leon, Lope de Vega und Santa Teresa deJesus mit ihrem herrlichen Sonett auf den Gekreuzigten,vertreten. Wir können es uns nicht versagen, dieses Ge-dicht, das in der Geschichte der Mystik so hervorragendist, in O. Brauns vortrefflicher Uebertragung hieherzu sehen.

Nicht weil es nach der Himmclöpalme trachtet,

Hat Lieb' zu dir, o Gott, man Herz umwunden,

'Nicht bab' ich Ehrfurcht stets vor dir empfunden,

- Weil Furcht der Hölle meine Seel' umnachtet:

Tu rührst zur Liebe mich, du, der verachtet,

Verspottet ward, und au das Kreuz gebunden»

ES rühren, Herr, mich deines Leibes Wunden,

Mich rührt die Pein, in welcher du verschmachtet.

Nur deine Lieb', o Heiland, kann mich laben:rluch ohne Himmel bliebe mir die Liebe,

Und ohne Holt' die Ehrfurcht eiugegraben.

Toch buhl' ich nicht um deiner Liebe Gaben:

Wenn mir auch nicht die HimmclShofsuuuz bliebe,Würd' ich darum nicht minder lieb dich haben.

Wenn auch die Kirche das Moralische dieses Ge-vichtcL wegen seines an Schwärmerei grenzenden Inhaltsmißbilligt hat, wird dasselbe doch eine der farbenprächtigstenund süßdustlgsten Blumen im Garten der christlichenDichtung bleiben und den Airsspruch eines feinsinnigenfranzösischen Schriftstellers rechtfertigen, der die heiligeTheresia dieSappho der Andacht" genannt hat.

Seiner geschmackvollen Auswahl aus den Spaniernhat der Verfasser als zweiten TheilEigenes" hinzu-gefügt, obwohl er schon die gewandte Form seiner Uebcr-setzuugcn, die sich wie Originale lesen, feineigen"nennen kann. Er beansprucht übrigens keineswegs, eineeigene Richtung einzuschlagen, wenn er auch seine eigenenWege geht. Er trägt keine Fahne voran und leistet auchkeiner Gefolgschaft. Da er ausallerlei Tonarten" singt,vernehmen wir Anklänge an manche uns bekannte,jedoch wieder in einereigenen" Weise. Von den be-deutendem Poeten der vergangenen Epoche, von denenviele seine Freunde waren, ist er nicht unbeeinflußt ge-blieben. In seinem Geiste haben sich aber allenfallsigeReminiscenzen wieder ganz anders und neu gestaltet,wie z. B. bei seinem letzten und ergreifendsten Gedichte:Die Säge. Dieses Gedicht steht aber nicht bloß durchseinen reichern Inhalt, sondern auch durch seine Formund den so angemessenen Schlußvers mit der Onomatopöie:Die Säge, Säge, Säge" weit über einem ähnlichendes JustinuS Keiner. Eines seiner interessantesten Ge-dichte,Fliegende Blätter ", erinnert in der launigen

Art der Durchführung und besonders im Refrain etwasan Bärnngcr. Rosen, Schwüre der Liebe, politischeLorbeeren, Parlaments-Reden werden fliegende Blättergenannt. Aber mit der Wendung, gleichsam mit derMoral des Gedichtes, können wir uns nicht einverstandenerklären. Es heißt:

Du selber ja bist an der Menschheit BaumEin Blatt nur, geschüttelt vom Winde,

D'rum eh' er zerrinnet, der liebliche Traum,

Ergreife, genieß ihn geschwinde!

Ja, das sind aber, wieder fliegerzde Blüthen undBlätter, und noch viel weniger werth, als die genanntenandern! Und wenn der Dichter dann sagt:Und nmdas Vergängliche gräme dich nicht!" so lag der Gegen-satz sehr nahe, nämlich das Unvergängliche, worauf einspanischer Dichter, besonders aus der frühern Zeit, ganzbestimmt hingewiesen hätte. Dagegen ist der Schluß, mitder launigen Hinwcisung auf unsereFliegenden Blätter ",wieder ganz treffend:

Und kommt dir die Welt absonderlich vor,

So flüchte zum deutschen, zum Münchner Humor,

Der macbt die Stirne dir glätter

Kind, reich' mir dieFliegenden Blätter "!

Außer den leichten Anspielungen auf Zeitverhült-nisse, die dieses Gedicht enthält, findet man sonst keiner-lei politische Gedichte, am allerwenigsten die sonst üblichenTrompeterstücklein auf die neue Herrlichkeit des DeutschenReiches. Debatte und kontroverse bleiben ihm gleich-mäßig ferne, und seine Gedichte bewegen sich nur in denhöhern Anschauungen der heutigen Welt und in derSphäre zarter Empfindungen des menschlichen Herzens.Eine Anzahl Sonette, zum Theil Freunden gewidmet,unterbrechen die lyrischen Ergüsse. Der Dichter ist über-haupt ein Meister im Sonette, das er mit großem Ge-schick zu behandeln weiß. Das Elephantensonett S. 103ist ein Muster von Neisehumor, und wurde dem DichterZur unwillkürlichen Neclame für denElephant" inBrixen , wie es der Besitzer nicht besser wünschen konnte:

D'rum laß Dir rathen, Freund! Wenn Dieb ein BleisackVon Sorgen drückt, so komm' hieher nach Brixen Und senk' ihn in das Flnthenbctt deö Eisak!

ImElephant" laß Dir die Stiefel wichsen

Hier labt der Wein, hier dampft die feinste Schüssel,D'rum blüh' ihm Heil vom Schwänze bis zum Rüssel!

In allen Liedern herrscht eine lobenswerthe Kürzeund Deutlichkeit der Sprache, in der jede Ueberschwäng-lichkeit vermieden ist. O. Braun, der als langjährigerChef-Redacteur der Allgem. Zeitung der neuern Ortho-graphie den Zugang versagt hat, macht ihr in seinenLiedern Concessionen, indem er beim alten th das h weg-gelassen hat. In dieser wichtigen Schriftangelegcnheitsind wir der Meinung, daß man, statt die Sache amt-lich und offiziell ordnen zu wollen, besser gethan hätte,auf die Autorität unserer zwei größten Sprachmeisterhin, Platen und Nückert, deren gereinigte Orthographieanzunehmen und festzustellen.

Religiöse und historische Kunst.

(Schluß.)

II.

Unser Weg führt uns heute in das Atelier einesjüngern, aufstrebenden Künstlers von nicht gewöhnlicherBedeutung, des Bildhauers Heinrich Wadcrä.

Keine seiner Arbeiten nach dem Austritte aus derMünchener Kunstakademie zeigt den Charakter sogenannter