Ausgabe 
(25.1.1894) 4
 
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Erstlingswerke. Sie tragen sämmtlich bereits den Stempelächter Kunst, einer sichern, selbstbewußten Kraft, die inallen ihren Fortschritten und Vildungsstadien nur etwaskünstlerisch und ästhetisch Berechtigtes, sowie inhaltlichFesselndes und Erhebendes, der Darstellung Würdiges,bietet. Aus der engern und tiefern Sphäre eines reinenAkademikers - und Darstellers antikisirender Naturalistikhat er sich bald in jene höhere eines begeisterten Pflegersder rein idealen historischen und religiösen Kunst empor-geschwungen.

Dieses trifft nun wie wir hier gleich bemerkenwollen erfreulicher Weise nicht bloß bei Waderö zu.Denn wenn selbst die begabtesten Künstler sich bisherselten von dem bei der großen Masse unsererKunst-freunde" so beliebten Culte jenes, wenn auch hie undda sublimirten, Genres des rein Sinnlich-Schönen (inneuester Zeit selbst des Unschönen und Häßlichen) zuemancipiren im Stande waren, mochte sie nun dieeigene Neigung oder die Rücksicht auf den Geschmack deskaufenden Publikums daran hindern so macht sichgegenwärtig vielfach wieder das Streben nach befriedigenderLösung der höchsten und würdigsten Aufgaben eines ge-bildeten Künstlers, nämlich jener der religiösen undhistorischen Kunst, bemerkbar.

Zu den frühern Werken Waderö's aus dem Ge-biete des körperlich Schönen, der anmuthigen und ideali-sirten Natur, zählen besonders die mit antiker Empfindungdurchgeführten Figuren derChloe", desKnabe, nachder Libelle haschend," derPsyche", Gebilde von hoherkünstlerischer Vollendung und poetischem Reize. Brachteihm doch die Chloe 1891 in Berlin die II. goldeneStaatsmedaille, vom Kaiser verliehen, der Libellcnfängerauf der Münchener Jahresansstellnng 1890 die goldeneMedaille II. Klasse ein. Doch dieses Kunstgenre, in demer unbedingt Bedeutendes zu leisten im Stande wäre,genügt seinem höher strebenden Idealismus nicht. Erwarf sich bald nach dem Austritt aus der Akademie aufdas religiöse und historische Fach.

Es entstand eine lebensgroße, rührende Katakomben-gruppe,Die Geschwister", die nach unserer Meinunghätte leicht einen Käufer finden müssen; sodann eingrößeres Relief, eine sehr glücklich concipirte und vor-trefflich componirte Kreuzabnahme. Doch beide Modelle die erstere Gruppe war schon so gut wie vollendet,das andere reifte der Vollendung entgegen lageneines Tages zu unserm größten Bedauern, vom Bildnerselbst zu einem Thonhaufen zertrümmert, da. Anderekleine, kunstgewerbliche Aufträge waren eingegangen, undfür die zwei religiösen Darstellungen", erklärte derKünstler,fände sich ja doch kein KäuferI" Es ent-standen nun in rascher Folge kleinere und größere Ar-beiten, weist auf Bestellung. So ein originelles Brunnen-modell für die Chicagoer Ausstellung; eine Statuette,Otto von Wittelsbach , in höchst charakteristischer Auf-fassung, welche, in Lebensgröße ausgeführt, das prächtigsteMonument des berühmten Wittelsbachers abgeben würde;ein reizendes Neliefbild, die Madonna mit dem Christus-kind im Schoße, das den bescheiden herzutretenden Jo-hannes liebkost, eine poetisch-anmuthige, malerisch abge-rundete Komposition, von einem feinen, mit lieblichenEngelsköpfen besetzten Nahmen eingefaßt, nur der Christus-knabe ist etwas zu irdisch-schön und üppig aufgefaßt. Einzweites Marienbild,saäas saxisntiaa", diesen Sommerim Glaspalaste ausgestellt, zeichnet sich durch Feinheitder Drapirung, besonders aber durch den ansprechenden

jungfräulichen Liebreiz des schönen Kopfes der Madonnaaus, fast im Gegensatz zu der vorgenannten, deren Antlitzbei geringerer Formenschönheit mehr eine tief empfundeneFrömmigkeit ausdrückt. Die Bedeutung dieser weisestenJungfrau alsSitz der Weisheit", welche, mit nieder-geschlagenen sinnenden Augen auf einem Renaissance-Throne fitzend, mit der Linken in dem wieder etwaszu naturalistisch-schönen Kinde die himmlische Weis-heit selbst umfaßt, während sie mit der Rechten das mitdem Zeigefinger ein wenig geöffnete Buch auf das Kniestützt, dürfte dem denkenden Beschauer wohl sofort ein-leuchten. (Das Titelbild der Jahresmappe der DeutschenGesellschaft für christliche Kunst zeigt keine Aehnlichkeitdes Ausdrucks mit dem Originale.)

Von strengster Stilisirung und dennoch künstlerischfreier Behandlung erscheint die Lourdes -Madouna Waderäs,ein Marmorbild von 1,90 m Höhe, welche nun in Ober-günzbnrg oberhalb der aufsteigenden Krcnzwegstationenals abschließendes Monument von der Anhöhe die Stadtund die nächste Umgebung beherrscht. Auf den erstenBlick glaubt man eines der ebenso gerühmten wie an-gefochtenen Beuroner Gebilde vor sich zu haben. Dochwird der Kenner bald gewahr, daß es neben der statuar-ischen Geschlossenheit, dem strengen Ernste und der idealenVertiefung der religiösen Empfindung jener Schule durcheine größere plastische Fülle, eine etwas freier stilisirendeDrapirung und einen mehr natürlich belebten Ausdruckder klassisch geformten Gesichtszüge sich auszeichnet.

Ein anderes vortreffliches Steinbild religiösen Gcnre'sist ein ebenfalls für Obergünzburg gefertigtes Brunnen-relief, 1,50 in hoch und 1,5 na breit. Es stellt Jesusund die Samariterin am Jakobsbrnnnen dar. Rechtsunter dem Eichbaume sitzt Christus, eine vornehm be-wegte, macht- und schönheitsvolle Gestalt, voll sanfterMilde und göttlicher Kraft. Dieser Erscheinung entsprichtdas große Wort, das gerade den Lippen zu entschwebenscheint:Wüßtest Du, wer derjenige ist, der mit Dirredet, Du würdest ihn bitten, und er gäbe Dir lebendigesWasser, das in's ewige Leben quillt." Erstaunt auf-und ihn anblickend hält die links vor dem Brunnenstehende Samariterin im Schöpfen inne, während hinterdem Brunnen die erstaunten Jünger, als vorderster derzornig dreinblickende Petrus, auftauchen. Das durch dasRelief aus dem neben der Samariterin stehenden Krugefließende Brunnenwasser symbolisirt daslebendigeWasser" des Erlösers.

Man kann den Obergünzburgern zu den genanntenchristlichen Kunstdenkmalen nur gratnliren, um so mehr,weil solche öffentliche monumentale Dokumente, die denFremden sogleich belehren, daß er sich unter einem gutchristlichen Volke, in einer Stadt, einem Markte mitchristlichen und nicht heidnischen Bewohnern befinde,schon seit langem nur sehr vereinzelt errichtet wurden.

Wie leicht der Hand unseres Künstlers auch dieDarstellung des Erhabenen gelingt, das beweisen unszwei kürzlich aus reiner Schaffenslust entstandene Thon-modelle zu Statuen eines hl. Petrus und Paulus , vollerhabenster Kraft und Würde, von freier plastischer undzugleich echt statuarischer Haltung, mit großem, klassischemFaltenwürfe, im Geiste der besten Meister der Uebergangs-zeit aus der Gothik in die Renaissance modellirt. DieWerke der Letztem dürften wohl überhaupt neben jenender Frühgothik, bezw. der spätromanischen Periode, fürdie am Meisten nachahmungswürdigen Muster eines christ-lichen Bildhauers zu halten sein.