Ausgabe 
(1.2.1894) 5
 
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klln. 5

1. Fedrilnr 1894.

Palestrina .

Zu seinem 400jährigen Todestag nach seinemLeben und Wirken geschildert von 61.

Wer nur wenig versteht von Musik und Gesang,kennt den Namen Palestrina , der eigentliche Kenner derMusik, der kirchlichen Musik besonders, freut sich, so ofter diesen Namen hört, und er opfert Zeit und Geld,wenn er eines der staunenswerthen Musikwerke diesesMeisters anhören kann. Anfang Februar d. Js., amLichtmeßtag, werden es 400 Jahre, daß der große Ton-künstler, der Meister von Gottes Gnaden, von seinemGott aus diesem Leben abberufen wurde, und nicht solldieser Tag vorübergehen, ohne daß auch in diesenBlättern seiner gedacht wird, seines Lebens und seinesWirkens.

Giovanni Pierluigi wurde geboren zu Palestrina ,dem alten Präneste und nannte sich selbst von seinerVaterstadt Pränestinus oder da Palestrina , wird ge-wöhnlich deßhalb einfach Palestrina genannt undzwar von armen Eltern. Sein Geburtsjahr ist nicht be-stimmt ausgemacht, wie wir dies oft bei berühmtenMännern finden. Es schwankt sogar zwischen 1514 bis1529 ; das wahrscheinlichste ist, anzunehmen, daß derMeister das Licht der Welt erblickte entweder im Jahre1514 oder 1515. Zum Beweis hiefür sei eine Auf-schrift angeführt, welche auf dem Nahmen eines Porträtsdes Meisters sich befindet, das im Archiv der päpstlichenSänger in Nom aufbewahrt ist. Dieselbe lautet:ckoannoskstrus ^.lo^sius kräneotinus, Lluoioas krinosps,8u5 llulio 111. xrius ormtor, mox salz kio IV.rnoäulator pcmtiüoirw, latsranas 6b lifisrianao,ckamuin fiis vulioanao fiasilioas oapollas maxister.Odilb IV. läus Psdruarii LIOXOIV. vixit proxsootoAenarnm; sopulbus 68b 8ufi Luoello vutiouuo8t. Lirnonio 6t lluäa.6."

Auf welche Weise er zur Musik hingezogen wurde,auch hierüber sind die Autoren nicht einig. Nach demeinen wurde er in Nom einfach von einem Capellmeisterabgefaßt, dem die Stimme des Knaben sehr gefiel; nachdem andern bildete ihn ein gewöhnlicher Lehrer aus, weil ermit ungemein großem Gefühle die Kadenzen bei einerAufführung begleitete; wieder nach andern hätten ihn dieEltern von Anfang an zur Musik und zum Gesangbestimmt, weil Sänger und Musiker zu jener Zeit vonden italienischen Höfen sehr gesucht waren und nach denVerhältnissen jener Zeit auch gut bezahlt wurden; nacheiner anderen Version berief ihn Cardinal Giovanni delMonte, der 15431550 Bischof von Palestrina war,alsbald nach seiner Erhebung auf den päpstl. Stuhl alsJulius III. nach Rom, kurz und gut: Palestrina kam un-gefähr um das Jahr 1540 nach Rom und wurde 11 Jahredarauf unter Papst Julius III. als Lehrer in derCapella Giulia im Vatikan angestellt mit dem Titeleines Kapellmeisters, Navstro cli Oaxvlla, äollrr 5 a-8i1ioL Vatioana,. Er war der Nachfolger Arcadelts,welcher wohl einige Zeit sein Lehrer gewesen seindürfte.

Schon drei Jahre darauf ließ er einen Band vier-und fünfstimmiger Messen drucken und widmete dieselbendem Papste Julius III. Zum Dank hiefür berief ihnder hl. Vater in das Kollegium seiner Sänger, obwohldurch diese Berufung zwei Grundprincipien dieser Ge-

sangesschule durchbrochen wurden, nämlich: die Vorschrift,eine strenge Prüfung abzulegen, und die Ehelosigkeit derSänger. Palestrina war nämlich verheiratet zudembestand der Sängerchor der genannten Schule allermeistnur aus Klerikern. Als Papst Paul den Stuhl des hl.Petrus bestieg, wurde Palestrina nebst zwei andern als-bald aus der Gesangsschule entfernt, eben weil er ver-heiratet war, und er erhielt eine monatliche Pensionvon sechs Scudi. Der Meister selbst wurde schwer krankauf diese Entfernung hin, er hatte Familie, ein Ein-kommen von monatlich sechs Scudi, Umstände, die ihnsehr niederbeugten. Zu seinem Glück fand er bald wiedereine Stelle in der Lateranensischen Hofkirche, allwo er5'/z Jahre thätig war und sehr viel componirte; eineMenge von Bänden herrlicher Werke entstand damals.Hervorzuheben sind hieraus besonders ein Band vier-stimmiger Lamentationen des Jeremias und ein BandMagnificat für fünf und sechs Stimmen, desgleichen dieJmproperien und das achtstimmige ornx fiäslis. Indiesen Musikwerken, besonders in den Jmproperien, istgeradezu alles aufgeboten, was Kunst und Natur ver-mögen.Die Kunst", sagt Baini,schien bei den wenigeneinfach andächtigen rührenden Accorden gleichsam durchdie Natur, und diese bei der seltenen Wahl der nnge-kannten Mittel wieder durch jene übertroffen". EmilNaumann sagt ferner über die gleichen Werke in seinerMusikgeschichte:Der Meister zeigt in diesen Schöpfungen,wie kein anderer vor oder nach ihm, daß der in Wahr-heit von Gott begnadete Genius gelegentlich auch ohneAnwendung reicher Mittel oder hochentwickelter Kunst-formen zu den erschütterndsten und unvergleichlichstenWirkungen zu gelangen vermag." Ueber das prachtvollel6Q65ra,6 Iaota.6 8unb" sagt speziell der gleiche Musik-kenner:Es ist nicht möglich, mehr Schönes, Ergreifendesund Contrastirendes in nur siebeuundzwanzig Takte zu-sammenzudrängen, als Palestrina hier gethan! Wie er-schütternd wirkt, nach dem ruhig in die Dunkelheit hinab-sinkenden T°6Q65ra6 laotao ount, der mit bewegtenStimmen und stark einschneidenden Modulationen auf-tretende Wehrnf: äum orueifixisZonb llevurn lluckuei!Welcher Antheil und welcher Schmerz in den sich an-schließenden Worten: oxalanravit llsous vooo iriaZna;wie sanft ergeben und duldend dann die Frage:meinGott, warum hast du mich verlassen?" Welche einanderüberbietenden Klagen in dem Terzett der den Chor ab-lösenden drei weiblichen Stimmen endlich, die uns dieam Kreuze weinenden heiligen Frauen gleichsam mUleiblichen Augen erblicken lassen; und welch' eine er-habene und tiefe Trauer in den den eintretenden Tod desErlösers schildernden und im Pianissimo ersterbendenTönen, mit denen der Chor das Sätzchcn beschließt."Ja in That und Wahrheit, das ist Musik, wie sie derhl. Bernhard verlangt, wenn er sagt:oantuw oi iusrit,xlenns t Ai'Lvitats, nee laooiviaw. rssonst, noorrwtüoatvm, sio 8Ug.vi6, ub non Isvio; sia uruleeataur63, nb vaoveat: ooräa." Papst Pius IV. selbst ließsich von seiner Kapelle diese Jmproperien aufführen undlegte das Geständniß ab, daß seine Erwartungen vollaufübertreffen seien.

Palestrina's Ruhm wuchs und er wurde im Früh-jahr 1561 Kapellmeister der liberianischen Hauptkirche zuNom, genannt Sta. Maria Maggiore. .Hier wirkte ervolle zehn Jahre, hier gelangte er in den vollen Besitz