36
fültigung ihrer Exemplare; die hl. Schrift wurde ebenjetzt, wo sie so leicht zugänglich war, begreiflicher Weiseweit allgemeiner gelesen, als früher, und die Kirche erließkein Verbot des Bibellesens seitens der Laien, so langenur katholische Bibelausgaben hergestellt wurden.Jedermann freute sich, sein eigenes Bibelexcmplar zubesitzen (multiplioata xraelo saora exainplarra . . .eatlroliaum Huusi ordow. oonaplavarint), zu einerZeit, von der die Protestanten behaupten, die hl. Schriftsei beim Volke und so ziemlich auch bei der Geistlichkeitunbekannt gewesen. Daß die hl. Schrift auch vor undnach Erfindung der Buchdruckerkunst in die verschiedenenLandessprachen, namentlich auch häufig ins Ober- undNiederdeutsche, übersetzt wurde, ist eine bekannte Sache.Die Buchdruckerkunst steht übrigens schon deswegen zurhl. Schrift in inniger Beziehung, weil sie ja an dem„Buch der Bücher" zuerst erprobt wurde.
Nach Erwähnung der Blüthe der biblischen Eru-dition, namentlich der Exegese in der vor- und nach-tridentinischen Periode, kommt die Encyklika auf die Sorgeder Päpste für Herstellung korrekter Editionen derVulgata und der Septuaginta zu sprechen. Die vonSixtus V. veranlaßte römische Ausgabe der Septuagintaerschien im Jahre 1587 und wurde mehrmals (in Paris ,London rc.) nachgedruckt. Was die Vulgata betrifft, soüberließ das Konzil von Trient , indem es dieselbe fürauthentisch erklärte, dem apostolischen Stuhle die Be-sorgung einer korrekten Ausgabe. Nach langen Arbeitenzur Feststellung eines kritisch zuverlässigen Textes erschienzu Nom 1592 unter Klemens VIII . die offizielle Editionder Vulgata. Von den Polyglotten erwähnt die Encyklika die Antwerpeucr und die Pariser, die Komplntenser wohldeßwegen nicht, weil ihr Inhalt in die beiden genanntenaufgenommen wurde. Die erste Polyglotte Bibel ließnämlich der große Kardinal Limeues in Alcala de Henares (lateinisch Lomxlutum), wo er die berühmte Universitätgegründet hatte, herstellen, die 1514 bis 1519 in sechsBänden erschien. Sie enthält nur das Alte Testament,und zwar: den hebräischen Text, die Vulgata , die Septua-ginta, zu dieser eine wörtliche lateinische Uebersctzung,eine chaldäische Paraphrase, gleichfalls mit einer wörtlichenlateinischen Uebersctzung. Die Antwerpener Polyglotte,im Auftrage Philipps II. von Spanien veranstaltet unterder Leitung des berühmten spanischen Theologen BenediktArias, zubenaunt Montanus, kam 1568 bis 1592 herausin acht Foliobünden und enthält nebst den Texten derKomplutenser Bibel noch einige chaldäische Paraphrasen(Targumim) und das Neue Testament in griechischemTexte, in der Vulgata , in einer syrischen, sowohl mitsyrischen als mit hebräischen Lettern gedruckten Ueber-setzung, der wieder eine lateinische Uebersctzung beigegebenist. Die 1645 in zehn Foliobänden herausgegebenePariser Polyglotte umfaßt außer dem Inhalte der Ant-werpener im Alten Testamente eine zweite syrische undeine arabische Uebersctzung mit begleitender lateinischerVersion und den samaritanischen Pentateuch, im NeuenTestamente eine arabische und eine dazu gehörende la-teinische Ucbersetznng. Die später von protestantischerSeite veranstalteten Polyglotten sind selbstverständlichÜbergängen, da ja die Encyklika sich nur mit dem Bibel-studium auf katholischem Boden beschäftigt.
Im übrigen ist es ebenso bedeutungsvoll, wiedankenswert!), daß die Encyklika ausdrücklich betont, daßes auch nach der an das Tridcntinum sich anschließendenPeriode, bis in die Neuzeit, in der katholischen Kirche nie
an lobenswerthen Leistungen im Bibelfache gemangelt,und daß jedes Buch der hl. Schrift wehr als einenguten katholischen Interpreten gefunden hat. Anknüpfendan diese wahrheitsgemäße Darstellung kann der Papstmit Recht hervorheben, daß die Kirche es zu keiner Zeitunterlassen hat, dem Studium der hl. Schrift und derVerbreitung ihrer Kenntniß die gebührende Pflege zuwidmen, und demnach hiezu keines Anstoßes von akathol-ischer Seite bedurfte.
(Schluß folgt.)
Zur Pasquill -Literatur des Mittelalters.
Bei bedeutsamen, in ihren Wirkungen auch auf dieAllgemeinheit sich mehr oder weniger erstreckenden Ereig-nissen oder Manifestationen Pflegen wir meist nur vondenjenigen zeitgenössischen Urtheilen zu erfahren, welcheaus dem höherstehenden Kreise der Nation stammen, vonGelehrten, von Fürsten oder deren Räthen und Gesandten.Selten aber erlangen wir darüber genauere Kenntniß,wie das eigentliche Volk dächte und urtheilte, wenn wiruns nicht ganz besonders mit diesem Studium befassen.*)
Und doch sind solche Aeußerungen der Volksmeinungallzeit vorhanden gewesen und in irgend welcher Forman die Oeffentlichkeit getreten. Am freiesten zeigten siesich natürlich, als in Folge der Reformation eine all-gemeine Aufregung sich der Gemüther bemächtigte undder Geist der Kritik allenthalben sich ausgebreitet hatte.
Die Form, wie diese Art von öffentlicher Meinungsich manifestirte, war verschieden. Meist im Gewändeder Poesie auftretend, hatte sie im Süden, in Italien ,einen mehr sarkastischen, pamphletartigen Charakter,während sie in Deutschland mehr im Gewände harm-loser, wenn auch zuweilen recht derber Satire sich dar-bietet. Aber oft vermag sie in kurzen Worten uns einEreigniß in hellerer Beleuchtung zu zeigen, als dies eineseitenlange Relation eines Agenten oder Gesandten zuthun im Stande wäre. Und die Fürsten und Herrender damaligen Zeit ermangelten keineswegs diesen Aeußer-ungen aus der Mitte des Volkes die gebührende Auf-merksamkeit zu schenken, wie auch die fremden Gesandtennicht versäumten, ihren Souveränen hierüber die genauestenMittheilungen zu machen.
In Nom übte der berüchtigte „Pasquillo" eineMacht aus, der Rechnung zu tragen sogar die Päpstesich genöthigt sahen, und in Deutschland finden wirallenthalben in Archiven als Beilage zu den Akten überwichtige Ereignisse und Verhandlungen Abschriften oderwohl gar die Originale von solchen Pasquillen.
Einige originelle Beispiele bietet uns eine Anzahlvon solchen Spottgedichten über das AugsburgerInterim. Dasselbe war bekanntlich ein Versuch KaiserKarls V., ohne Anziehung der Kirche eine Einigungunter den verschiedenen Konfessionen herbeizuführen.Dasselbe fand aber bei Protestanten wie Katho-liken eine abfällige Kritik und der gesunde Sinn desVolkes sträubte sich dagegen, daß ein weltlicher Herr inkirchlichen Angelegenheiten das allein entscheidende Wortspreche. Bekannt ist ja der Vers:
„Wahr' dich vor dem Interim;
Es hat den Schalk hinter ihm."
Die meisten Sprüche aber treten im Gewände desAkrostichon auf. Soweit sie aus dem Kreise der Ge-
') Erst Janssen hat dies in systematischer Weise gethan.