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Verlaufe seiner Weisungen warnt der Papst — was be-achtenswcrth — eindringlich, den allegorischen Ge-brauch der Schrift ZU vernachlässigen; es ist natürlichhier unter Allegorie nicht jene Art der Interpretation zuverstehen, die nach Weise der alexandrinischen Schule stattGeschichte überall Allegorien sieht, sondern die Worte derEncyklika beziehen sich auf den sogenannten ssnsnsnooorainoäatus, der Schriftstellen auf Personen undGegenstände anwendet, die nach dem Literalsinne nichtdavon betroffen werden; so wendet z. B. die Kirche inder Liturgie eine Menge Stellen des Alten Testamentesauf die seligste Jungfrau oder den hl. Joseph an, diesich an und für sich keineswegs auf diese heiligen Per-sonen beziehen.
Der Brauch einzelner katholischer Exegeten, sichmit Vorliebe auf protestantische Ausleger zu stützen,während über dieselben Bücher oder Bücherthcile längsttreffliche Leistungen von katholischer Seite vorliegen, rügtder Papst ernstlich (iä niiuiuin äaäaost), auf die unter-laufende Gefahr der Aufstellung falscher Lehren undSchädigung des eigenen Glaubens aufmerksam machend.Der letzte Abschnitt dieses Theiles der Encyklika bieteteine sehr instruktive Anweisung, das Bibelstudium mitdem der positiven und spekulativen Theologie zu ver-binden, und betont die Nothwendigkeit dieser Ver-bindung.
Der vierte und letzte Theil der Encyklika handelt vonder allseitigen Feststellung und Aufrechterhaltung der gött-lichen Autorität der hl. Schrift. Die Autorität derSchrift beruht aber für uns in der Autorität des kirchlichenLehramtes. Würde nicht die Autorität der Kirche die denCanon bildenden Bücher Laxativ aufzählen, so müßten wirdarauf verzichten, von der Bibel als Gottes Wort überhauptzu reden; daher die bekannte Sentenz Augustins: Lvan§6lionon cwöäersva, nisi rns cornrnovörönb Loolvsiaa ca-tstolioLS nnciorltas. — Wie auf so manches andere,müssen wir uns leider auch versagen, auf das näher ein-zugehen, was der hl. Vater über das Studium der se-mitischen Sprachen sagt, und was genügsam er-kennen läßt, wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen liegt.Mit scharfen Worten wendet sich die Encyklika gegen diesogenannte „höhere Kritik", insoferne diese einzig undallein aus inneren Gründen die Authentie, Integritätund Glaubenswürdigkeit der heiligen Bücher beurtheilenwill und so der subjektiven Willkür den weitesten Spiel-raum gewährt. Der hl. Vater verwirft die höhere Kritiknicht an und für sich; aber er will sie mit Maß undVorsicht angewendet wissen; er legt den größten Werthauf die äußeren, historischen Zeugnisse und erkennt deninneren Gründen nur einen subsidiarischen Werth zu.
Mit allem Nachdrucke und großer Ausführlichkeit,unter Hinweis auf die Dekrete von Florenz und Trient und wörtlicher Wiederholung des vatikanischen Dekretes,behandelt die Encyklika die Lehre von der Inspirationund schärft den Satz ein: Die hl. Schrift ist alsWort Gottes absolut irrthumslos. Diese Aus-führungen sind offenbar gegen jene Katholiken gerichtet,die den Jnspirationsbegriff möglichst einzuschränken ge-neigt sind, und deren auch die neueste Zeit einige aus-weist. Wir nennen nur Lenormant in Frankreich , BischofClisford in England und Cardinal Newman , der in einemüber den Gegenstand geschriebenen Aufsätze die Ansichtverfocht, es gebe in der hl. Schrift „ostitor äiota", dievon der Inspiration ausgenommen sein könnten, welche
Behauptung dem Kirchenfürsten scharfe Widerlegungenzugezogen hat.
Zum Schlüsse wendet sich die Encyklika an die ka-tholischen Gelehrten des Laienstandes, sie auffordernd,mit Beobachtung derselben Normen und Kautelen wie dieGeistlichen ihr Scherflein zur Förderung der biblischenWissenschaft beizutragen und so ebenfalls die Wahrheitdes Psalmcnwortes zu erfahren: „Selig sind, die inseinen Zeugnissen forschen und mit ganzem Herzen ihnsuchen."
Palcstrina.
Zu seinem 400jährigen Todestag nach seinemLeben und Wirken geschildert von K.
(Schluß.)
Im Jahre 1585 wurde Sixtus V. Papst undPalcstrina componirte aus diesem Anlaß die fünf-stimmige Messe „1u es xastor ovium«, eine Aufmerk-samkeit, die der hl. Vater hoch anschlug. Die Aufführungentsprach aber nicht dessen Wünschen, und er soll dieAeußerung gethan haben: „Palestrina hat diesmal dieNiosg. kaxao Llaroslli und die Motetten der Oantiaavergessen," eine Bemerkung, die Palestrina nicht verdroß,sonst wäre er nicht sofort darangegangen, den Fehler zuverbessern, und hätte nicht alsbald die Motette rwmnnxta68b Dlaria und, die gleichnamige sechsstimmige Messe ge-schrieben, ein Werk voll wunderbarer Schönheiten, ebensoherrlich als berühmt. In dieser Messe ist gewissermaßeneine Verschmelzung der durch die Ni33a 1?apa6 Llaraelligeschaffenen Compofitionsweise mit der einfachen Majestätund Erhabenheit der gregorianischen Melodiegänge deralten römischen Liturgie erfolgt. Sixtus V. selbst sagtenach der ersten Aufführung, welche zudem nach kurzenProben erfolgte: „Das war heute wieder eine wahrhaftneue Messe, die kann nur von unserm Meister kommen.Am hl. Dreifaltigkeitssonntag beklagte ich mich über seineMusik, aber heute bin ich wieder ganz mit ihm ausge-söhnt. Wir wollen hoffen, er werde unsere Andacht nochöfter auf so liebliche Weise zu erfrischen suchen."
Papst Sixtus wollte Palestrina zum apostolischenKapellmeister machen, stand aber davon ab, da das Col-legium sich gegen einen Laien aussprach, und der Papstbestätigte ihn hiefür als Tonsetzer der päpstlichen Kapelle.Palestrina selbst that nicht die geringsten Schritte, umbesagten Posten zu erlangen. Stets arbeitete er undcomponirte gerade damals drei weitere Messen, die imDruck nicht erschienen, von denen aber besonders eine,„6666 lloliann63", ebenfalls ein Meisterwerk genannt zuwerden verdient; in kurzer Zeit folgte sodann wieder einstattlicher Band von Madrigalen.
Der Ruhm des Meisters erreichte gleichsam seinenHöhepunkt durch seine Lamentationen, die er für diepäpstliche Kapelle schrieb und dem Papste Sixtus V. widmete. Bis zu dieser Zeit waren die Lamentationenvon Carpentrasso im Gebrauch, obwohl sie etwas veraltetwaren, zudem waren sie in dem etwas steifen Flam-länderstile geschrieben. Seine erste Lamentation übergabPalestrina im Februar 1587 dem hl. Collegium, indemer sagte, auf höheren Befehl habe er sie geschrieben,unterziehe aber sein Werk ganz dem Urtheile des Col-legiums und der Sänger. Man sieht hieraus, daß esauch demüthige Componisten gab. Palestrina gehörteunstreitig zu dieser Klasse. Diese erste Lamentation fandvollgültigen Beifall bei der ganzen Kapelle, und der hl.