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Vater selbst sagte nach der ersten Aufführung in derCharwoche: «Wir wollen hoffen, daß wir im nächstenJahr auch die zwei andern Lamentationen in diesemStil werden zu hören bekommen." Dieser Wunsch warfür unsern Meister Befehl, der denn auch sofort sich andie übrigen machte und sie in kurzer Zeit vollendete,Meisterwerke in ihrer Art und doch so verschieden vonden bisherigen Werken, die er componirt hatte. Bannsagt über diese Kompositionen unter anderm folgendes:„Die Noten scheinen wegen ihrer Schwere und gleichenGeltung auf den ersten Anblick ohne Bedeutung; hörtman sie aber, so sind sie die feinsten Melodien. DieKunstmittcl scheinen nur angedeutet zu sein und in derAusführung hört man die blumigste Jdeenfülle. DerAusdruck der Worte ist überall heilig und Ehrfurcht ge-bietend, selbst die Pausen bedeuten hier das Ihre, siegeben nämlich Gelegenheit zu einer ernsten Betrachtungdes mystischen und allegorischen Sinnes, womit diebitteren Gefühle, wovon diese Klagelieder überfließen,erfüllt sind. Jeremias' erschütternde Beschreibung derLeiden seines Volkes ist durch die eigenthümliche MusikPalestrina'S charakteristisch gefärbt, keine Empfindung desersteren verklingt, ohne daß sie durch die letztereauf den möglichst erreichbaren Grad von musikalischemAusdruck gesteigert worden wäre." Es ist heilige Musik,es ist heiliger Gesang! Sixtus V. war mehr als hoch-erfreut und entzückt über diese Werke des großen Meisters.Außer den Lamentationen bearbeitete er auch das Benc-dictus so, daß es abwechselnd mit dem Chor nach her-gebrachter Sitte gesungen werden konnte, desgleichen fügteer diesem Sixtus V. gewidmeten Bande noch einige Versedes ergreifenden Nissrsrs-Psalmes bei.
Schreibt heutzutage einer einen Noman, componirtheutzutage einer eine Operette, wenn auch des leichtestenund seichtesten Genres, so erhält er vom Verleger, vondem aufführenden Theater so und so viel tausend Markund noch Tantiemen von so und so viel Aufführungen,er wird ein vermöglicher, oft reicher Mann und kannsich sehr viel erlauben, denn seine Mittel erlauben ihmdas; Palestrina arbeitete nicht nur ungcmein viel, son-dern er componirte Meister- und Musterwcrke, und doch,so geneigt ihm die Musen waren, materiell wurde er,wie es scheint, ungemein mager entschädigt, er selbst sagtvon sich zu der Zeit, als er die Lamentationen vollendethatte, also zu Ende seines laugen wirkungs- und segens-reichen Lebens, daß er arm sei. Freilich blieben seineWerke Manuscripte für die päpstliche Kapelle, gedrucktwurde bloß auswärts einiges, das auf heimliche Weisein andere Hände gekommen war. Allein sicher wäre einGenie, wie Palestrina , in unsern Tagen bei seiner reichenSchaffenskraft bald ein CrösuS. Trotz der materiellenMißstände ließ sich's aber der Meister nicht verdrießen,er war eben kein Rasten und kein Ruhen gewöhnt, keinTag blieb sins linsn, bei ihm ohne Noten, und sofort,nachdem er die Lamentationen beendet hatte, warf er sichwieder energisch auf strengere Studien und kehrte zu denHymnen der römisch-katholischen Kirche zurück. DieseHymnen sind dem Texte nach das Schönste, was mankennt, und die Kompositionen Palestrina'S zu denselbenschmiegen sich diesem herrlichen Texte so innig an, daßsie den Meister für alle Zeiten als Meister dokumentiren,auch dann, wenn er gar nichts anderes geschaffen hätte,denn man darf mit Fug und Recht sagen, daß sich inkeinem andern Werke Palestrina'S so gewühlte Feinheitendes musikalischen Ausdruckes finden, als in diesen Hymnen^
besonders ist der Schluß derselben stets ungemein groß-artig gehalten, meist fünf- und sechsstimmig, überreichan Harmonien, an Majestät und erhabener Wirkung.Er widmete dieselben dem Papste Sixtus V. , der sie soliebte, daß er einige derselben beständig für sich sang/Ein Jahr darauf widmete der Meister dem HerzogWilhelm II. von Bayern das fünfte Buch der Messenund Papst Gregor XIV. zwei Motettensammlungen, wofürihm der HI. Vater seinen Gehalt als Tonsetzer der päpst-lichen Kapelle vermehrte im Jahre 1591.
Wilhelm II. hatte eine vorzügliche Kapelle, derenDirektor der bekannte Komponist Orlandus Lassus war,er war ein Fürst, von dem ein Zeitgenosse sagt: «prinsspsvsrs maxnus, sapisus, plus, st religiösem". Er wares auch, der Palestrina , da derselbe sich in materiellenNöthen befand, zweimal reichliche Geschenke sandte, einUmstand, der den Meister aus Dankbarkeit zu obenge-nannter Dedikation bestimmte. Unter den acht Messensind besonders erwahnenswerth die beiden: „^.stsrnriEstristi rnnnsra" und «Isis oont'sssor". Die er-wähnten Motettensammlungen enthielten sieben 6siimmigeund acht Lstimmige Motetten, das Ltalmt nratsr undein Llagnitlsat, beide 8stimmig. Das herrlichste dieserWerke ist das Ltadat watsr, das allein genügt hätte,Palestrina'S Namen unsterblich zu machen. KönigFriedrich III. von Preußen hörte im Jahre 1822 nebstanderen und zwar den besten Stücken auch dieses Werkin Rom im Palast clslla sonsnlta. im Quirinal , auf-geführt von der päpstlichen Kapelle, und sagte nach Schlußder Aufführung: „Ich habe in allen vorgekommenen Musik-stücken die Höhe der Kunstvollendung bewundert, in diesemLtabat inatsr aber fesselte mich Wahrheit und Natur."Vom Papste erhielt Palestrina von der Dedikation diesesWerkes an bis zu seinem Lebensende statt bisheriger elfScudi per Monat vierundzwanzig Scudi. In dieserkurzen Zeit vor dem Tode des großen Meisters war das ird-ische Glück ihm noch günstig; er wurde nämlich Concertmeisterbei dem Kardinal Aldolbrandini, dem er das sechste Buchseiner Messen widmete, und fand eine hohe Gönncrin inder Großherzogin von Toskana , für die er einen zweitenBand Madrigalen schrieb. Wir sehen, Palestrina warstets sehr dankbar. Dies war sein letztes Werk, derSchwancngesang des gottbegnadigten Künstlers.
Eine Rippenfellentzündung erschöpfte in Bälde seineKräfte, Ende Januar 1594 ertheilte ihm sein väterlicherund priestcrlicher Freund, der hl. Philipp Ncri, die hl.Stcrbsakramcnte, er nahm rührenden Abschied von seinemSohne Jgino, segnete ihn und ertheilte ihm den Auftrag,seine Kompositionen „zur Ehre und zum Ruhme desallerhöchsten Gottes und seines heiligen Dienstes in derKirche" drucken zu lassen, und starb am Feste MariäReinigung , den 2. Februar 1594, in der Frühe unterden Gebeten des hl. Philipp Neri , der ihn besonders aufdie Himmelskönigin und ihre mächtige Fürbitte hinwies,worauf Palestrina sterbend sagte: „Ja, ich wünsche essehnlichst; möchte die hl. Maria, meine Fürbitterin, dieseGnade von ihrem göttlichen Sohne erhalten!" So starbnach einem ungemein schaffensrcichen Leben und Wirkender große Meister der Musik, der demüthige Mensch, derdurch und durch katholische Palestrina . Möge er würdigbefunden worden sein, das große Alleluja im Jenseitsmitfeiern zu dürfen, er, der oft auf Erden an dasNissrsrs denken durfte! Auf Befehl der Curie ward ermit allen Ehren eines Kardinals oder Fürsten begraben,indem man seine sterblichen Ueberreste in der Basilika