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des Vaticans beisetzte, wohin ihm ganz Nom trauernddas Geleite gab. Sein Nachfolger im Amte wurdeFelice Anerio , nach dessen Tode ein eigener Tonsctzcrder päpstlichen Kapelle nicht mehr angestellt wurde.
Sein Sohn Jgino gab eine größere Reihe derWerke seines Vaters heraus aus Befehl des Papstes.Nach Giuseppe Baini bestehen die Werke Palestrina's imGanzen aus: 20 Büchern Messen, 10 Büchern Motetten,4 Büchern Madrigalen, 3 Büchern Lamentationen,2 Büchern Magnisicat, 3 Büchern Litaneien und2 Büchern Offcrtorien, im Ganzen aus 36 Bänden.Palestrina hat demnach mit seinen Talenten zur EhreGottes und zur Verherrlichung des Gottesdienstesgewiß so fleißig gearbeitet, wie noch nicht leicht einer,und sein Name wird sorileben, so lange das Lob Gottesin seinen heiligen Tempeln gesungen wird, sein Namewird unsterblich sein und bleiben.
ll. I'. Nachdem in Vorstehendem eine Darstellungdes Lebensganges Giovanni Picrluigi's da Palestrina undseiner genialen Thätigkeit gegeben worden ist, uiöge esauch dem Schreiber dieses gestattet sein, zum Ruhme deSMeisters ein weniges beizutragen durch eine allgemeinereBesprechung seiner Werke, soweit sie größere Kreiseinteressiren mag.
Mit Palestrina hat der polpphone Stil der Kirchen-musik seine glänzendste Entfaltung genommen und seinehöchste Blüthe erreicht, von ihm nahm er zugleich auchden Namen an. Diesen Palestrinnstil nun nennen dieeinen zwar mit viel Respekt, schrecken aber im Innerstenzurück vor der „Langweile solch ewigen Eincrlci's vonTongewirren und tonlcitcrähnlichen Auf- und Abjagcnsder Stimmen"; den andern — bilden sie wohl die Mehr-zahl der Kircheumusiker? — gelten dieser Stil und die Werkeseines größten Vertreters als das Edelste, was in Kirchen-musik geschaffen wurde, ja als Ideal alles mehrstimmigenKirchcngcsanges. Wie einer, an dessen Macht kein Be-denken und kein Hinderniß herankommt, übernahm Pa-lestrina die contrapunklische Erbschaft von den großenVorfahren und formte das Material, das kalte und leb-lose, nach freieren Gesetzen, nur dem Fluge des Genieseigen, zu den stanncnswcrihcstcn Kunstwerken. Nicht diecontrapunklische Form, sondern der Text wurde ihm zumbestimmenden Moment und dadurch betrat er die neueBahn. Der Text war Palestrina die Hauptsache; vonihm ließ er sich begeistern und hinreißen und diesem gabsein Genius hinwiederum die frömmste, gottcrlcnchteteInterpretation. Er verschmähte es nicht, Tonmalereienanzuwenden, einfach, aber klar und sprechend, reizendmöchte man sie nennen wegen ihrer nngesuchten natür-lichen Schönheit, aber immer würdig, immer der Ausflußeines Geistes, der seine Melodien vom Himmel geholt zuhaben scheint. Welche Zartheit, welcher Adel und Reich-thum der Melodie und Harmonie! Welche Festesfreude,die schon in den ersten 3 Takten einer Festmesse auf-leuchtet; welch tiefe Trauer, welch hcrzdurchdringenderSchmerz in den Jmproperien, den Nesponsorien der Chnr-woche, den Lamentätionen! Der ü?rinvops innsiaas warein König auf seinem Gebiet, der den Tönen, Melodienund Harmonien befahl, das Herz der Zuhörer zu rühren,zur Andacht, zu gottinnigem Gebete und zur Betrachtunghinzureißen. Wenn im Khrie der Marcellnsmesse Festes-freude hochauschwcllend die Brust des Hörers füllt, wenner so recht sich glücklich preist, mit der Kirche im Herrnsich freuen zu können, dann hält Palestrina den Sinn
des Beters für zubereitet, um ihm im Gloria gleichsamselbst vorzubc/cn ein Gebet der tiefsten Demuth zum mächtigenherrlichen GEc. Der Gesang scheint von der Erde sichbis zum HiMMc/ erhoben zn haben, es ist, als ob dieMelodien von vier oder sechs Engelchvren au unser Ohrdringen: tief in Demuth neigen sie das Haupt undhauchen ein ^.clorarnrm, das der Chor andächtig betrachtendwiederholt; dann wieder scheint der Cherub den Blick zuerheben zur strahlenden Majestät des ewigen Gottes, undin staunendem Jubel singt der Chor das Lob des Drei-cinigen. Mag dies nun überschwänglich scheinen — wirkönnen uns nicht dazu verstehen, bei Palestrina eine kalteBerechnung des Effektes anzunehmen, jeder Satz trägtunverkennbar den Adel der Genialität zur Schau undwird nur verständlich und erwärmt nur, wenn er hin-genommen wird als der höchsten Begeisterung entflossen.
Für den großen Werth seiner Compositionen undfür die aufrichtige Verehrung, welche Palestrina vonseinem Jahrhunderte gezollt wurde, zeugt besonders dersagcuartige Nimbus, welcher alsbald das bekanntesteseiner Werke umgab, die Nisss, ü?axao Llarcwlli. JederMusikschriftsteller weiß darüber etwas besonders zn be-richten, alles nur aus Verehrung für den großen Meister.Doch, wenn wir nach der strengen Wahrheit fragen, wirddie Antwort kurz beisammen sein.
Nach den Beschlüssen des tridentinischen Concils wareine weltliche, lascive Musik von der Kirche auszuschließen.Das Concil hielt sich nur an diesen allgemeinen Ausdruck,das nähere und einzelne zu bestimmen, blieb den Bischöfenfür ihre Diözesen überlassen. Für Nom wurde eine aus8 Cardiuälen bestehende Commission angewiesen, die vomConcil gewünschten Reformen bei den päpstlichen Behörden,Anstalten u. s. w. durchzuführen. Zu diesen zählte auchdie päpstliche Kapelle. Mit der Neformirung dieser wurdenzwei Mitglieder der Commission betraut, die CardinäleCarlo Borromeo und Vitcllozi Vitelli. Zunächst trafensie Bestimmungen disciplinärer Art, dann erst beschäftigtensie sich mit der Frage, wie den bisherigen Klagen überSchwerverständlichkeit des Textes abzuhelfen sei. DerCardinal Vitelli berief zn einer diesbezüglichen Probemehrere Sänger der Kapelle am 27. April 1565 in seineWohnung. In den Punktationsbüchern der päpstlichenKapelle wird darüber kurz vermerkt: Ois Lalldati,28. ^.pr. 1565. ^.cl instantiarn Rsv.pfl OaräinaligVitallotii luinrug conArkAnti in ckonro esusäsmIlov.L* aä ckoLantanclas aliquot raissas, ab pro-Uanclnin, si vcwlla intalliAarantur pront ltevarvn-clissiwig xlrrest.*) Baun erzählt nun als ganz sicher,bei dieser Gelegenheit seien drei Messen von Palestrina gesungen worden und hätte von diesen die LlisLU kapaschlaraolli allwegs entsprochen und höchstes Lob gcerutct,Habcrl weist dagegen darauf hin, daß es nach den bisjetzt bekannten Urkunden ganz und gar zweifelhaft sei,welche Messen gesungen wurden. Es ist möglich, ja sehrwahrscheinlich, daß die eine oder andere Messe Pa-lestrina's, also etwa auch die Marcellnsmesse, hiezu ge-wählt wurde, und es ist auch ganz klar, daß geradeseine Messen vollauf befriedigen und jedes Bedenken be-nehmen tonnten, da er ja schon von Anfang an bestrebtwar, die zwecklosen Zicrathen zu vermeiden und dem Textezum klaren Verständniß und Ausdruck zu verhelfen. DaßPalestrina in seinem Streben durch die Klagen des Konzilsund der Cardinäle noch mehr bestärkt wurde, ist wohl
P Hciberl, Kirchenmusik. Jahrbuch 1892, ga§. 82 ff.