Ausgabe 
(8.2.1894) 6
 
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verständlich. Eines ist sicher erwiesen, daß nämlich dieNissa Vuxrw Na-roelli nicht, wie überall zu lesen,eigens für eine Probeanfführnng geschrieben wurde,sondern schon vorher componirt und gesungen wordenwar. Denn die älteste Quelle für diese Messe ist einCodex der Kapelle in S. Maria Maggiore. Dort schriebsie Palestrina für seinen Chor. Wie vordem die Jmpro-perien, wurde 1565 diese Messe mit uoch andern fürden Gebrauch der päpstlichen Kapelle copirt, ohne An-gabe von Titel und Autor. 1567 erschien sie imII. Buch der Messen zum erstenmal im Druck, und daerst gab ihr Palestrina den Titel: Dlissa I?apU6 Nai-velli zur dankbaren Erinnerung an seinen GönnerMarcello Cervini, der als Papst Marcellus II. nur21 Tage regiert hatte.

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß den Berichtender Musikschriftstcller und Lexikographen bezüglich dieserFrage nur mit Vorsicht Glauben geschenkt werden darf,denn die neueren Nachforschungen Haberls haben diebisher geltenden Ansichten über Entstehung und historischeBedeutung der Marcellnsmesse gänzlich ins Wanken ge-bracht. Vielleicht bringt rastloses Forschen noch völligeKlarheit über die Frage bezüglich dieser Blesse. Wie demaber auch sei, die Dlissa, kapae Nareslli verliert nichtsvon ihrem Werthe, denn der fromme Zauber und diegroßartige Pracht dieser Messe stempeln sie für alleZeiten zu einem Kunstwerk ersten Ranges.

Staunenswerth ist die Schaffenskraft des Meisters.Er schrieb 93 Messen, darunter 28 fünfstimmige, 21 sechs-stimmige und 5 achtstimmige, 360 Motetten, Hymnen,Litaneien, Magnifikat, nur Werke für die Kirche be-stimmt, mit Ausnahme von 3 Büchern weltlicher Madri-gale, welche er in der Jugend componirte. Palestrina wählte zu diesen letzteren als Texte vorzüglich Liedervon Petrarca. Obwohl diese Gesänge weit entfernt sindvon den derben, fast zotigen Gesängen anderer gleich-zeitiger Meister, so bereute Palestrina später doch auf-richtig, daß er sich in seiner Jugend eitlen Ruhmes wegendamit abgegeben habe. Rührend ist, wie darüber der69jührige Meister denkt. Er schreibt 1583 in der Os-äicmtic» der Gautiaa, (lantiooruru an Gregor XIII :

so numoro aliguauäo Inisse ino, ob orndesLo,et äoloo. 8aä gnanäo praotorlta. mntari uon iwssnnt,N66 raääi inloota, yuuv kaeta, jam auut, Consiliummutavi."

Palestrina veröffentlichte einen großen Theil seinerWerke. Nach feinem Tode beauftragte Papst Clemens VIII .dessen überlebenden Sohn Jgino, die noch ungcdrucktenWerke des Vaters mit den bereits cdirten zu einer Gc-sammtansgabe zu vereinigen. Jgino verkaufte aber die-selben schleunigst an zwei vcnetiauischc Buchhändler undso wurde der große Gedanke des Papstes vereitelt unddie Werke Palestrina's blieben in den verschiedenstenAusgaben in den Bibliotheken Italiens und Dentscb-lands zerstreut. Dem Eifer und der Ausdauer einesBaini, Proske, de Witt, Espagne , Rauch,Commer und besonders der fieberhaften ThätigkeitHaberls gelang es, sämmtliche Werke aufzufinden.Baini machte 1821 die ersten Versuche, eine Gesammt-ansgabe zu ermöglichen; seine Anfrage um Unterstützungin Frankreich blieb resultatlos. Nun wurden durch dieeifrige Vermittlung Buusens, des damaligen preuß-ischen Gesandten in Rom , Verhandlungen mit der großenFirma Breit köpf u. Härtet in Leipzig angeknüpft.

welche bis 1841 dauerten, aber zu keinem festen Ent-schlüsse führten. Die berühmte Firma scheute die Opfernicht und kam nach 20 Jahren wieder auf den Gedankenzurück. Was Theodor de Witt, unterstützt durch dieMunifizenz König Friedrich Wilhelms IV. vonPreußen, während neun Jahren in Italien gesammelthatte, das war nach dessen allzufrühcm Tode in dieBerliner königlichen Bibliothek gekommen und erschiennun, 1862 und 1863, revidirt von Ranch, als die dreiersten Bünde der Gcsammtausgabe. Als nach Verlaufvon 11 Jahren Espagne fünf weitere Bände veröffent-licht hatte, starb auch er 1878. Fr. Commer besorgteuoch den neunten Band, und jetzt übernahm die Wetter-führung des Werkes Domkapellmeister Fr. L. Haberl inNcgensburg, welcher das gcsammte Material beinahedruckfertig bereit hatte. Durch Gründung eines Palestrina -vereins gewann er neue Siibscribcntcn, und nun nahmdas Werk einen raschen Fortgang, indem fast alljährlichzwei neue Bände erschienen. Am Ende des Jahres 1893lag die Gcsammtausgabe vonPierluigi daPalestrina's Werken" in 32 Bänden, Groß-folio, in ausgezeichneter Ausstattung fertig vor;das herrlichste Denkmal, das Verehrung und Begeisterungdem unsterblichen Meister zu seinem dritten Centenariumsetzen konnte. Besonderer Dank gebührt den unermüd-lichen Forschern, in erster Linie Haberl, und der preuß-ischen Regierung, welche den Beginn des Werkes er-möglichte durch generöse Subscription auf fünfundsiebzigExemplare.

Nun ist den Chorregenten und allen Freunden derKirchenmusik ein Zanberland der Töne erschlossen, istihnen eine Schatzkammer geöffnet, deren Reichthum un-erschöpflich ist. Es ist nicht mehr als billig, daß jedernach Möglichkeit darin arbeite und daraus Nutzen schaffefür sich und andere. Die Werke Palestrina's sollenwieder bekannt werden; wie man überall gerne die Ko-pien von Werken seiner Zeitgenossen, eines Nafael undMichelangelo , sieht und kennt, so sollen auch Pierluigi'sWerke wieder Eingang finden und bei unsern Chörenverbreitet werden, selbst bei den kleineren. Wo nur eineinfaches Quartett gut besetzt ist, da darf man sich, wennder Dirigent ein tieferes Studium und anfängliche Blühenicht scheut, ohne Zaudern an's Werk wagen, der Erfolgwird jede Anstrengung lohnen. Niemand soll sich durchdie vermeintlichen Schwierigkeiten abschrecken lassen, denndiese sind hier meist nicht so groß, als bei modernenKompositionen Zweiten Ranges. Wenn einmal durchProben und Feilen der Stil getroffen ist, dann singendie Sänger mit unverkennbarer Freude viel lieber undleichter eine alte Messe als eine neue. Man darf auchnicht der Ansicht sein, zu den Gesängen der Alten wärengroße Chöre erforderlich, Palestrina selbst hatte imJahre 1551 vier Soprane, cbcnsoviele Alte, Tcnörc undBässe. 1584 sind es sechs Soprane, vier Alte (nicht,wie die Soprane, Knaben-, sondern Männerstimmen,hohe Falsettistcn), vier Tcnöre und cbcnsoviele Bässe.Diese Besetzung mußte für große Räume und für acht-und zwölfstimmige Sachen ausreichen. Auch den Grundkann ich nicht gelten lassen:Das Volk versteht dieseGesänge nicht, sie seien ihm zu langweilig." Geradedas Gegentheil behaupte ich. Ich habe in Domkirchcnschon einfache Landlcule gesehen, welche zwei, drei Stundenweit her zum Gottesdienste in die Stadt' kamenwegender schönen Kirchenmusik" und andächtig, mit gespanntesterAufmerksamkeit, mit sichtlicher Freude den dahinschwebenden