Nl. 7.
15. Mum 1894.
Eine anglikanische Stimme über die Bibel-Encyklica des hl. Vaters.
? Der vielgenannte „Pater" Jgnatius, Gründer undOberer des anglikanischen Klosters Lanthony in Wales hat anläßlich der Encyklica Leo's XIII. über das Bibel-studium einen Brief der katholischen englischen Presseübersandt. Die wichtigsten Stellen dürften der Wieder-holung werth sein.
„Gestatten Sie mir als nicht-römischem Katholikenauszusprcchcn, mit welcher großen Freude und lebhaftenErkenntlichkeit ich die letzte päpstliche Encyklica gelesenhabe. Der herrliche, wüthige und unerschütterliche Glaube,mit welcher sie für die hl. Schrift vor der ganzen Weltder Wissenschaft und des Unglaubens eintritt, ist be-wundernswerth.
Am Ende des 19. Jahrhunderts die Thatsache wiederzu bestätigen, daß die hl. Schrift irrthumsfrei ist, weilsie, unter der Inspiration des hl. Geistes geschrieben, Gott selbst zum Urheber hat, ist an sich ein erhabener Glaubens-akt, der die Bewunderung und die Dankbarkeit der ganzenchristlichen Welt verdient!
Für die Protestanten und Anglikaner müssen allerömischen und orientalischen Katholiken Gott danken,Leo XIII . einen so heldenhaften Muth eingeflößt zuhaben. Es ist mir unmöglich, darzustellen, mit welchemstets zunehmenden Erstaunen ich diese weisen und wackernWorte studiert habe!
Der hl. Geist allein hat sie in die Feder gegebenund die Hand beim Schreiben geleitet. Dieser zweiteLeo der Große hat die Welt mit einer Fluth himmlisch-lichten Glaubens erhellt, der die aufrichtigen JüngerJesu Christi trösten und beruhigen muß. Dieser über-menschliche Muth muß alle guten Protestanten vielleichtnoch mehr erfreuen, als die Katholiken.
Wenn die Behörden der anglikanischen Kirche esnicht mehr wagen, als Vertheidiger der hl. Schrift auf-zutreten, wenn sie denjenigen ihrer Ankläger kein Still-schweigen auferlegen, welche zum autorisirten anglikanischen Klerus gehören, so müssen sie früh oder spät Abfalls-erschcinungen ohne Beispiel zu Gunsten der KircheLeo's XIII. erwarten.
Der Papst konnte denjenigen, welche noch an JesusChristus glauben und ihn lieben, keinen größeren Diensterweisen, als der Kirche und der ganzen Welt diese herr-liche und erhabene Encyklica über das Bibelstndium zugeben. Auch werden alle aufrichtigen Christen sie mitFreude und Dankbarkeit begrüßen."
k. Jgnatius wird ohne Zweifel noch zur Mutter-kirche zurückkehren. Die Fortschritte der katholischenKirche in England sind großartig. Die tüchtigsten angli-kanischen Geistlichen treten über, viele würden folgen,wenn Familie und Pfründe nicht wären. Jüngst sindwiederum drei anglikanische Geistliche zum Katholizismusübergetreten. Es sind dies: der Londoner Pastor Suther-land Macklem, der Armee-Kaplan Wood und der PastorBriggs von Devonport. Seit dem Prozeß des wegenNitualismus angeklagten anglikanischen Bischofs vonLincoln haben sich nicht weniger als vierzehn Geistlicheder Staatskirche dem Katholizismus zugewandt.
Eine neue Apologie.
Die Namen Hettinger, Gntberlet, Schanz und Weißzeigen zur Genüge, daß das katholische Deutschland zurZeit über gediegene Werke der apologetischen Literaturverfügt. Aber neben den eigenen Produkten hat diedeutsche Wissenschaft stets auch fremde Arbeiten inheimathlichem Gewände neidlos aufgenommen und freudigbegrüßt, wenn sie wahrer Wissenschaft förderlich waren.Dieses Prädikat dürfen wir mit vollem Rechte dem Werkedes Franzosen Bongand^) vindiciren. Schon der Namedes Verfassers, der dem deutschen Publikum durch seineliterarische Thätigkeit längst rühmlich bekannt ist ^), bürgtdafür. Außerdem berechtigt die von ihni angewandteMethode dazu, seine Apologie eine neue zu nennen.
Bougaud , 1888 als Bischof von Lnval gestorben,steht als Redner und Schriftsteller einem Montalcmbert,Lacordaire und Dnpanlonp ebenbürtig zur Seite. Freilichverräth er sich durch seinen Stil und Nationnlpatriotis-mns sofort als Franzose. Aber er zeigt sich durchausals genialen Meister der Form, und obwohl glühendvon Liebe zu seinem Vaterland«:, zeichnet er die Schwächenund das geistige Elend seines Volkes mit photographischerTreue. Die Entdeckungen des Jahrhunderts und die Fort-schritte der Wissenschaft in gerechtester Weise würdigend,übersieht er keineswegs die traurigen Schattenseiten des19. Säkulums und bezeichnet als die Hauptursache allesUebels die Jrreligion. „Unser Jahrhundert, klagt derVerfasser mit wehmüthigem Schmerze, hätte das aller-glücklichste werden können, nur Eines fehlt ihm, Gott —und dieses genügt, um alles zu vergiften bei den Ein-zelnen, wie in der Familie, unter dem Volke, wie in derGesellschaft."
Im Großen und Ganzen darf man wohl HettingersApologie eine dogmatische, die Gutberlet's eine philo-sophische, die von Schanz eine naturwissenschaft-lich - h i st o r i s ch - k r i t i s ch - b i b l i s ch - e x e g e t i s ch e unddie Weiß'sche eine moralistisch-kulturhistorischenennen. Bougand's „Christenthum und Gegenwart"ergänzt sie nun in würdevoller Weise als eine Artpsychologischer Apologie. Ausgehend von deMaistre's berühmtem AuSspruche, daß „es in der kathol-ischen Kirche kein Dogma, ja keinen allgemeinen, derhöheren Disciplin ungehörigen Gebrauch gebe, welchernicht in den tiefsten Tiefen der menschlichen Naturwurzelte," geht der Verfasser, entsprechend dem Geiste„unseres Jahrhunderts, welches Thatsachen lieber hat alsIdeen und für die Methode der Beobachtung schwärmt"(II, 482), von der Psychologie, der Methode derinneren Beobachtung aus. Dabei werden aber dieäußeren Beweismittel nicht vernachlässigt, vielmehr diesicheren Resultate der Archäologie, Geschichte, Sprach-kuude, Philologie und historischen Kritik gewissenhaft undmit feinem Takte verwerthet. So ist denn das beiseinem ersten Erscheinen freudigst aufgenommene Werb)
Christenthum und Gegenwart. Autorisirte deutsche Uebcrsctznng von Philipp Prinz von Nrcnverg. 1. Bd.:Religion und Jrreligion. Kirchheini, Mainz 1891. —2. Bd.: Jesus Christus . 1693.
2) Geschichte der hl. Monika, deutsch , ebenda?. 1870. —Geschichte der hl. Franziöka v. Chantal, deutsch , Herder, Frei-bnrg 1872.
') Es liegt bereits in 5. Auflage vor, ist in's ItalienischeUngarische und Kroatische übersetzt.