Ausgabe 
(22.2.1894) 8
 
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22. Mrnar 1894.

öil'. 8.

Der gegenwärtige Stand der Hydrotherapie.

Von vr. H. Euringer.

Die Behandlung von Krankheiten mit Wasser istnichts Neues. Sie läßt sich bis zu den Zeiten desHippokrates zurückverfolgen, und schon Asklepiades hatteden Beinamen Psychrolutes (Kaltwasserbader). KaiserAugustus und Dichter Horatius wurden schon von An-tonius Mufa mit bestem Erfolg hydrotherapeutisch be-handelt. Es gab allerdings im Laufe der Zeiten ver-schiedene Perioden, wo das Wasser von andern Heil-methoden mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, umdann nach kürzerer oder längerer Pause wieder in derWerthschätzung der Patienten zu steigen. Dazu trugen das kann und soll nicht geleugnet werden nament-lich zu gewissen Zeiten hervorragende Laienhydrothera-peuten bei, wie z. B. ?. Bernhard, ein italienischerKapuziner, der schon 1724 auf Malta das Barfuß-gehen auf kalten Steinen, nassem Boden und frischemSchnee" schilderte, Umschläge undAufschläger" an-wandte, ferner der geniale Bauer und ThierarztPrießnitz 1799 und heute der gefeierte EmpirikerPfarrer Kneipp . Daneben entwickelte sich unentwegtdie wissenschaftliche Hydrotherapie weiter, und wenn auchmanche Aerzte aus Skepticismus oder aus Bequem-lichkeit nicht viel davon wissen wollten, so hat es dochjeder Zeit bis auf den heutigen Tag zahlreiche und be-deutende Vertreter und Anhänger dieser Heilmethodeunter den Aerzten gegeben, wovon die zahlreichenSchriften aller Zeiten über diesen Gegenstand und dievielen ärztlich gegründeten und geleiteten Wasserheil-anstalten Zeugniß geben. Den gegenwärtigen Standdieser Frage mögen uns einzelne Aussprüche bekannterAerzte verschiedener Länder illustriren.

Italien : Pros. Semmola von der UniversitätNeapel, ein persönlicher Zeuge der Prießnitz'schen Zeitenund Erfolge, schreibt in einem Werke (1890), das durchein Vorwort von Pros. Nothnagel in Wien besondersempfohlen wurde:

Bei Organerkrankungen, die aller Behandlung trotzen,weil sie durch bestimmte Veränderungen im Stoffwechsel be-günstigt werden, kann der Arzt in vielen Fällen eine wahreund wirkliche Kur vollbringen, indem er ohne jedes Mcdicamcntalle Funktionen des Organismus zur höchsten Thätigkeit an-spornt und zwar durch bloße Anwendung der gewöhnlichenphysiologischen Agentien und hauptsächlich der Hydrotherapie.

Der methodische innere und äußere Gebrauch des WasscrSim Vereine mit Klima, Bewegung rc. sind die Mittel, wodurchdie Wasserheilkunde die Hautthätigkeit anregt und damit alleFunktionen des Stoffwechsels und der Ausscheidung, so daßoft wahre Wunder von Heilung bei ernsten und desperatenKrankheitsformen beobachtet werden."

In dem IV. Congreß der SocietL Jtaliana diJdrologia zu Florenz im Jahre 1892 sprach unter andernPros. Canova von Adorno über die Wasserbehandlungder Nückenmarksschwindsucht. Er kam zu dem Schlüsse,daß die Hydrotherapie für die Behandlung derselben vonkapitaler Bedeutung sei.

Cantani verwendet seit vielen Jahren das kalteWasser theils mittelst Trinkens, theils mittelst Einzieh-ungen zum Zwecke der Wärmeentziehung bei fieberhaftenErkrankungen. Er läßt z. B. beim Flecktyphus denKranken binnen 24 Stunden 56 Ltr. eiskalten Wassersnach und nach trinken und erreicht damit eine merklicheAbkürzung der Kraukheitsdauer.

Frankreich : Dujardin-Beaumetz sagt in seinenklinischen Vorlesungen (Therap. Gazette 1888):

Die günstigen Erfolge des kalten Wassers bei der Be-handlung von Krankheiten rühren von seiner Physiologischen Wirkung auf die Circutaiion, das Nervensystem, die Er-nährung, sowie von seiner revulsiven und wärmeherabsetzendenWirkung her."

Jacquet glaubt, daß die methodische Anwendungder Hydrotherapie bei Hautkrankheiten, die von Störungendes Nervensystems abhängig sind, mehr als billig ver-nachlässigt werde. Er räth, Hiebei öfters, als dies bisherüblich, zur Hydrotherapie seine Zuflucht zu nehmen undzwar in Form von Donchcn und kurzen kalten Ueber-gießuugen.

Pros. Peter von der Vools äs Llsäioens sagtin seiner Vorrede zu dem Werke von Duval:

Hydrotherapie genügt in den meisten Krankheitsfällen.Mit andern Behandlungsmethoden combinirt, ist sie einmächtiges Unterstützungsmittel. Kann man Besseres odermehr darüber sagen?"

Bemerkeuswerth ist noch, daß der Generalrath deSDepartements Hautes-Pyrsuses in einer Resolutionder Regierung den Wunsch ausgedrückt hat, daß einLehrstuhl für Hydrologie an der medicinischen Fakultätvon Toulouse errichtet werde.

Auch durch ärztliche Vereinigungen, wie z. B. dieLooists ä'v^ärolo§is insäisals äs varis mit 1200Mitgliedern, und Preisausschreibungen gibt die gelehrteWelt ihr Interesse an der Wasserbehandlung kund; sowurde im Jahre 1892 von der ^saäönris äs Nsässinsin Paris ein Preis von 5000 Frs. für die beste Ab-handlung über die Kaltwasserbehandlung des Typhus vertheilt; im Jahre 1894 gelangt der vrix Oaxuronzur Vertheilung. Thema: Vergleichende Untersuchungüber die hydrologische Behandlung der Zuckerkrankheit.

England : Pros. Lander Brunton empfiehlt dasWasser als Lösungsmittel und Reinigungsmittel.Sowie das Wasser zum Durchspülen der Kanäle verwendetwird, so reinigt es auch den Körper von Abfallsproducten."Besonders bei Gicht und Rheumatismus , bei Zuckerkrank-heit, Verstopfung rc. hat er von Anwendung dieses ein-fachen Mittels die schönsten Erfolge gesehen.

Seit Beginn des Jahres 1891 ist von englischenAerzten bei Fieberanfüllen zur Herabsetzung der Tem-peratur ein mechanischer ApparatIssoraäls" (Eis-gestell) in Verbindung mit Abspülungen in Verwendung,vr. Soltan-Fenwick (London ) berichtet über 100Fälle von Unterleibstyphus und über 153 von acuterLungenentzündung, welche mit glänzendem Erfolge aufdiese höchst einfache Art behandelt worden waren.

vr. Angel Money redet der Kaltwasserbehandlungganz besonders bei Luftröhren-Lungenentzündung vonKindern das Wort. Der hauptsächlichste Vortheil liegtnach M. in der Erhaltung der Kräfte, nicht allein desHerzens, sondern auch der Athmung, des Nerven- undMuskelsystems, ferner wird die Dauer der ganzen Er-krankung abgekürzt und die Neconvalescenz eine raschere.

Oesterreich: Professor Winternitz , Gründerund Leiter der Klinik für Hydrotherapie in Wien , Be-sitzer der großartigen Kaltwasserheilanstalt in Kaltenleut-geben, Herausgeber der Blätter für klinische Hydrotherapie,schreibt am Schlüsse seines großartigen Werkes über Wasser-heilkunde :

Die großen Erfolge deS Kaltwasserverfcchrens in chronischenLokal- und Allgemeinerkrankungen, namentlich in Stoffwechsel-