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handelt wird, wenigstens nicht glimpflicher wegkommt)die Leute zum Tempel hinaustreibe — Palestrina und der Choral vertreiben die Leute nicht aus derKirche — (aber gleichzeitige Militärparademusik in eineranderen Kirche zieht sie an! Das nebenbei I) DasPublikum war so verschiedenartig, wie bei anderen Con-certen auch; eine kgl. Hoheit war da, geistliche Herren(auch das Metropolitankapitel war vertreten), namentlichziemlich viele Geistliche, die aus der Ferne hergekommenwaren; ferner Professoren, Militärs, Beamte, Privatiers,auch das äurum gsnus der Kritiker, endlich eine schöneCorona von Frauen.
Herr Domcapcllmeister Wöhrle hat also die Thatgewagt mit Vocalwcrken aus dem 16. Jahrhundert, mitvorzugsweise kirchlichen Werken in München aufzutreten,im Concertsaale, und zwar gleich im vornehmsten undgeräumigsten von allen: im Odeonssaale. Das ist eineThat, die es verdient, in glänzendes Licht gestellt zuwerden. Das Unternehmen allein schon ist geeignet,dem Manne einen Ehrenplatz in der Münchner Musik-gesellschaft zu sichern. So ist's recht: wenn die Um-stände es unmöglich machen, die Herrlichkeit jener Musikin der Kirche zu entfalten, sei es, weil man dieser Musikkeine Zeit gewährt, oder weil man sie für zu trist hält,oder endlich weil man für sie keinen Kirchenchor auf-bringt: dann soll diese Musik aus der Kirche fort-, demMozart'schen Requiem nach in den Concertsaal flüchten;dort wird sie unter den Ehrenplätzen sicherlich nicht denletzten einnehmen! Der Odeonssaal, d. h. der Bau selbst,hat sich für die Gottesgabe sehr dankbar gezeigt: manwird selten eine Kirche finden von so günstigen akustischenVerhältnissen, wie sie gerade dieser herrliche Saal aus-weist. Fast jeder Ton ohne Ausnahme klang voll undrund, so das; man schon am Elementaren, d. h. an derFülle und dem Wohlklang allein seine Freude habenkonnte. Das Stimmcnmaterial ist zweifelsohne gar nichtschlecht; nur selten (im 6roäc> und in der Motette „Oinagnum in^sterium") schien der eine oder andere Tonoder richtiger Vocal bei einigen Tenören etwas gequetscht.Die Stimmung war rein und folglich die Jntonations-höhe bis zum Schlüsse jeder Nummer dieselbe. Unan-genehm berührt haben mich in Bezug auf das Elementareblos zwei Fehler, gegen welche wohl jeder Chorregcntanzukämpfen hat, nämlich einmal, daß aufwärts steigendeueumatischc Figuren (Läufe) gerne, namentlich im Sopran,etwas übereilt werden. Ich darf zum Belege hiefür an„omnipotöntorn" im Oraclo der Blesse erinnern. Fernerwerden :Endsilben eines Wortes, vor allem jene, diezufällig auf den schweren Takttheil treffen, häufig betontund, obwohl mitten in der Phrase stehend, dennoch kurzgesungen, d. h. sie erhalten mehr Stärke, als der Schlußder vorhergehenden Silbe, und führen eine, wenn auchnur kurze Unterbrechung des melodischen Stromes herbei,die unter Umständen recht störend wirken kann. Ich er-laube mir für das eine auf die Schlußsilbe von „§6ntss"im 116. Ps. „I^auäste Oominuin", für das andere aufden Uebergang vom 3.-4. Takt in „O ruassnuin m^s-teriuiu" und auf „ooliauäsutss Oowluuru" zu ver-weisen. Namentlich muß eine Phrase, wie „st sä-inirastils saorawentum", als ein ununterbrochenesGanzes erscheinen.
Die Stimmverhältnisse waren prächtig ausgeglichen:sogar da, wo beide Oberstimmen getheilt waren, wurdensie von den Tenören und Bässen nicht niedergesungen.Wer die Schwierigkeiten kennt, welche durch getheilte
Oberstimmen der Reinheit der Stimmung verursachtwerden, der muß gerade für die hierin musterhafte Durch-führung des „O nasAnum rnMsriuin" ein Wort derAnerkennung haben.
Nun zur Auffassung einzelner Nummern seitens derAusführenden! Ich stelle hier die Motette „Susanns."neben das 6raäo der Marcellusmesse. In der Motetteeine fast ununterbrochene Färbung und Modificirung desAusdruckes — ich erinnere die Zuhörer an die herrlicheWiedergabe der Worte Susanna's: „^.u^ustiso wistisullt nnäiyns", im zweiten Theile an das große „sx-olsrusvit ab äixit" und an das sich anschließende rührendsüße Gebet Susanna's: „Osus sstsrno", an denschneidigen Schluß „et sslvstus est ssnZuis innoxius"— prachtvoll! Das war ein stetiger Wechsel von Lichtund Schatten, von Kraft und Weichheit, und alles zurrechten Zeit und am rechten Orte. Und dem gegenüberdas Orsäo! Hätte nicht das Dt inosrnstus est mitdem folgenden Auatuor „Oruoiüxus" Abschnitte ge-macht, so wäre das ganze lange Stück ohne fühlbareGliederung an uns vorbeigerauscht. Daß das ermüdetund zwar in derselben Weise, wie wenn etwa eine ansich ganz vorzügliche Bach'sche Fuge ohne dynamischeSchattirung und besonders ohne verständnißvolle Abhebungder musikalischen Phrasen gegeneinander heruntergepoltertwird, das ist selbstverständlich. Aber woher dieserfrappante Unterschied in der Darstellung der Motetteund des „Orsäo". Nach meinen Erfahrungen gibt esdafür mehrerlei Gründe: einmal der Text! Bei derMotette „Susanns." geben die einzelnen Sätze, ja oftdie einzelnen Wörter dem Componisten und dem aus-führenden Musiker Anregung zu verschiedenartiger musi-kalischer Gestaltung — man stelle beispielshalber einandergegenüber: Susann« . . . seufzte: in Bedrängnis; binich — sündige ich, — sündige ich nicht, — aber es istbesser schuldlos in eure Hände zu fallen, als zu sündigenim Angesichts Gottes .... Susann« schrie laut auf:Ewiger Gott, du weißt, daß sie mich fälschlich anklagen;sieh, ich sterbe unschuldig — aber der Herr erhörte sieund gerettet wurde unschuldig Blut an jenem Tage.Demgegenüber sag ich, halte man: (Ich glaube) an Gott,den Schöpfer aller sichtbaren Dinge, an Jesus Christus ,der aus dem Vater erzeugt, ist nicht erschaffen, gleicherNatur mit dem Vater ... an den hl. Geist den Trösterund Lebendigmacher, der aus dem Vater und Sohnehervorgeht. — Ist es zu verwundern, wenn bei solchemTexte dem Componisten und dem Dirigenten das Ge-staltungsvermögen schwindet, bevor man beim „ewigenLeben" angelangt ist? während dagegen jener Text musi-kalisch wunderbar anregt! Ein weiterer Punkt ist dieVerschiedenheit der Stimmanlage: die in Rede stehendeMotette ist für 3 Ober- und 3 Unterstimmen, die Llisss„kp. Nsro." für blos 2 Ober- und 4 Unterstimmen,und zwar ist von diesen Männerstimmen nicht etwa eine„Bariton ",2) sondern es sind 2 gleiche Tenöre und 2gleiche Bässe. Die Oberstimmen sind also blos 2, kommennie allein zur Geltung; „Susanns" weist hier reicheMannigfaltigkeit auf, bietet also die Möglichkeit vielreicherer Klangcombinationen. Endlich der Fortschritt derHandlung: Susanns ist motettisch breit, jeder Gedankeist musikalisch auseinandergelegt, verarbeitet; im „6rsäo"
2) Wer je einmal P.'s Nisss >Uoos o§o loauuos- auf-geführt hat, weiß die Vorzüge des -Laritonus« gegenüber2 gleichen Bässen zu schätzen — vgl. Habcrls diesbezügl. Be-merkung in der Vorrede zum 24. Bd. der Ges.-AuSg.