Eine „Sarmülttng theologischer Lehrbücher"mit besonderer Berücksichtigung der Neligions-philosophie.
I.
ss. v. Fast jedes Jahrhundert wagt in größerer odergeringerer Bestimmtheit, je nach seinem Culturstande, denVersuch, den Gesammtinhalt seines Wissens in einem ein-zelnen oder in allen Fächern zusammengenommen durchein großes literarisches Unternehmen zur Darstellung zubringen. Fühlt sich unser Jahrhundert in dieser Be-ziehung solidarisch mit den vorangegangenen, so ist dasganz natürlich. Gewinnt aber dieser Versuch bei ihmeine ganz besondere und eigenartige Gestalt, deren Ent-stehung oft in einer intensiven Durchdringung und bisin's Detail gehenden Beherrschung einer einzelnen Dis-ciplin oder auch nur eines Begriffes dieser Disciplinihren Grund hat, so liegt hierin gerade die epochemachendeBedeutung unseres Jahrhunderts. Denken wir z. B. nuran Max Müller , der es gerade versucht in 4 Bandenüber den Begriff der Religion zu schreiben. Die Bändetragen die Titel: „Natürliche Religion, Physische Religion,Physische und Anthropologische Religion". Wir sehen vonder Tendenz dabei ganz ab. Im allgemeinen nun sindes gegenwärtig in der Regel zwei Formen oder Gestalten,in welchen sich der Wissensinhalt einer oder mehrerer Dis-ciplinen rcpräsentirt, die Form des Wörterbuchs und dieForm des Lehrbuchs. Namentlich ausgebildet sind diesebeiden Formen in den staatsmiffenschaftlichen und theo-logischen Fächern, ohne natürlich auf diese beschränkt zusein. Wir haben in neuester Zeit ganz hervorragendeStaatswörtcrbüchcr und Lehrbücher des Staatsrechts, derNationalökonomie und der Rechtswissenschaft, und gegen-wärtig ist eben ein Unternehmen begonnen worden, das anGroßartigkeit alles andere zu übertreffen und sein Vorbildin dem mehrbändigen, noch nicht vollendeten, höchstcharakteristischen und interessanten „systematischen Hand-buch der deutschen Rechtswissenschaften" von Dr. KarlBindig gefunden zu haben scheint. Dieses neue Unter-nehmen ist dnS Hand- und Lehrbuch der Staatswissen-schaftcn, herausgegeben von Cuno Fraukensteiu. Vondiesem Werk sollen jährlich 5—6 Bände erscheinen; inungefähr 6 Jahren soll das Ganze vollendet sein, so daßwir mindestens 30 Bände zu erwarten haben. Der ersteBand ist bereits erschienen und handelt von den Grund-begriffen der Volkswirthschaft von dem Münchener Pro-fessor Lehr. Daneben läuft noch eine eigene Zeitschriftmit dem Titel: Zeitschrift für Literatur und Geschichteder Staatswissenschaften von Cuno von Frankenstein.
In ganz ähnlicher Weise versucht man in theologischenKreisen den Gesammtinhalt der wissenschaftlichen Theo-logie darzustellen. Allbekannt sind ja in dieser Beziehungdas Herder'sche Kirchenlexikon und die theologische Biblio-thek, ferner die wissenschaftlichen Handbücher der Theo-logie, die bei Schöningh in Paderborn erscheinen, unterdenen die wahrhaft hervorragende, von uns überaus hoch-geschätzte Dogmatik von Schell ihren Ort gefunden hat.
Aber unser volles und höchstes Interesse gilt gegen-wärtig einem derartigen Unternehmen von Seite der pro-testantischen Wissenschaft. Ist es nun durchaus nicht auf-fällig, wenn in stnatswissenschaftlichen Encyclopädien undLehrbüchern der Parteistand Punkt, sei es der liberale,conservative oder demokratische, bisweilen in den Vorder-
grund tritt, so ist in der protestantischen Theologie dieserParteistandpunkt allem Anscheine nach geradezu dasEntscheidende und Charakteristische, und es war höchsteZeit, daß der Tübinger Professor Robert Kübel in seinemsehr instrnctiven Buch „Ueber den Unterschied zwischender positiven und der liberalen Richtung in der modernenTheologie" einigermaßen Klarheit geschaffen hat. Voll-ständige Klarheit zu schaffen, ist ihm allerdings unseresTrachtens nicht gelungen, da er, obwohl streng orthodox,doch etwas gar zu optimistisch genrtheilt hat. Ungemeinwahr ist allerdings auch, was in den Historisch-politischenBlättern gelegentlich eines Artikels: „Apostolicns undApostolikum" zu lesen war: „Der mindest Orthodoxe siehtdem mindest Liberalen oft zum verwechseln ähnlich".
Der Partcistandpnnkt, sagten wir, ist entscheidend,und darum stehen sich auch in der protestantischen Litera-tur Lehrbücher und Encyclopädien schroff gegenüber. Denbesten Beweis hicfür liefert die „Sammlung theologischerLehrbücher", welche in Freiburg bei Mohr erscheint. DieseLehrbücher sind sämmtlich auf liberaler Basis aufgebautund stellen sich somit zweifellos in Gegensatz zu dem„Handbuch der theologischen Wissenschaften in encyclo-püdischcr Darstellung", herausgegeben von Dr. OttoZöckler bei Beck in München . Dies letztere ruht auforthodoxer Basis.
Die Zwecknrsache, die der Erscheinung dieserbeiden Encyclopädien zu Grunde liegt, ist schließlich einund dieselbe. Zöckler mit seinem Handbuche verfolgt dieAufgabe, „auf dem Grund der geschichtlichen Entwicklungder einzelnen theologischen Wissenschaften eine Gesammt-darstcllung der Theologie nach ihrem damaligen Standeaufzubauen". Die „Sammlung theologischer Lehrbücher"beabsichtigt in objektiver Berichterstattung über die ein-zelnen Disciplinen einen sicheren Ncberblick über denStand der gesummten theologischen Wissenschaften amEnde des 19. Jahrhunderts zu gewähren.
Aber wie verschieden muß die Wirkung sein, sobaldwir den Unterschied von liberal und orthodox kennen?Fragen wir darüber, um durchaus von jedem Vorurthcileuns frei zu halten, die zuverlässigste Autorität, den obengenannten Professor Kübel, der fast mit bedenklicherNüchternheit diesen Unterschied klar legt. Seite 278 u. f.heißt e§:
„Auf der liberalen Seite der Glaube zwar vermittelt, vezw.irritirt durch das Bibelwort, dieses aber ist menschliches Literatur-produkt, eigentlich nur synoptisches und da uichi ohne Beschränk-ung gütig, die Gemeinde, ihr Bewußtsein, ihr ChristuSbild istdie eigentliche Quelle des Glaubens. Aus positiver Seite dieGemeinde rein zuerst Produkt deS VibelworteS, das GotteSeigenes Wort ist, der Glaube und seine Erfahrung durchausgebunden an dessen autoritatives Zeugniß. Aus liberaler Seitedas Historische an Jesu Leben, selbst die von den Apostelneinstimmig als absolut entscheidend betonte Thatsache der Auf-erstehung als diese Thatsache religiös irrelevant, auf positiverSeite dagegen daö historische Leben Jesu , vor allem Tod undAuferstehung als Thatsachen ganz abgesehen von der subjektivenWirkung in nuS, versöhnend d. h. auf Gott selbst objektiv cin-cimvirkcud n. s. w."
Jedermann sieht sofort, welch ungeheure Verwirrungentstehen muß, wenn innerhalb der Theologie sich zweiso Wesen haft verschiedene Richtungen einandergegenüberstehen, und jedermann wird sich auf die Fragebesinnen: Ist das auf liberaler Seite Gebotene überhauptnoch Theologie? Die Antwort ist leicht: Es ist aufdie Spitze getriebener Subjektivismus, wo-nach in der Erkenntniß nur wahr ist, was das Subjekt