Ausgabe 
(1.3.1894) 9
 
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zu fassen vermag, und zwar nur in der Weise seinerAuffassung.

Sehen wir uns einmal dieseSammlung theo-logischer Lehrbücher" an, um sie an der Hand dieserWahrheit zu prüfen und zugleich zu erkennen, daß mitsolcher Wissenschaft der Ruin, die Zerstörung derTheologie gegeben ist, um dann ferner einzusehen,daß einzig und allein hier, in dieser protestantisch-liberalenTheologie, das Wort des Dr. Jürgen Bona Meyer, gegendeu bekanntlich Professor Dr. Schell auf der Katholikcn-vcrsammlung 1893 gesprochen hat, eine ungemeiu wahr-hafte Grundlage findet, das Wort nämlich:das Los-lösen der Theologie von der Universität wird immerwahrscheinlicher", weil eben diese Theologie nichts anderesist, als Philosophie.

Nebenbei wollen wir bemerken, daß die ersten Circn-lare, die über dieseSammlung theologischer Lehrbücher"orientiern sollten, die Versicherung gaben:die Samm-lung dient keinem Parteiintcresse". Diese Versicherungist in den späteren Circularcn weggeblieben; man fühltewohl, daß man hicmit sich compromittircn würde; denndie allmählige Ausgabe einzelner Bände sowohl, wie diegleichzeitige, in Verbindung mit dieser Sammlung ver-anstaltete Herausgabe von Büchern über bestimmte theo-logische Materien, wie Weizsäckers Das apostolische Zeit-alter", die Entwicklung der protestantischen Theologie vomBerliner Professor Otto Psleiderer, die praktische Theo-logie von Achelis, desgleichen die Herausgabe einer neuentheologischen Zeitschrift, welche von Harnack, Ncischle,Kastan, Eottschick bedient wird, belehrte jeden Sach-verständigen, daß es sich hier um die Liberalisirung derTheologie handelt. Ausfallend mag sein, daß das pro-testantische Kirchen recht in dieser Sammlung keineAusnahme und keine Bearbeitung findet, auffallend sagenwir, nicht etwa deßhalb, weil der Protestantismus ver-möge seiner Verfassung eine ganz eigenartige Stellungzum Kirchcurcchtc hat, sondern vielmehr deßhalb, weilauch hier die Wissenschaft wahrhaft grandiosen Fort-schritt gemacht hat. Und gerade der Darstellungdes Fortschritts dient dieSammlung theologischerLehrbücher". Denn führt eine Theologie, welche dieGottheit Jesu Christ : zur Grundlage hat, nach HarnackzumBock und Centauren", dann kann er doch kein Be-denken haben gegen eine Darstellung des KtrchcnrechtS,die dahin mündet, daß das Kirchcnrecht überhaupt imWidersprüche mit dem ganzen Wesen der Kirche steht.DaS mag manchem Leser sehr überraschend vorkommen,thatsächlich ist diese These, daß das Kirchcnrecht mit demWesen der Kirche im Widersprüche steht, aufgestellt unddurchgeführt worden, und kein Geringerer als der Leip-ziger Professor Nndolph Sohm hat das zu Standegebracht.

Nndolph Sohm ist beauftragt, für das obcngennnntsHandbuch der deutschen Rechtswissenschaft von KarlBindingdas Kircheurecht zu bearbeiten. Den ganzen ersten Banddieses seines Kirchcnrcchtcs mit 700 Seiten Großoctavbenutzt Sohm dazu, die obengcnanute These mit Auf-wand aller möglichen Gelehrsamkeit zu beweisen; dabeikommt aber das protestantische Kircheurecht ebenso schlechtweg, wie das katholische, und es handelt sich nur darum,welcher Kirche diese schlimme Behandlung mit Gründangethan wird. Obwohl es eigentlich zu dem uns vor-liegenden Thema nicht gehört, so können wir cS dochnicht unterlassen, eine Stelle anzuführen aus Sohm(Kirchcnrecht, I. Band, S. 458), welche, den Theil seiner

Betrachtungen über das katholische Kircheurecht abschließend,also lautet:

So ist die Geschichte des KirchenrcchtS zugleich die Geschichtefortgesetzter Entstellung der christlichen Wahrheit gewesen. Siehat begonnen mit der Herstellung einer rechtgcordnrten Gemeindc-berfassung (Gewalt des Bischofs). Sie ist vollendet mit dem Aus-bau einer rcchilick geordneten Gcsammtkirchcnvcrfassung (Gewaltdcö allgemeinen Concils, Gewalt des Papstes). Durch eineWahrheit (durch den Lehrsatz, daß kraft göttlicher Ordnung alleindem Bischof die Verwaltung der Eucharistie zustehe) ist die Ge-walt dcö Bischofs, durch eine Unwahrheit (den Lehrsatz, daßeine solche formell verbindende Lehrgewalt vielmehr kraft gött-licher Ordnung schon dem Papst allein zustehe) ist die Gewaltdes unfehlbaren Papstes begründet worden. Nicht als wenn dieUnwahrheit durch sich selber gesiegt hätte. Aber ein geschicht-lich vorhandenes, thatsächlich anscheinend unabweisbares, mittelbaraus sittlichen Beweggründen geborenes Bedürfniß, das Bedürfnißnach cincm Kirchcnrecht, welches die Ordnung und die Lehre derKirrbe sicherstellte, war die Kraft, welche eine Reihe von Selbst-täuschungen mit der Macht geschichtlicher Nothwendigkeit undfolgeweise mit der Macht dcö Sieges bekleidete."

Wer lacht dad

Die Völker der Erde.

Von Dr. Bonif. Platz.'"")

8s1i. Mit vorgenanntem, soeben complet gewordenemWerke tritt ein großes, Generationen dnrchdanerndes underfreuendes Säcnlarwerk in die Erscheinung, welches anBedeutung und Interesse das so gerühmte Brchm'scheOpus über das Leben der Thiere weit überragt, da esnicht von fremder SpecieS Kunde gibt, sondern mit demMenschengeschlechte sich beschäftigt, in dessen Kreis wirselbst gehören, und indem es die Existenzform undLebensweise unserer so manchfaltig ausgestatteten Brüder,dieser so verschiedenen Glieder der einen Menschheits-familie, schildert; ein Werk, das nicht, wie Vrehm's Thier-leben, an Unglauben krankend, mehr Unheil als Nutzenstiftet, sondern, auf christlichem Boden stehend, daS Gutemit dem Schönen, das Belehrende mit dem Erhebenden,daS Reale mit dem Idealen verbindet, somit uns dieganze, volle Wahrheit kredenzt. Das Werk behandeltden wichtigsten aller wissenschaftlichen Gegenstände, denMenschen, nach Art und Abart, Gestalt, Farbe undTracht, Wohnplatz und Wohnung, Klima und Cultur ,Religion, Sprache und Sitte, Spiel und Gewerbe, Ge-wohnheit und Treiben, kurz, nach Körper und Geist.Was wir da vor uns haben, ist sohin in Bezug auf diedarauf verwendete Geistesarbeit und die damit verbundenenKosten eine hervorragende anthropologische Leistung erstenRanges, in Hinsicht auf den Effekt aber wahrhaft eineWcltgemäldcgallerie in Bild und Wort, und gewährtnahezu das Vergnügen einer mühe- und kostenlosenRundreise um die Welt. Wie eine riesige Wandcldeko-ration ziehen diese kunstlwllcn Beschreibungen aller Länderund Völker der fünf Erdtheile an unserm entzückten Geistevorüber. Da ist alles so anschaulich geschildert, so frischund lebendig, so naturgetreu und scharfbcobachtend ge-schrieben, daß man die farbenprächtigen, Aug' und Geistanregenden, ethnographischen Bilder unmittelbar vor sich

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