Ausgabe 
(1.3.1894) 9
 
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Nichts war durch eine lauge Reihe von Jahren imStande, Häclel von seinem nsnrpirten Throne zu stoßen,weder die Gegnerschaft großer Naturforscher, noch dieZweifel manäicr seiner gewesenen Schüler, noch unddas ist das Merkwürdigste wissenschaftliche Blamagendes tyrannischen Triumphators. Häckcl hatte die öffent-liche Meinung erobert, und durch diese war er geschützt eine merkwürdige wissenschaftliche Garde. Es wurdenihm grobe Verstoße gegen die Wahrheit wiederholt nach-gewiesen, doch im großen Pnblicum horte man davon fastnichts. Keine Spur von dem Lärm in den Tagcs-blättern, den Fabriken der öffentlichen Meinung, keineTrompetenstöße jener Art, welche bei Verbreitung derHäckcl'schcn Irrlehre allgemein waren und uns noch Allenin den Ohren klingen. Auch heute, wo ein hervor-ragender Naturforscher und einstiger Schüler HäckclsGeneralabrechnung mit dem Manne hält, der die öffent-liche Meinung so lange und unbeschränkt beherrscht hat,ist in -den TagcSblättcrn kaum etwas davon zu- lesen.Paßt es etwa den Machern der öffentlichen Meinungnicht, daß die Wahrheit über den Apostel des Materia-lismus genügend bekannt werde? Haffen wir, daß siedoch noch die Objectioität besitzen werden, ihren Leser-kreisen mitzutheilen, daß auf Häckcls Autorität keinVerlaß ist, daß dieser Mann sogar vor unerlaubtenMitteln nicht znrückschcnte, um seine vorgefaßten Ideenals Wahrheit erscheinen zu lassen. Es ist dies dieschrecklichste Anklage, welche gegen einen Forscher erhobenwerden kann, und wenn sie erwiesen ist, ist sie gleich-bedeutend mit der Vernichtung. Gilt dies schon aufjedem, auch dem entlegensten Gebiete dcS Wissens, so istdas noch mehr der Fall, wenn es sich um ein Wissens-gebiet handelt, wofür sich die ganze gebildete und un-gebildete Welt im höchsten Grade intcrcssirt, um die Ab-stammung des Menschen, seine geistige Natur und alledie Fragen der Religion, die sich daran knüpfen. Hatein Forscher hierin zu dcm Mittel gegriffen, eine Be-obachtung als gemacht zu erklären, die er nie gemachthatte, und von welcher ein Beweis für die ganze Frageabhängen sollte, so hat er sich nicht eines einfachen Irr-thums und einer gewöhnlichen Irreführung schuldig ge-macht, die der nächste Beobachter wieder gut machenkann, sondern er hat die Menschheit betrogen, die in ihrenweiten Kreisen nicht fähig ist, selbst die Beobachtung zuwiederholen.

Das sind scharfe Dinge, und wenn sie Häckcltreffen, so sind alle Tagcsblätter verpflichtet, den Mannzu entlarven, der in Fragen, welche für die ganzeMenschheit so wichtig sind, eine derartige Irreführunggewagt hat.

Wir wollen nun sehen, welches der Sachverhalt ist,auf welchen sich die vernichtende Anklage stützt?)

Sie lautet: Häckcl hat, einzig um seine extremmaterialistisch-darwinistische Entwickelungstheorie durchbehauptete Thatsachen zu beweisen, Abbildungen theilsgefälscht, theils erfunden. ° Den Beweis für diese ver-nichtende Anklage haben mehrere hervorragende Natur-forscher erbracht, ohne daß Häckcl sie widerlegt hätte.

Der bekannte Leipziger Anatom und PhysiologeProfessor His stellt diesen Beweis in folgender Weiseher (His,Unsere Körpcrform und das physiologischeProblem ihrer Entstehung." Leipzig 1875):

*) Wir folgen hier der Zusammenstellung in:ProfessorErnst Häclel in Jena mid seine KampfeSweise" von ProfessorDr. Otto Hamcinn; Eöttingcn, Peppmüllcr 1893.

Es ist wohl erlaubt, Häckel eine Strecke weit aufdem Boden thatsächlicher Darstellung zu folgen undeinige seiner beweisendsten Abbildungen einer genauenPrüfung zu unterziehen. Wir nehmen die erste Auslageder natürlichen Schöpfungsgeschichte zur Hand und findenSeite 242 abgebildet in drei untereinander stehendenAbbildungen das Ei des Menschen, das Ei des Affenund dasjenige des Hundes, je 100 Mal vergrößert; aufSeite 284 aber in drei nebeneinanderstehenden Figurenden Embryo des Hundes, denjenigen des HnhneL undden der Schildkröte. Die Uebereinstimmung in jeder derdrei Figurenreihcn ist eine vollkommene, und kaum kannman sich etwas Ueberzcugenderes denken als diese weit-gehende Identität von Formen verschiedener Wesen. . . .Noch merkwürdigere Uebereinstimmung enthüllt indeß eineweitergehende Prüfung der Figuren. Die absolute Iden-tität besteht nicht allein für die Eier der einen und dieEmbryonen der anderen Reihe, sie besteht auch für Ortund Form der bezeichnenden Buchstaben, ja sie bestehtfür die Zahl und für die Länge der Strichclchcn, mittelstderen jene den Figuren angefügt sind. Es hat mitanderen Worten Häckel je drei Clichös des-selben Holzstockes unter drei verschiedenenTiteln aufgetischt. Das Verfahren war etwas starkund von Seiten eines durch Tragweite, Liefe und durchGewissenhaftigkeit der Forschung gleich hoch dastehendenMannes, von Professor Nütimeyer, ward es sofort gerügtals eine den öffentlichen Credit des Forschers tiefschädigende Versündigung gegen wissenschaftliche Wahr-heit. Danach durfte man zum Mindesten eine Zurück-nahme und Entschuldigung des begangenen Fehlers er-warten. Statt dessen hat Häckel in der Vorrede seinerspäteren Auflagen schwere Schmähungen auf ProfessorNütimeyer gehäuft, gleich unwahr, was ihren Inhalt,wie unedel, was ihre Form betrifft. Dabei ist, wasallerdings der Erwähnung bedarf, der Holzschnitt jederder beiden Reihen in der Folge nur einmal, der eineuiit einer einfachen, der andere mit einer Cnmnlativ-Unterschrist versehen, abgedruckt worden."

Das wäre somit die erste, geradezu verblüffendkühne Fälschung.

Professor His fährt in seiner niederschmetterndenBeweisführung der Fälschungen HäckelS folgendermaßenfort:

Unverändert und durch zwei neue Figuren ver-mehrt erscheinen dagegen auch in der fünften Austageder Schöpfungsgeschichte die paar größeren Bilder, welchedie Formidenlität von Hunds - und Menschcncmbryo, sowiedie von Huhn und Schildkröte erweisen sollen. Won diesenFiguren sind einige Copien, andere dazu componirt. Copiensind (außer der Schildkrötcnfignr) die Abbildungen desangeblich vicrwöchcntlichen Hundes (vergleiche BischofsTafel XI, 42 L, Hundc-Embryo von 25 Tagen) unddiejenige des angeblich vierwöchentlichen Menschen (ver-gleiche Ecker, leonag pst^giol., Tafel XXX, 2, alldaohne AlterZangabe). Allein es sind Kopien in freierBehandlung, und zwar sind die genommenen Freiheitenderart, daß sie eben der gewünschten Identität zu Stattenkommen. Oder ist eZ ein Versehen der Lithographen,baß beim Hackcl'schen Hunde-Embryo gerade der Stirn-theil des Kopfes um 3'/z Millimeter länger gerathen ist,als bei Bischofs, beim Menschen-Embryo gegen Ecker derStirntheil um 2 Millimeter verkürzt, und zugleich durchVerrücken des AugeS um volle 5 Milli mctcr vcrschmälcr