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und daß dafür der Schwanz des letzteren znr doppeltenseiner originalen Länge sich emporschwingt?"
Also eine zweite Fälschung l
„Reichliche embry alogische Abbildungen enthält dieAnthropogenie. Ein Theil derselben sind die wiederabgedruckten Holzstöcke der Kölliker 'schcn Entwickelungs-geschichte. So weit es sich aber um Häckcl'sche Originalienhandelt, stehe ich nicht an, zu behaupten, das; die Zeich-nungen theils höchst ungetreu, theils geradezu erfundensind."
„Erfunden ist Figur 42, Urkeim des Menschen,in Gestalt einer Schuhsohle, vierzig Mal vergrößert.Kein Beobachter hat bis jetzt dies Stadium gesehen, undzuversichtlich möchte ich nach dem bisher vorliegendenMaterials behaupten, daß es nicht so aussehen und nichtdie angegebenen Dimensionen besitzen kann."
Erfunden! Was heißt daö? WissenschaftlicherBetrug! Dritte Fälschung.
„Erfunden sind ferner die zwei Figuren mensch-licher Embryonen S. 272, bei welchen eine Allantois(beim Menschen bekanntlich nie in Blasenform sichtbar),als „ansehnliches Bläschen" nicht allein abgebildet, son-dern ausdrücklich beschrieben wird."
Vierte Fälschung!
„Erfunden ist die Mehrzahl von den Figuren derEmbryonentafeln IV und V, auf denen, um nur eingrobes Beispiel zn citircn, Fisch- und Froschembryonenebenso unbefangen eine Scheitelkrümmnng des Gehirnszur Schau tragen, wie die Embryonen der Schildkröte,des Huhnes und der Säugethiere."
Hier wissen wir also gar nicht, wie viele Fälsch-ungen auf den genannten Tafeln IV und V vorhandensind; es heißt einfach: „die Mehrzahl".
Die von Professor His Herrn Häckel nachgewiesenenFälschungen werden von anderen Forschern bestätigt, jader Würzburger Professor Scmpcr hat denselben nochweitere angereiht; er sagt in seiner Schrift: „DerHäckclismus in der Zoologie", Seite 35:
„.His hat sich in seiner trefflichen Arbeit „UnsereKörperform und das physiologische Problem ihrer Ent-stehung" die Mühe gegeben, aus der SchöpfungsgeschichteHückels die von diesem Autor geübten Fälschungennachzuweisen. „Es hat uns Häckel je drei Clickös des-selben Holzstockcs unter drei verschiedenen Titeln aufge-tischt". Auf Seite 170 sagt His über die Anthropogenie:„Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß die Zeichnungen,soweit es sich um Häckcl'sche Originalien handelt, theilshöchst ungetreu, theils geradezu erfunden sind". Ichmeinerseits könnte zu den von HiS gegebenen Beispielennoch eine ganze Reihe anderer liefern; so sind z. B.die nach Kowalewsly copirten DnrchschnittSbildcr einesNcgenwnrmcmbryos vollständig, das des AmphioxnS theil-weise gefälscht; außerdem wird das erste in einer Weisebenützt, welche auch die Darstellung des KowalewSkygänzlich verdreht."
Semper protestirt auch in einem offenen Brief anHäckel dagegen, „wie Sie (Häckel ) dem Publicnm IhreHypothesen als naturwissenschaftlich festgestellte Wahr-heiten, Ihre durch Reflexion gewonnenen Meinungen«lö auf Beobachtung beruhende Thatsachen hinstellen."
Ebenso erklärt der Kieler Professor Hensen (Physio-log): «Es sind Häckel so erhebliche und mnthwilligc Ver-gehen gegen die Wissenschaft in unwiderlegbarerWeise nachgewiesen worden, daß zwar eine Nachsichtim persönlichen Verkehre möglich ist, aber bei wissen-
schaftlicher Discussion die Sachlage in der That rechtschwierig wird . ..denn wahre Thatsachen habendem gegenüber kein Gewicht, der nicht ansteht,dieselben nach seinem Willen zu beugen."
Wir übergehen die vielen Nachweise, welche in dercitirten Broschüre von Hamann niedergelegt sind, daßHäckel auch in anderen Fragen „directe Unwahrheiten"sich zu Schulden kommen ließ und in der Polemik gegenCollegen mit Anwendung solcher Unwahrheiten den Kampszu führen sich nicht scheute. Wir bemerken nur, daß dieobengenannten Professoren, so viel uns bekannt, durchwegProtestanten sind und lauter Naturforscher, Zoologen undPhysiologen, welche im Nebligen selbst auf dem Stand-punkte einer Entwickelungstheorie stehen, die aber sichhüten, Hypothesen als erwiesene Resultate der Natur-forschung auszugeben.
Das also hat Häckel gewagt! Einem solchen Mannehat man geglaubt, der als Thatsachen angab, was ernie beobachtet hatte, und der an den beobachteten That-sachen „Corrccturcn" anbrachte, welche Semper richtigFälschungen nennt! Diesem Manne stand die ganzeöffentliche Meinung bei, für ihn und seine als Wahrheitausgegebenen Fälschungen und Hirngespinuste wurde dieTrommel geschlagen und eine unerhörte Propaganda ge-macht! Wo sind jetzt die Zeitungen und Macher deröffentlichen Meinung, welche das bisher irregeleiteteund betrogene Publicnm darüber aufklären, daß die Au-torität, welcher sie glaubten, als eine betrügerische offengebrandmarkt ist? Wir sind neugierig, ob die über alleMaßen interessante, ja sensationelle Broschüre des Pro-fessors Hamann die Reclame finden wird in den Tages-nnd Unterhaltungsblättcrn, welche seiner Zeit für die durchwissenschaftliche Fälschungen beschmutzten Hückclschen Werkebetrieben wurde. Oder wird man es gleichgültig finden,wein; die Wahrheit unbekannt bleibt, wenn die Irre-führung weiter besteht und um sich greift, weil alleMittel, ja selbst Fälschung, als erlaubt angesehen werden,wenn dadurch der christliche Glaube untergraben wird?
(„Germania".)
M Negensburg. H. Kciter sagt im „DeutschenHausschatz" (20. Jahrg., S. 287) bei der Besprechungder Wcber'schen Schrift „Albrecht Dürer ": „DieHanptstreitfrage, Dürer's Glaubensbekenntnis), wird fürjeden ruhigen Denker cndgiltig entschieden; ob sie freilichdamit auch begraben wird, ist trotz Weber's überzeugendenAusführungen eine Frage." Wir sind mit diesen Wortenvoll und ganz einverstanden; es geht wie bei Farben-blinden. So sehen wir bereits das protestantische „Ne-gcnsbnrger Tagblatt" schüchtern versuchen, den Künstlerfür den Protestantismus zu retten. Zuerst gestehen wirgerne, daß dasselbe seit November 1892 Fortschritte ge-macht : es bezeichnet nicht mehr die damalige BehauptungWeber's von Dürer's Katholizismus mit dem unparla-mcntarischeu Ausdruck: „das aller neueste Produktnltramontaner Idiosynkrasie" und kennt aus der Zncker'-schen Broschüre die Namen zweier katholischer Schriftsteller,Ncichensperger und Kaufmann, welche schon früher diegleiche Anschauung wie Weber vertreten hatten. Hierkönnen wir uns nicht versagen, es aufmerksam zn machen,daß schon Janssen in zwei Bänden (sicherlich in 30,000Exemplaren verbreitet), die „Historisch-politischen Blätter"(Band 75, 67), die Tübinger „Qnartnlschrist" (Jahrg.