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1886, 1888), Weber in seiner Abhandlung „AlbrechtDürer " im „Vatcrlcindskalender" 1888, und andere die-selbe Ansicht vertheidigten.
Für die verlorene Sache beruft sich das Blattanf den „Katholiken" Springer. Damit sich nicht einneues Märchen bildet, müssen wir nothgedrnugcn denMann uns näher ansehen, obwohl wir sonst dem Grund-sätze huldigen: Da wortuis nil nisi bans. Springerwar aus Streberthum ein dreifacher Renegat.Sogar die „Allgemeine Zeitung " (Beilage) fand die,Un-verfrorenheit auffallend, mit der Professor Springer inseiner Selbstbiographie dieses Nenegatenthum breitspurigerzählt. Springer war ein Czcche — er verrieth seinVolk und machte im Deutschthum. Er war ein Ocster-retcher, er verrieth sein Vaterland und wurde Preußeu-anbeter. Er war Katholik — er verrieth seine Religionund wurde Protestant, ohne es im Innern zu sein.Obschon man den Verrath liebt, den Verräiher haßt,erreichte diesesmal der Streber sein Ziel und wurdeUniversitätsprofessor in Straßburg . Da er jetzt zumRinge gehörte, gelang es ihm, an die Universität Leipzig zu kommen. Um Orden zu erhalten, widmete er seinWerk dem Könige von Sachsen, der dasselbe natürlichvorher nicht gelesen hatte. Und „ob Dürer katholischoder protestantisch gewesen, ist im Grunde genommen dochkeine Frage, die zu der Wahrheit der katholischen Lehreetwas ab- oder zuthut" (Vermeulen in der Recension derWeber'schcn Schrift im „Volksbotcn" Nr. 15). Aberden Apostaten Springer als Autorität in Betreff desDürer'schen Glaubensbekenntnisses anzuführen, erregt dennämlichen Verdacht, wie wenn man über das Papstthumnach den Aeußerungen des abgefallenen Mönches PaterMartin sich unterrichten sollte. Man merkt die Absichtund wird verstimmt.
Dann tröstet das «Tagblatt" seine gläubigen Lesermit der Versicherung, daß „der Verein für Neformations-geschichte sich entschlossen hat, wenn nicht in diesem, soim nächsten Jahre eine Publikation über Albrecht Dürer zu bringen". Bekanntlich bildete sich in Magdeburg dieser Verein „deutscher Gelehrten, welcher sich die Auf-gabe gestellt hat, die Neformationsgeschichte aus den Aktenund Urkunden ZN erforschen und das Ergebniß in po-pulärer Form allgemein zugänglich zu machen." Wiewenig wissenschaftlich und wahrheitsgetreu aber dieserVerein in seinen Publikationen seine Aufgabe gelöst hat,beweist das Urtheil eines sonst befreundeten Kritikersin der gewiß unverdächtigen Sybel'schen „HistorischenZeitschrift" (55, 295 ff.). Dort wurden die Vercins-schriften in so scharfer, abfälliger Weise besprochen, daßdie Redaction sich genöthigt sah, dem hart hergenommenen„deutschen Gelehrten" die bittere Pille durch eine be-gütigende Nachschrift zu versüßen. Wir halten es daherlieber mit dem berühmtesten protestantischen DürcrforscherDr. A. v. Ehe, der neuerdings wiederholt hat, was erzum erstenmale im Jahre 1860 in seinem Werke „Lebenund Wirken Albrecht Dürer's " (2. Aufl. 1869) erörterthatte. Dieser verdiente Gelehrte meint in seinem neuenBuche: „Albrecht Dürer's Leben und künstlerische Thätig-keit in ihrer Bedeutung für seine Zeit und die Gegen-wart" (Waudsbeck 1892): Es „hieße die wahre Sach-lage verkennen, wenn wir ihn (Dürer) schon im heutigenSinne als zu einem neuen Bekenntnisse übergetreten an-sehen und seine Werke daraus erklären wollten".
Im übrigen wird auf katholischer Seite wie durchoorurthcilslose Protestanten die ernste Forschung auch
über das 16. Jahrhundert ihren Fortgang nehmen undder Wahrheit den endlichen Sieg verschaffen.
Recensionen und Notizen.
AurelinS Ambrosins, dcr Vatcr des KirchenzesangcZ.
Eine hymnologischc Studie von Guido Maria Dreves »
8. 1. Frcibnrg, Herder 1893. br. M. 2.—.
Eine interessante und mit viel kritischer Schärfe angefertigteArbeit, für die wir dem Verfasser um so dankbarer sein müssen»als sie ein bisher noch sehr dunkles und ungeklärtes Gebiet zurBehandlung hat, nämlich die Frage nach den ächten Hymnendes bl. AmbrcsiuS und deren Siugwcise. Naturgemäß theilt sichdie Schrift in 2 Theile; im ersten Theile (S. 1—87) wird andcr Hand der 3 kritischen Kanones: 1) „Kein Hymnus kann alsvon Ambrosins herrührend angesehen werden, von dem nichtnachweisbar ist, daß er von Alters her in der mailändischenKirche im Gebrauch war." 2) AuS dieser Liste sind wieder jenezu streichen, welche nicht mit dcr Denk- und Schreibweise desbl. Kirchenlehrers übereinstimmen. 3) Der Nest gilt für am-brosianisch und, für den Fall des HinzutretenS äußerer Zeug-nisse, positiv für ambrosianisch — die Zahl der ächten HymnendcS hl. AmbrosinS festgestellt. DrcvcS weist im Gegen-satze zu dem bisher höchst mangelhaften Resultate in dieser Be-ziehung nach, daß nicht bloß 4 Hymnen als ächt ambrosianischsich erweisen lassen, sondern 14; außerdem noch 3 mit größererund eine mit geringerer Wahrscheinlichkeit. Dieser Bewcisgangist dabei so einleuchtend und natürlich, daß man sich füglichmit dem Verfasser wundern muß, wie oon allen Hymnolvgcnund Musikhistorikern bis jetzt — mit Ausnahme dcS einenDiraghi „Inni sinosri o carml cli 8ant'Lwbro§io'°, Milano1862 — noch keiner diesen Weg gesunden hat. AusfallenderWeise aber ist dieses gediegene Werk selbst in Italien nur wenigVerbreiter, darüber hinaus aber fast gänzlich unbekannt geblieben.Aus diesem Grunds erachtete cS der Verfasser für geboten, noch-mals dieser Untersuchung nahe zu treten und durch seine Schriftdas Werk Biraghi'S „seinem finsteren Geschicke zu entreißen".Darum beansprucht er aber auch für diesen ersten Theil nichtdas Verdienst der Originalität, sondern steht, wie er selbst sagt,aus den Schultern Biraghi'S. Originell ist nur die AnordnungdeS Stoffes, sowie die prägnantere Formulirnng der Beweise,ferner einige neue Ausschlüsse über benützte Handschriften. Ganzaus eigenen Füßen steht der Verfasser im zweiten Theil seinerSchrift, in dcr Untersuchung über die Singwciscn dieser Hymnen.(S. 83—128.) Zuerst kommt — ähnlich wie im ersten Theil— eine mit würzigem Humor geschriebene Zusammenstellungüber die verschiedenen Musikgeschichten, deren Verfasser zuerstalle über die Singweise dcr ambrosianischen Hymnen „nichtsgenaues wissen", aber dann doch alle sebr vieles und sehr ge-naues wissen, wobei in wunderlichem Wirrwarr, der eine soziemlich immer das Gegentheil vom andern behauptet. Daranreiht sich ein kurzer ErknrS über ambrosianischen und gregoriani-schen Gesang, um hernach zur eigentlichen Ausgabe dieses Theileszu gelangen. Auf fast dem gleichen Wege, wie im ersten Theil,gelingt es dem Verfasser, die ambrosianischen Singwciien zrrernsten. Dcr Beweis enthält folgende Punkte: 1) die Sing-weise der ambrosianischen Hymnen war wirklicher Gesang undnicht bloß Recitation (S. 97!); 2) die Hymnen waren compo-nirt in den damals allein herrschenden griechischen Tongeschlccktern(S. 93!) und zwar 3) metrisch (S. 103) — weil die griechischeMusik keine anderen als metrische Melodiken kennt — und im3theiligcn Takt. Aus dem so geebneten Boden geht Drevesdann an das Ausstichen dcr ambrosianischen Mclodieen und be-nutzt hiezu ein Mailänder Hyinnar anS dem Jabre 1619, welchessich in dcr Pariser National-Bibliothck findcr (k); ein weiteresaus der Kibliotlisoa Vrivnlsmma zu Mailand ('!') u. A., vorAllem Cistercicnser Handschriften, welche insofern beweiskräftigsind, als die Cistercicnser sich von Ansang nicht des römischen,sondern dcS mailändischen HymnarS bedienten. Die anS diesenQuellen anögchobcncn Mclodiccn weisen allerdings verschiedeneVarianten aus, doch so, daß sich ein gemeinsamer Grundstock fürdie einzelnen, von einander abweichenden Melodicen erkennenläßt. Durch Vcrglcichnng und Pnrgirnng derselben unternimmtnun DreveS die Ncconstrnirnng der Urform dieser Mclodiccn.ein Versuch, dcr in der That ein sehr dankenswertbcs Resultatzu Tage fördert, selbst wem: nicht, wie der Verfasser zugibt,„mit jeder Note das Ursprüngliche getroffen" sein sollte. — Ineinem Anhang folgen dann zusammengestellt sämmtliche anibro-sianiicke Hymnen mit ihren reeonstrnirten Singwcisen und,für jeden sachkundigen Leser als willkommene Beigabe, eineSchriftprobe aus dem Ooä. Vatlo. Ue§. 11 mit 2 Hymnen dcS