Ausgabe 
(8.3.1894) 10
 
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Marcia.

Historisches Porträt aus der Zeit des KaisersCommodus .

(Von JohaneS Schrott.)

Es ist eine bekannte Thatsache in der Kirchen-geschlchte, daß nach dem Tode des M. Aurelius , der zuWien im Früjahr 180 erfolgte, den ChristenverfolgungenEinhalt gethan wurde. Obwohl dieser so menschenfreund-liche Kaiser sich persönlich an diesen Verfolgungen nichtbetheiligte, ließ er doch den Staatsgesetzen ihren Lauf,und war jedenfalls den Christen, deren Heldenmuth fürpure Widersetzlichkeit" (HlXH irapäratz^) hielt, abgeneigt.Zwar bluteten noch im Laufe des Jahres 180 zu Kar-thago die sogenannten 12 scillitanischen Märtyrer (Nar-t^rolo§. 18. llnl.) allein dieses Martyrium kommt nochauf Rechnung der antoninischen Nescripte, da Commodus erst im Herbste dieses Jahres nach Nom von der Donau zurückkehrte. Ebenso kann die (o. 184) erfolgte Ent-hauptung des gläubigen Senators Apollonius (Llar-t^rolox. 18. April.), nicht dem Commodus zur Lastgelegt werden, da Apollonius seine Sache vor den Senat,der durchaus altrömisch gesinnt war, brachte, und vorsolchen Richtern unrettbar verloren sein mußte. DiesEreigniß mochte indeß für die Christen insoferne be-deutungsvoll sein, als der Kaiser, der gerne that, wasdem Senat zuwider war, in der Folge den Christen nurum so günstiger wurde.Um die Zeit der Regierungdes Commodus, sagt Eusebius , gestalteten sich unsereVerhältnisse ruhiger, und es verbreitete sich durch dieGnade Gottes Friede über die Gemeinden in der ganzenWelt." Ist es der bei Nachfolgern so gewöhnliche System-wechsel, der den neuen Kaiser bestimmte, eine von seinemVater, der dem Jupiter nicht Stiere genug, und besondersweiße, schlachten konnte, verschiedene Richtung einzuschlagen ?Von der nationalen Religion der Römer hatte er sich ab-gewendet und sich ganz dem Cultus der Isis und desAnubis ergeben. Für das Christenthum besaß er keinerleiVorliebe, denn nichts war sich entgegengesetzter, als seineNatur und der Geist des Christenthums. Gefühle derHumanität oder politische Rücksicht auf die große Anzahlder christlichen Unterthanen waren es auch nicht, warumer die Christen verschonte. Soviel ist aber gewiß: daß,wenn Commodus eine entschiedene Abneigung oder einenHaß gegen die Christen gehabt hätte, eine von ihm hervor-gerufene Verfolgung, bei seinem grausamen Sinn undseiner Vorliebe für blutige Thierhetzen und Gladiatoren-kämpfe, die er zum eigentlichen Sport seines Lebensmachte, die blutigste von allen geworden wäre.

Welche Ursache oder welche Persönlichkeit ist es nun,welche' diesen blutdürstigen Tyrannen von einer Ver-folgung der Christen abhielt? Nach der Vermuthungder meisten Kirchenhistoriker war es seine ConcubineMarcia, die einen derartigen, mächtigen Einfluß auf ihnausübte. Die entscheidende Stelle hiefür findet sich beieinem zeitgenössischen Historiker, bei Dio Cassius . Diesersagt, daß Marcia, als sie an den Hof des Commodus kam,sich der Christen sehr angenommen, und bei ihremgroßen Einfluß auf Commodus , denselben viele Dienstegeleistet habe".

Die drei Historiker, welche das Leben dieses Kaisersbeschreiben, waren der gleichzeitige Dio Cassius , der etwasjüngere Herodian und der viel spätere Lampridius , einer

von den sechs Scriptoren der Kaiscrgeschichten, der unterDiokletian schrieb. Diese drei Schriftsteller, unter denenDio Cassius weitaus der wichtigste ist, erwähnen derMarcia nur gelegentlch und vorübergehend, doch in sehrübereinstimmender Weise. Um von ihr ein deutlichesBild zu bekommen, genügen jedoch diese Stellen nicht,und dieselben werden durch eine andere, bis jetzt wenigbeachtete Quelle, die Philosophumena , die man zuerst demOrigenes, dann dem Hippolytus zuschrieb, wesentlich er-gänzt. Daraus gewinnen wir einen Einblick in ihreErziehung, ihre Jugendgeschichte und in den Anfangihrer spätern Schicksale.

Im Hausgesinde vornehmer Römer, und ganz be-sonders auch am Kaiserhofe, befanden sich schon seitfrüher Zeit Christen. M. de Nosst behauptet, daß inder ersten Area der Katakombe des hl. Callistus, 160Jnscriptioneu der Clientcle des Marc-Aurel, des Com-modus und der beiden Sevire zugeschrieben werdenmüßten. So hatte nun auch ein naher Verwandter desKaisers, Ummidius Quadratus, unter seiner Dienerschafteine verwaiste junge Freigelassene, Namens Marcia,welche einem Ennuchen und christlichen Priester (27c«',rcngLoßoripm), Hyacinth, zur Erziehung war übergebenworden. Als sie herangewachsen zu großer Schönheitsich entfaltet hatte, nahm sie Quadratus, ihr Herr, zusich, und da er sie gesetzlich nicht heirathen konnte, wurdesie seine Concubine.

Bei den Römern hatten solche Verhältnisse nicht dasAnstößige, wie bei uns, und waren erlaubt und gesetzlichgeregelt. Die Concubine war nicht neben, sondern statteiner Frau, doch ohne die rechtlichen Ansprüche derselben.Es war eine Art morganatischer Ehe zur linken Hand.Die römischen Concubinen stunden höher, als die Kebs-weiber der Hebräer, die Hetären der Griechen und dieMaitressen der Franzosen . Die beiden tugendhaftestenund sittlich tadellosesten unter den römischen Kaisern,Antoninus Pius und Marcus Aurelius , nahmen sichnach dem Tode ihrer Frauen, der ältern und jüngernFaustina , Concubinen. Es geschah dies vorzugsweise ausdem Grunde, um der Verlegenheit, sich aus den hoch-strebenden, römischen Adelsfamilien Frauen aussuchen zumüssen, zu entgehen. Indeß würden niemals diese beidenKaiser solche Verhältnisse eingegangen haben, wenn den-selben auch nur die geringste Makel angehangen hätte.Bei Marc-Aurel wird noch das schöne Motiv hinzugefügt,daß er dies auch deßwegen gethan habe, um seinen vielenKindern keine Stiefmutter geben zu müssen.

Bald nach dem Anfang der Regierung des KaisersCommodus zettelte dessen Schwester, die Exkaiserin Lu-cilla sie war einst die Frau des Lucius Verus eine Verschwörung gegen das Leben ihres Bruders an.Ein Haupttheilnchmer an derselben war Quadratus, derHerr der Marcia. Die Verschwörung mißlang, Lucillawurde zuerst nach Capri verbannt und dann getödtet.Mit vielen andern der Verschmornen büßte auch Qua-dratns mit dem Leben, und Commodus setzte sich in denBesitz von dessen Vermögen, und nahm von der Diener-schaft den Kämmerer des Quadratus, Namens Eklcctus,und die Marcia zu sich. Und da er kurz vorher seineFrau, die Kaiserin Crispiua, wegen wirklichen oder an-geblichen Ehebruchs ebenfalls nach Capri verbannt hatteund dann tödten ließ, so machte er die Marcia gleich-falls zu seiner Concubine.