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Nachdem sie auf diese Weise in den kaiserlichenPalast gekommen und schnell zn großem Einflüsse gelangtwar, vergaß sie nicht der christlichen Grundsätze und Er-mahnungen ihres ehemaligen Erziehers und Lehrers, desPriesters Hyacinth. Sie benutzte ihre Stellung zunächstdazu, daß sie für christliche Bekenner, welche in die Berg-werke Sardiniens verurtheilt waren, Fürbitten einlegteund ihre Zurückbernfnng bewirkte. Daß sie nach ver-schiedenen Richtungen für das Wohl der Christen thätigwar, geht aus andern Andeutungen der Philosophumenahervor, in denen sie geradezu die „fromme Concubinedes Commodus " (cxlXööro;*) Ko.uääou) genannt
wird. Sie ließ den Christen auch werkthätige Unter-stützung angedeihen, wie Dio sagt: „sie habe ihnen vieleWohlthaten erwiesen" «drob;
Sie führte ein sehr kluges und würdevolles Leben undwar erhaben über den großen Schwärm von schönenFrauen und Dirnen, die gleichsam den Harem des wol-lüstigen Kaisers bildeten. Es waren ihrer dreihundertan der Zahl, wobei übrigens Commodus noch um sieben-hundert Nummern hinter dem weisen Salomo der Hebräerzurückölieb. Sie machte mit ihnen keine Gemeinschaft,nahm an den Orgien, die Commodus mit ihnen aus-führte, nicht Theil, und hütete sich wohl, sich mit irgendeinem Mächtigen am Hofe in eine Beziehung einzulassen,wie dies Damostratia, eine von den dreihundert, gethan,und mit des Kaisers Erlaubniß den allgewaltigen Prä-fcctcn der Prätorianer, Cleander, geheirathet hatte, aberzugleich in seinen Sturz verwickelt, mit ihm und ihrenKindern getödtet wurde. Ihre Lebensweise gab keineVeranlassung zn jenen pikanten Klatschereien und Anek-doten, wie sie von andern weiblichen Persönlichkeiten, diemit Kaisern in Verbindung standen, erzählt wurden, undnach welchen ein Lambridins gewiß begierig gegriffenhätte, um seinen kaiserlichen Gönner Diocletian zu unter-halten. Sie spann keine Intriguen, mischte sich nicht inStaatsgeschäfte und tritt überhaupt politisch wenig hervor.Nur einmal, als das Volk einen Aufstand gegen Cleandermachte, dem es die Vertheuernng der Lebensmittel schuldgab und niemand davon den Kaiser in Kenntniß zu setzenwagte, trat sie hervor und begab sich zu dem auf seinerVilla außerhalb der Stadt wohnenden Commodus , umihn von der Lage der Sache zu unterrichten. Zehn Jahrelang beherrsche sie diesen mißtrauischen und verrücktenWütherich, der für sie eine fast rasende Zuneigung hatte.Ihre Schönheit und ihre Schmeicheleien (äsliminsnta),von denen Lampridius erzählt, waren wohl nicht dieeinzigen Ursachen dieser Liebe, denn solche Vorzüge be-saßen auch andere Frauen. Klugheit, Bescheidenheit, einstilles zurückgezogenes Wesen, scheint ihr in hohem Gradeeigen gewesen zu sein, trotz ihrer heroischen, amazonen-haften Gestalt. Diese hatte allerdings das höchste Wohl-gefallen ihres Gebieters, der ein Bild von ihr, das sieals Amazone darstellte, nicht genug bewundern konnte.Als er den Monaten andere Namen gab, nannte er, ihrzu lieb, den Januar Amazonius, ja sich selbst nannte erAmazonius, und hörte nichts lieber, als wenn er mitdiesem Namen angerufen wurde. Im Costüme einerAmazone stieg er oft in die Arena des Amphitheaterszum Kampfe. Und doch glauben wir, daß es nicht bloßdie äußerliche Erscheinung ihrer herrlichen Gestalt alleinwar, die den Kaiser so sehr an sie fesselte, sondern daßes die gute Erziehung war, die ihr jener Eunuche und
*) Gelegentlich sei bemerkt, daß eS ein Adjectiv ->«koSe«nicht gibt.
Priester Hyacinth im Hause des Quadratus gegeben hatte,daß es die durch den Geist des Christenthums gebildete,edlere Weiblichkeit war, welche Commodus hier zumerstenmal an einer Frau kennen lernte, und welche ihmnicht bloß Liebe, sondern auch Verehrung und Be-wunderung wider seinen Willen, einflößten. Er zeichnetesie auf alle mögliche Weise aus, und sie war ihm nichtetwa die Odaliske oder Erste unter den Concubinen,sondern „sie stand in Nichts, wie Herodian sagt, einerwirklichen Gemahlin nach, und genoß alle Ehren, dieeiner Kaiserin zukommen, mit Ausnahme des heiligenFeuers (der Vesta).
Allein so grob ihr Einfluß auf Commodus war,seinen schrecklichen Charakter zu ändern, vermochte sienicht. Der Tyrann wurde immer mißtrauischer, bös-artiger und blutdürstiger. Er hatte für nichts mehreinen Sinn, als für die blutigen Schauspiele des Amphi-theaters, und sein höchster Stolz war, der erste derGladiatoren zu sein. An einem mehrere Tage dauerndenFeste erlegte er einmal an einem Tage hundert Bärenmit der Lanze, und dann auch andere wilde und starkeThiere, wie Löwen, Tiger, Flußpferde, Elephanten.Freilich war er immer durch eine Barriöre geschützt, aberseine Gewandtheit war nichtsdestoweniger bewunderungs-würdig. Doch erlegte er auch minder wilde Thiere imNachkampfe. So einmal einen Strauß, hieb ihm denKopf ab und führte mit demselben eine tragi-komischeScene auf. Er nahm den blutigen Kopf und ging mitdemselben vor die Reihen der Senatoren, die in Fest-kleidern und lorbeerbegränzt dasaßen, hob ihn dann mitder linken Hand empor, und mit der rechten ebenso dasblutige Schwert, sprach dabei kein Wort, machte aber soschreckliche Grimassen, als wollte er sagen: „Seht, sokönnte ich es euch auch machen!" So gräßlich und er-schütternd der Anblick war, so konnten doch Dio Cassius und andere Senatoren sich des Lachens nicht erwehren. Aberweh ihnen, wenn es der Kaiser bemerkt hätte! Um daSLachen zu verwinden, zupfte der Geschichtschreiber einBlatt aus seinem Kranze und behielt es kauend imMunde. Desgleichen thaten auch dann seine Kollegen,um so mit Mühe ihren Ernst zu bewahren. Nicht immeraber ging es so harmlos ab! Da er der römische Her-kules sein wollte, und sich überall auf der Straße wieim Theater Keule und Löwenhaut vortragen ließ, sospielte er einmal als solcher den Gigantentödter. Erließ eine große Schaar Krüppel zusammenbringen, ihnenkünstliche Füße in Schlangengestalten ansetzen, so daß sieden mythischen Ungeheuern glichen. Statt mit Fels-blöcken mußten sie mit großen, trockenen Schwämmennach dem Kaiser werfen, der sie dann als Herkules mitder Keule todtschlug!
Commodus wurde immer toller und mörderischer,so daß niemand mehr seines Lebens sicher war. Be-sonders waren ihm alle ernsten Leute, zumal ältere, dienoch aus der Zeit seines Vaters waren, und ihm einstiller Vorwurf zu sein schienen, zuwider. Er hatte damitauch schon gründlich aufgeräumt, und nur wenige waren,wie Pertinax und ein paar andere ältere Männer, seinerWuth entgangen. Es nahte aber eine Katastrophe, dieer selber herbeiführte. Auf das bevorstehende Neujahr193 plante er ganz besondere Festlichkeiten und beab-sichtigte, zum Festplatz nicht vom Kaiserpalast, sondernvon der Gladiatorenwohnung aus zu ziehen und sich demrömischen Volke als ersten Gladiator in voller Rüstungund einzigen Consul vorzustellen. Diesen Plan theilte