er der Marcia mit, welche darüber erschrack und ihnweinend auf den Knien beschwor, davon abzustehen, weildadurch die Würde des Kaiserthums in den Augen desVolkes, welches die Gladiatoren als eine verworfeneMenschenklasse ansah, erniedrigt würde. Von der Marciain Kenntniß gesetzt, thaten auch dasselbe der KämmererEklekius und der Präfeck der Garden, Lütus, zwei vor-treffliche Männer, die sonst beim Kaiser in Gnade waren.In höchstem Zorne, daß diese drei ihm zu widersprechenwagten, entfernte er sich und ging, wie um auszuruhen,in sein Schlafcabinet. Daselbst nahm er ein Schreib-täfclchen und proscribirte zum Tode die Marcia, denEklektus, den Lütus, die zwei für das Jahr 193 desig-nirten Consuln Erucius Clarus und Sossius Falko, sowieeine große Anzahl der angesehensten Senatoren. Dannentfernte er sich, ging in die Bäder — er badete ofttäglich 7—8 Mal — und trieb sich den ganzen Taghier und in Weinhäusern herum.
Nun war im Palast ein sehr schöner, drolliger Knabe,den Jedermann lieb hatte, und der wie ein Amoritto,ganz nackt und nur mit Goldschmuck behängen, herum-laufen durfte. Der Kaiser liebte > ihn außerordentlich,nannte ihn Philocommodus und ließ ihn häufig bei sichschlafen. AIs das Kind bemerkte, daß der Kaiser zurungewohnten Zeit im Schlafzimmer war, wurde es neu-gierig, lief hinein, fand das Schreibtäfelchen, welches ihmein erwünschtes Spielzeug zu sein schien, nahm es mitsich und lief in den Palast hinaus. Wer ihm zuerstbegegnete, war — Marcia. Sie nahm den Knaben so-gleich auf ihre Arme, herzte und küßte ihn nach ihrerGewohnheit. Als sie aber in seiner Hand das Täfelchenvon Lindenbast sah und als Schreibzeug des Kaisers er-kannte, nahm sie es ihm ab. Der Kuabe war es zu-frieden und trollte weiter. Mit Entsetzen las sie dieListe, auf welcher sie als erste stand, die dem Tode ge-weiht war! Allein sie behielt Geistesgegenwart, riefsogleich den Kämmerer Lätus und den Präfecten Eklektusherbei und berieth sich mit ihnen, was zu thun sei. DieSache lag einfach: sie wurden durch das eiserne Gebotder Selbsterhaltung zum xraövsuirs getrieben. Ihrrascher Entschluß, den Kaiser Abends zu todten, wurdedurch die Ueberzeugung bestärkt, daß sie dadurch demrömischen Volke nur die größte Wohlthat erwiesen. Siethaten es viel zu spät — rüwio sero — meinte derGeschichtschreiber Lambridius.
Als der Kaiser Abends, wie das häufig geschah,betrunken nach Hause kam, wurde ihm vergiftetes Ochsen-fleisch vorgesetzt.*) das bald seine Wirkung machte. Dochda er viel Wein zu sich genommen hatte, spie er einengroßen Theil wieder aus und fing zu drohen und zuschimpfen an. Da schickten die Verschworenen schnell zudem nahe wohnenden Fechtmeister Narcissus, mit demCommodus seine gladiatorischen Uebungen zu machenpflegte. Dieser warf sich auf den Kaiser und er-drosselte ihn.
Nie war eine Palastverschwörung nothgedrungenerund gerechter und nie wurde eine solche besonnener undschneller ausgeführt. Die Verschworenen hatten ihre Sachenicht halb gemacht: sie verständigten vorher den HelviusPertinax , einen wackern und hochgebildeten Feldherrn undStaatsmann aus der Zeit des Kaisers Marcus, von derLage der Dinge, und dieser erklärte sich bereit, die Kaiser-
Daß Marcia ihm auch einen Becher süßduftenden Weines,mit Gift untermischt, gereicht habe, ist koloristische Zuthat desHerodian, wovon der Hauptzeuge Dio Cassius , nichts weiß.
würde anzunehmen. Noch in der Nenjahrsnacht wurdeaus dem Palaste bekannt gemacht, der Kaiser sei an einemSchlaganfalle in Folge zu vielen Weingenusses gestorben.Am Ncujnhrstag wurde Pertinax von Volk und Heer mitJubel als Kaiser begrüßt, Commodus aber von Senatund Volk mit den stärksten Flüchen und Schimpfwörternverwünscht. Von Pertinax , der im besten Rufe stand,erwartete man die Wiederkehr der guten antoninischenZeiten.
Mit Marcia war endlich die goldene Kette, mitwelcher sie zehn Jahre lang an ein Ungeheuer gefesseltwar, zerbrochen. Als sie nun Herrin ihrer Persönlich-keit geworden war, reichte sie dem Kämmerer Eklektus,einem vortrefflichen Manne, ihre Hand zu rechtmäßigerEhe. Sie kannten sich beide schon vom Hanse desQuadratus her, in welchem der Priester Hyacinth diejunge Marcia unterrichtet hatte. Auch er war, wie schonsein Name andeutet, mit höchster Wahrscheinlichkeit Christ.
Statt dauernden Glückes kamen aber bald für Beidetraurige Nachspiele. Die Reformen, welche Pertinax ein-führte, wurden vom Volke mit eben so großem Beifallaufgenommen, als sie dem Heere mißfielen. Währendder Regierung des Commodus war das Heer demoralisirtworden und wollte sich die disciplinarischen Anordnungendes neuen Kaisers nicht gefallen lassen. Es entstand eineMeuterei, in welcher Pertinax, von Eklektus, dem Gemahlder Marcia, mit der größten Tapferkeit vertheidigt, er-mordet wurde. Auch Eklektus fiel, nachdem er zwei vonden Mördern niedergestreckt hatte, unter den Streichender Soldateska. Dio Cassius , der erwähnte ZeitgenössischeSenator und Geschichtschreiber, sonst so wortkarg im Lobe,gibt dem Gemahl der Marcia folgendes ehrenvolle Zeug-niß: „Dieser war der einzige, welcher den Kaiser nichtverließ und ihm, soviel er konnte, bcistand. Schon früher,hatte ich diesen für einen Ehrenmann gehalten, jetzt abermußte ich ihn bewundern."
Das feilgewordeue Kaiserthum ersteigerte mit Hilfeder Soldaten Didius Jnliänus, einer der verworfenstenunter den kleinen Zwischenkaisern, um eine hohe Summe.Er glaubte, auf das commodisch gesinnte Heer sich stützenzu müssen, und ließ die Marcia und den ehemaligen Prä-fecten der Prätorianer, Lätus, den Mitbetheiligten beider Ermordung des Commodus , tödten.
So endigte das vielbewegte Leben dieser merk-würdigen Frau, das sie kaum auf 30 Jahre gebrachthaben mag. Sie verdient nicht die Zurückhaltung undKälte, mit der ihr heidnische und kirchliche Schriftstellergegenüberstehen. Die erstem tadeln sie nicht und lobensie auch nicht. Das hat seinen naheliegenden Grund.Schlimmes wußten sie von ihr nicht zu berichten, unddas Gute verstanden sie nicht, wenn es ihnen nicht garunangenehm war. Von den kirchlichen Historikern hat,tonangebend, Enscbius sie unbeachtet gelassen. Er wolltewohl nicht berichten, daß die junge Kirche von einer Con-cubine Hilfe erhalten hätte, oder er schwieg deßhalb vonihr, um den Heiden keine Veranlassung zum Spottezu geben.
Bei Cohen, der bekannten numismatischen Autorität,findet man III., Tafel 4 die Abbildung einer sehr schönenund sehr seltenen Medaille, welche auf dem Avers dieProfile zweier Köpfe, den des CommoduS und einerweiblichen Figur, darstellt. Diese hat ein vollkommengriechisches, sehr schönes Profil, ist behelmt und mit einemSchuppenpanzer bekleidet. Man denkt zunächst an Mi-nerva; allein die römischen Götter verehrte Commodus