Ausgabe 
(8.3.1894) 10
 
Einzelbild herunterladen

76

nicht, am allerwenigsten die Minerva , die seiner Sinnes-weise so entgegengesetzt war. Es kann nur eine Per-sonification der Stadt Rom sein, und in diesem Fallehat der Kopf das Porträt der Marcia. Es sind zweiherrliche Köpfe, denn auch Commodus war, wie die Ab-bildungen auf den Münzen und die noch vorhandenenBüsten bezeugen, ein sehr schöner Mann, wenn auch nichtder schönste Mann seines Zeitalters, wie Herodian inseiner übertriebenen Weise sagt. Die Medaille stammtaus dem letzten Jahre des Kaisers n. 192 und beziehtsich wohl auf jene zärtliche Unterhaltung mit der Marcia,von der Lampridius (eap. VIII) erzählt, daß Commodus seiner Freundin mitgetheilt habe, er wolle die StadtNom zu einer commodianischen Colonie machen.

Möge diese Zusammenstellung zerstreuter, sich aufMarcia beziehender Notizen dazu beitragen, diese merk-würdige, noch allzusehr im dunklen Hintergründe derGeschichte stehende Frauengestalt mit einigen freundlichenLichtstrahlen zu erhellen, und ein Gefühl allzuspäter Dank-barkeit rege machen für die liebevollen Unterstützungen,welche sie einst in schweren Zeiten den verfolgten Christenangedeihen ließ!

EineSammlung theologischer Lehrbücher"mit besonderer Berücksichtigung der Religions-philosophie.

II.

3. v. Gehen wir nun auf einzelne Lehrbücherdieser Sammlung näher ein. Alle Bände sind noch nichterschienen. Zunächst mag uns hier die Religionsphilvsophievon dem Gicßener Professor der Philosophie HermannSiebeck beschäftigen. Um uns aber verständlich zu machen,wie eine solche Neligionsphilosophie in einer Sammlungtheologischer Lehrbücher Aufnahme finden konnte, erlaubenwir uns auf zwei andere der gleichen Sammlung ange-hörige Lehrbücher zurückzugreifen, nämlich auf das viel-genannte, ungemcin groß angelegteLehrbuch der Dogmen-geschichte" in 3 Bünden vom Berliner Professor Harnack und auf dasLehrbuch der alttestamentlichen Religions-geschichte" von Smend, Professor in Göttingen . Was diesedrei Lehrbücher mit einander gemein haben, ist einmaldies, daß die Beweiskraft ihrer Argumente in keinemVerhältniß steht zu dem colossalen gelehrten Apparat undzu dem großen Scharfsinn, der aufgewendet worden ist,und daß es allem Anscheine nach auf eine totale Elimi-nation des Uebcrnatürlichen aus den betreffenden Gegen-ständen abgesehen ist. Ob nicht diese beiden Thatsachenin einem cansalen Zusammenhange stehen?

Harnack läugnet die Inspiration der Schrift, erläugnct die Gottheit Christi, er läugnet die Auferstehungoder zweifelt sie wenigstens an, wie aus dem ersten Bandeseiner Dogmengeschichte Seite 74 und 75 hervorgeht.Harnack spricht dem Glauben an die Auferstehung dortjegliche Bedeutung ab. Wie konnte Harnack zu dieser Ne-gation der Grundwahrheiten des Christenthums kommen?Sind hiefür Anhaltspunkte concreter, historischer Natur vor-handen, oder tritt Harnack mit einem selbstgewählten,willkürlichen, idealen Begriff an die Beurtheilung vonJesu Person und Lehre? Daß das letztere der Fall ist,brauchen wir gar nicht eingehender zu beweisen, mehr alsgenügenden Aufschluß gibt uns in dieser Beziehung einUrtheil seines eigenen Gesinnungsgenossen, des Berliner Professors Pfleiderer. Pfleiderer schreibt in seinem neuestenBuch:Die Entwicklung der protestantischen Theologie in

Deutschland seit Kant ", S. 370:Während Baur dieDogmen aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und als noth-wendigen Ausdruck des durch verschiedene Stufen sich ge-schichtlich entwickelnden christlichen Bewußtseins zu beur-theilen pflegte, legt dagegen Harnack an die Beurtheilungder Dogmenbildung wieder einen ihr selbst fremden,von außen herzugebrachten Maßstab an, wiedas ebenso in der rationalistischen Geschichtschreibung zugeschehen pflegte. Allerdings hieß bei dieser der Maß-stab: Sittliche Vernunftreligion, bei Harnack hingegen: Evangelium Jesu. Allein dieser Unter-schied scheint größer, als er in Wahrheit in vorliegendemFalle ist. Denn was bei Harnack und der von ihmzu Grunde gelegten Ritschl'schen Theologiedas Evan-gelium" heißt, das ist, genau besehen, doch eine mehrideale als positive Norm, die sich mit keinemconcreten geschichtlichen Datum unmittelbardeckt, weder mit dem Gesammtinhalt der bib-lischen Evangelien, noch mit der Lehre, nochmit dem Lebensbild Jesu, wie es in diesen ent-halten ist. Welcher innere Werth auch im klebrigenjenem Ritschl-Harnack'schen Normalbegriff zukommen möge,soviel ist jedenfalls gewiß, daß er ebensowenig ein posi-tives historisches Datum, ebensosehr ein idealer Begriff,wie die Vernunftreligion der Rationalisten oder die Ideeder absoluten Religion bei den spekulativen Kritikern."

Es ist nnnöthig, hiefür noch einige Citate ausHarnack selbst anzuführen zur Bestätigung. Schafft aberHarnack mit dieser subjectiven Methode die Grundwahr-heiten des Christenthums auf die Seite, wer will es demGöttinger Professor Smend wehren, in seiner alttesta-mentlichen Religionsgeschichte auf gleiche Weise vorzu-gehen und mit der Negation nicht erst beim zweitenGlaubensartikel zu beginnen, sondern sofort beim ersteneinzusetzen und die Schöpfung aus Nichts zu entfernen?Mit imponirender Sicherheit sagt uns Smend Seite 457:Das Bedeutsame an Genesis 1 ist eben der Kontrast,in dem der religiöse Schöpfnngsgedanke des Verfasserszu dem heidnischen Mythus steht, der seiner Er-zählung den Stoff gibt."

Und um uns keinen Augenblick im Zweifel über denStandpunkt des Verfassers zu lassen, so wird gleichSeite 1 erklärt:Die alttestamentliche und überhauptdie biblische Neligionsgeschichte hatte zu ihren Vorbe-dingungen die Erkenntniß des Unterschiedes zwischender kirchlichen und biblischen Religion und Theologie,die Einsicht, daß die biblische Religion geschichtlichgeworden, die Freiheit des Gewissens von derAutorität der Bibel."

Da erlauben wir uns doch folgende Fragen: 1. Wasist kirchliche Religion und Theologie zum Unterschied vonbiblischer? 2. Was ist biblische Religion und Theologieohne kirchliche? 3. Was ist biblische Religionohne Autorität der Bibel? 4. Ist die kirch-liche Theologie nicht ges chichtlich geworden? 5. Stütztsich die kirchliche Theologie auf die geschichtlich gewordenebiblische Theologie oder abstrahirt sie von letzterer?

Hätte uns Smend über diese Fragen vollkommeneKlarheit verschafft oder dieselben zu beantworten versucht,wir wären ihm sehr dankbar gewesen.

Hören wir weiter Smend's Auffassung vom AltenBunde, von dem Bündniß, das Gott mit den Jsraelitengeschlossen. Denn die Auffassung dieses Verhältnissesist ja von ungeheurer Tragweite für das Neue Testament.Denn wie uns die Theologie sagt, steht das Alte Testa-