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auf Vorschlag ebenfalls Cornelius' -und Bunscns dieDircctorenstelle an der DüffeldorfewÄkademie annehmen.Es wurden Unterhandlungen eingeleitet, und im März1826 entschied sich Schnorr für München . Zwei großeAbschiedsfeste wurden ihm von der deutschen Künstler-gesellschaft in Nom gegeben, eines, worauf er besondersstolz war, am Geburtsfest seines Vaters, an dem er mitwahrhaft kindlich-zärtlicher Liebe hing. Seine Reise nahmer über Wien , wo er sich einige Tage aushielt und glück-licher Bräutigam der schon oben angeführten MariaHeller wurde.
In seiner neuen Stellung war Schnorr unermüdlichthätig, rastlos arbeitend und begeistert für das Schöneund Edle. Die künstlerische Hauptaufgabe aber, welcheihm zugedacht war, sollte nach dem für die Ausschmückungdes Königsbaues in München ursprünglich festgesetztenPlane die Darstellung bon Gegenständen aus der Odyssee sein.Schnorr bereitete sich auf diese ehrenvolle Aufgabe durcheine Reise nach Sizilien vor im Jahre 1826. Der Planscheint aber vom König Ludwig selbst aufgegeben wordenzu sein, und statt der anfangs beabsichtigten Darstellungensollten solche aus dem Nibelungenlied kommen. Wer dieNibelnugcnsäle der kgl. Residenz in München schon ge-schaut, wird die geniale Ausführung dieser herrlichenWerke Schnorrs auch bewundert haben. Mit diesem fürunser engeres Vaterland bedeutendstem Werke können wirunsere kurz gefaßte Erinnerung an Julius Schnorr wohlfüglich schließen, indem wir noch bemerken, das; er spätereine Professur und die Directorcnstclle der Gemäldcgalleriezu Dresden übernahm, wo er am 24. Mai 1872 starb.Er ist todt, seine Werke aber werden von ihm stetsZeugniß geben als von einem gottbegnadigten Künstler.
Der Herbartliulismtts
an den Lehrer- und Lehrerinuen-Seminarien.
(Fortsetzung.)
Lindner stützt sich, ohne weitere Begründung, nurauf das Wort des Meisters, wenn er (S. 20) behauptet:„Das Seelenleben des Menschen ist ein Entwicklungs-prozeß, welcher durch die Wechselwirkung zahl-loser Elemente zu Stande kommt. Diese Elementesind die Vorstellungen. Was die Buchstaben in derSchrift, was die Grundstoffe in der Chemie, was dieZellen in der Physiologie: das sind die Vorstellungenim Seelenleben." Nach dieser Psychologie ist die Seelenichts, die Vorstellungen aber und ihre Größen- undStärkeverhältniffe sind alles. Zwischen Zellen und Vor-stellungen besteht der Unterschied, daß jene von innenheraus durch Wucherung und Wachsthum, die Vorstell-ungen dagegen durch äußere Eindrücke hervorgerufenwerden (S. 20, Anmerkung). Darnach stehen die psycho-logischen Prozesse noch tiefer als physiologische, organischeProzesse; sie sind etwas rein Aeußerlichcs, von außen(nicht aus einem Seelenvermögen) Entspringendes unddaher auch nur äußeren, mechanischen Gesetzen Unter-worfenes!
Von Vermögen, mit deren Hilfe sich die Seele überdie Sinne zu freiem, die Sinnlichkeit und ihren Asso-ciationsmcchanismus überragendem und sie beherrschendemGeistesleben erhebt, wollen Herbart und seine Schulenichts wissen.
Mögen die Herbartianer immerhin von Geist undWille reden, der Sinn dieser Worte ist aber nicht dergewohnte; setzen sie doch den Menschen geradezu auf die
Stufe eines rein sinnlichen Wesens, auf die Wesensstufedes Thieres herab. Im rein sensualistischen Sinne sagt(S. 24) Lindner: „Auf dem großen Umfange und aufder Bedeutung des Gebietes der erworbenen Seelen-zustände beruht die Ueberlegenheit der Menschennaturim Gegensatze zur starren Angelegtheit des thierischenWesens." Also auf dem größeren Umfang und der fort-geschrittenen Verfeinerung des Vorstellungsmaterials undnicht auf ursprünglichen Wesensunterschieden und auf ent-sprechenden, ursprünglichen Vermögen der Menschenseeleberuht der Unterschied zwischen Mensch und Thier!
Der Abschnitt über die Gemüths feite des Kindesund die Bedingungen der Gemüthsbildnng (S. 28 ff.)erweist sich als einer der schwächsten Punkte der Herbart '-schen Psychologie und Pädagogik. Der tiefere Grund derZurückführung des Fühlens und Begehrens auf Vorstell-ungen liegt in der materialistisch-mechanischen Grund-richtung der Herbart'schen Philosophie. Geradezu staunenmuß man, wie eine Theorie, welche das Seelenlebenvöllig mechanisirt, in der Pädagogik Aufnahme findenkonnte. Die Ansicht: Fühlen, Begehren, Wollen seienabgeleitete Erscheinungen, ist nicht bloß als eine Folgerungaus falschen Voraussetzungen, aus einem unhaltbaren, diemehrfache Beschaffenheit eines Seienden ausschließendenSeinsbegriff, grundlos und willkürlich, sondern auch nach-weisbar falsch. Hören wir darüber Trcndelenburgin seinen „Historischen Beiträgen zur Philosophie" (Bd. 3S. 116 ff.). Nebenbei bemerkt, ist Trendelenbnrg Nicht-Theologe und Nicht-Katholik, was sicherlich besonders inder Kritik der Herbart'schen Sittenlehre sehr ins Gewichtfällt. —
„In der Zurückführnng des Begehrens auf auf-strebende Vorstellungen liegt eine Verwechslung derWirkung mit der Ursache. Das Streben, Begehrentreibt Vorstellungen empor, drückt sie nieder, ist abernicht selbst aufstrebende Vorstellung. Wie könnten dieVorstellungen, welche sich hemmen, oder die Vorstellungen,welche sich einander befördern, empfinden? Durch denzweideutigen Ausdruck .Spannung' suchen die Herbartianereinen Schein von Wahrheit für die Behauptung, Gefühlsei ein Attribut der Vorstellung, hervorzubringen. Ver-schmelzung und Hemmung aber genügen nicht, um dasAngenehme, Harmonische und das Unangenehme zu er-klären. Nicht selten fordert die Harmonie die Distinktionder zum Ganzen sich fügenden Theile; nicht selten ent-springt sie dem Gegensatze. Die Vorstellung, die fühlt,Lust und Unlust empfindet, ist eine falsche Personifikation."Das wirklich Empfindende ist die vorstellende Seele, welchesowohl die Vorstellung als auch die Lust und Unlust,welche diese erregt, in sich erlebt; die Seele, welche beiHerbart die Vorstellungen nicht einmal hat. An diesereinfachen, durch die innere Erfahrung verbürgten psycho-logischen Wahrheit muß der Pädagoge durchaus festhalten.Denn was ist eine Erziehung ohne Anerkennung einerfühlenden und wollenden, wollend sich selbst bestimmendenund ihren Vorstellungslauf nach Gesetzen und Regeln zumerkannten Ziele leitenden Seele?
Trendelenburg macht auf das idealistische Elementin der Herbart 'schen Auffassung des Begehrens und Wollensaufmerksam. Das Streben und Wollen hat nach Herbart sein Objekt ausschließlich in der Seele, sie will nur dieVorstellung, nicht den vorgestellten Gegenstand; die sinn-liche Gegenwart des letzteren ist nur Mittel, nicht Ge-walltes. Nebenbei fei der Egoismus zu beachten, demhiermit Thür und Thor geöffnet sei. Gegen diese Auf-
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