Ausgabe 
(22.3.1894) 12
 
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fassung müsse gellend gemacht werden, daß die Seele imBegehren bedürftig ist. Sie begehrt z. B. nicht dieVorstellung von der Ernährung, sondern die Ernährungselbst (a. O.).

Gleiches gilt auf den höheren Stufen des Seelenlebens.Nicht die Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele; nichtdie Vorstellung eines persönlichen Gottes, nicht die Vor-stellung von einem unendlichen Gute bilden den Gegen-stand des Verlangens und der Liebe der gläubigen Seele.Der Trost, welchen diese aus dem Umgänge mit Gott,aus dem Gebete schöpft, würde sofort in bittere Ent-täuschung sich verwandeln, wenn es gelänge, ihr die Ueber-zeugung beizubringen, daß sie im Augenblicke der höchstenreligiösen Erregung nicht mit Gott, sondern mit ihremeigenen Vorstellungsgebilde sich beschäftige. Mit solchemIdealismus der Herbart 'schen Psychologie fällt jedochkeineswegs der dieser gemachte Vorwurf des Sensualis-mus und Materialismus. Denn die Vorstellung, welcheHerbart mit dem vorgestellten Gute verwechselt, bleibt inall ihren Umbildungen sinnlich und materiell. Wie näm-lich Gefühle und Begehrnngen sind nach Herbart auchVerstand und Vernunft aus der Verbindung und wechsel-seitigen Einwirkung der sinnlichen Vorstellungen abgeleiteteErscheinungen. Deutlichst tritt die mechanische Denkweise zuTage bei der Erklärung von der willkürlichen Auf-merksamkeit. Nach Lindner (S. 39) kommt diese da-durch zu Stande, daß einer neu eintretenden, wenn auchschwachen Vorstellung aus verschiedenen Gegenden desBewußtseins Neproduktionshülfen zuströmen, welche dieseVorstellung heben und zum Mittelpunkt des Aufmerk-samkeitskreises machen. Also ein mechanischer Prozeß,bei welchem die Seele vollkommen unbetheiligt ist, einewillkürliche Aufmerksamkeit ohne jemand, der aufmerkt,ohne Wille und Willkür!

Das Gedächtniß wird in die zwei Funktionendes Behaltens und Wiedergebens unterschieden und imallgemeinen als das Vermögen der unveränderten Re-produktion gefaßt. Dabei ist dessen wahre Natur verkannt.Dem Gedächtniß ist ja wesentlich die Beziehung auf dieVergangenheit, auf die gehabte Wahrnehmung oder Vor-stellung; die einfache, unveränderte Reproduktion genügtnicht. Die Erinnerung enthält überdieß ein logischesElement, da ein absichtliches Besinnen ohne eine Art vonschließender Thätigkeit nicht ausführbar ist.

Ebenso ganz im Herbart'schen Sinne wird (S. 42)das Lernen und (S. 44) die Einbildungskrafterklärt. Die wichtigste Stelle in der sogenanntenwissen-schaftlich-exakten,, Herbart 'schen Pädagogik nimmt dieApperception " ein. Sie ist die Geburtsstätte desDenkens. Sie bildet die Brücke, welche über densinnliches Vorstellen und geistiges Denken trennendenAbgrund nnmcrklich hinüberführen soll. (S. 51 ff.) DieApperception ist das Umgewandeltwerden einer neuen Vor-stellung durch eine ältere, ihr an Macht überlegene. DieserProzeß ist eine Art Assimilation der neueren Vorstellungan die ältere. Wie die Aufnahme der Speisen zur Ver-dauung derselben, so verhält sich die Perception zurApperception. Damit wird die Sache so einfach, daßauch der Einfältigste die Natur und den Ursprung desDenkens versteht, ähnlich wie die des Verdauens, welcheser ja täglich übet.fl?)

Die allgemeine, intellektuelle Vorstellung, die Quelleall unserer höheren Erkenntnisse, das auszeichnende Merk-mal des Menschen, durch welches er sich als Vernunft-wesen kundgibt, wird zu einem bloßen Namen herabge-

drückt, mittels dessen wir verwandte Erscheinungen zu-sammenfassen. Dieser Nominalismus ist die nothwendigeFolge der Herbart 'schen Leugnnng der Seelenvermögenund der ausschließlichen Annahme von außen angeregtersinnlich-materieller Vorstellungen. Dabei wundert esnicht mehr, wenn diepsychologische Bildung" als einVcrdichtungsprozeß aufgefaßt wird. Jeder Zweifel überdie wahre Meinung unseres Lehrbuches, sowie darüber,daß das Denken als ein mechanischer Vorgang gefaßtist, wird schwinden müssen, wenn wir die (a. O.) in denAnmerkungen aufgenommenen Citate aus Anhängern derHerbart'schen Schule betrachten.

Sehr wohl begreiflich ist es unter solchen Umständen,daß auch die Kunst des Unterrichtes selbst zum reinstenMechanismus wird.

Wie nach Herbart das sinnliche Vorstellen undDenken nicht wesentlich verschieden sind, so auch nichtdas sinnliche Begehren und Wollen. Vom freienWollen, der Willensfreiheit, schweigt das Lehrbuchüberhaupt.

Gleichwohl ist (S. 53) die Rede von der Charakter-bildung. Der Charakter wird definirtals die voll-ständige Konsequenz des sämmtlichen Wollens und Handelnsdurch Unterordnung desselben unter praktische Grundsätzeund dieser wieder unter einen obersten praktischen Grund-satz. Sind sämmtliche praktische Grundsätze im Einklängemit dem Sittengesetze und steht an der Spitze derselbendas Gewissen, so ist der Charakter ein sittlicher." (S. 55.)Wie aber, fragen wir, passen Sittengesctz, Gewissen u. dgl.zur Herbart 'schen Philosophie und Pädagogik? Herrschtdoch da nur ein Mechanismus drängender und schiebender,gehemmter und geförderter Vorstellungen. Unsere Frageleitet uns naturgemäß Zur Prüfung der Herbart'schenEthik, insoweit sie in die pädagogischen Lehrbücher,auch in das Lindner'sche, eingedrungen ist.

Ohne allen Zweifel ist die wichtigste Bestimmungeines pädagogischen Systems die des Erzieh ungs-zweckes. Lindner (S. 57) unterscheidet einen formalenund einen sachlichen Erziehungszweck. Der formale istdie Sclbstständigkeit des Zöglings, der fachliche aber dieBestimmung des Menschen. Und diese ist dassittliche Ideal (S. 58). In der Herbart 'schen Pä-dagogik können alle Arten von Erziehung, die humanist-ische, atheistische, materialistische, nur nicht die christliche,Raum finden, wie wir sehen werden.

(Schluß folgt.)

Ueber die religiöse Bewegung in England

veröffentlichte vor kurzer Zeit George Mivart , einer vonden hervorragenden Männern, die auf dem Wege desNilnalismus" aus der anglikanischenHochkirche" inden Schooß der katholischen Kirche gelangt sind, in deranglikanischen Zeitschrift The Nincteenth Century einenArtikel, der in sämmtlichen protestantischen Kreisen be-deutendes Aufsehen erregte. Der Artikel beginnt Miteiner kurzen und zutreffenden Schilderung der ein-schneidenden Meinungsverschiedenheiten über die kirchlicheLehre, die unter den höchsten Würdenträgern der angli-kanischenHochkirche" auf dem im vorigen Oktober statt-gehabten Kongreß zu Birmingham zum Ausdrucke ge-langten, und fährt dann also fort:Alle diese Umständeaber dürfen uns nicht veranlassen, das heilsame Werkzu verkennen, welches die Partei derHochkirche" aufdem Gebiete der Landesreligivn (Lotafflisluneni) zu