Ausgabe 
(22.3.1894) 12
 
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verwirklichen im Begriffe ist. Dcis englische Volk istleider in Folge einer alten Gewohnheit und ererbterVornrthcile für den katholischen Klerus unzugänglich.Es hat eine Abneigung gegen jede direct von Katholikenausgehende Belehrung. Dieritualistischen" Geistlichenaber, welche der anglikanischen Kirche angehören, könnensich leicht Gehör verschaffen und den guten Samen derkatholischen Lehre nach allen Seiten hin ausstreuen. Wirbegegnen jetzt häufig gottesdienstlichen Gebräuchen, dienoch vor 40 Jahren außerhalb der damals in unsermLande noch kleinen Gemeinschaft der katholischen Kirche vollständig unbekannt waren und die überall anderswoverhöhnt und der Obrigkeit angezeigt worden wären.Aber dieNitnalisten" sind auf bestem Wege, daSWort protestantisch" bei der Kirchengesellschaft, der sieangehören, in Verruf zu bringen und den Protestantismusals eine verabscheuenswerthe Form des Glaubens er-scheinen zu lassen. So erhalten unsere ehemaligen Kircheneine dem römisch-katholischen Geiste entsprechende Aus-schmückung und werden auf solche Weise für uns vor-bereitet. Ja noch mehr: man führt sogar das Volk,welches dieselben besucht, nach und nach zu unseremGlauben. Die ausgezeichneten Männer, welche diefort-schrittliche Partei" der anglikanischen Kirche bilden, be-reiten den Weg vor für ein bedeutendes Wachsthum derkatholischen Kirche in England , wenn schon man ver-nünftigerweise nicht annehmen darf, daß die große Mehr-heit des anglikanischen Klerus in die Fußstapfen desKardinals Newmnn treten werde. Da anderseits die so-genannteevangelische" Fraktion binnen kurzer Zeit voll-ständig verschwinden wird, so läßt sich das endliche Schick-sal der anglikanischen Kirche einstweilen unmöglich vor-hersagen. Möglicherweise und hoffentlich wird ein be-deutender Theil oder sogar die große Mehrheit dieser KircheBedingungen annehmen, die es gestatten, sie in Masse inden Schooß der katholischen Einheit aufzunehmen. Dasist aber nur eine Möglichkeit und keineswegs eine Wahr-scheinlichkeit. Als getrennte priesterliche und dogmatischeKörperschaft kann die anglikanische Kirche keine laugeLaufbahn mehr vor sich haben; nichtsdestoweniger kannihrer eine Zukunft anderer Art warten. In einem nochunveröffentlichten Briefe vom 25. März 1884 schreibtmir der Cardinal Newman darüber Folgendes:DerHauptgrund, warum ich katholisch wurde, ist der, daßdie Protestanten selbst den Glauben bekannten, daßJesus Christus eine Kirche gegründet habe. War demso oder war dem nicht so? Wenn er eine Kirche ge-gründet hatte, dann konnte das nur eine lehrende Kirchesein. Die anglikanische Kirche aber war kein Lehrkörper,sie war eine zersplitterte, sich selbst bekämpfende Partei."Nun aber behaupte ich Folgendes: Alan ist im Begriffe,ein Experiment zu machen, man will feststellen, ob einechristliche Kirche auch ohne ein bestimmtes, anerkanntesCredo bestehen kann. Es ist das ein Problem, welchesnicht innerhalb einer einzigen Generalion gelöst werdenkann. Bis heutigen Tages ist noch Nichts eingetreten,was im Stande wäre, meine bereits vor 30 oder 40Jahren begründete Ueberzeugung zu ändern."

Das SekterNvese» in der russisch-schlsmatischeuKirche.

Es ist allgemein bekannt, daß sich die russisch-schis-matische Kirche mit Vorliebe und Emphase dieorthodoxe",von jeder Makel häretischer Ansteckung fleckenlos rein ge-

bliebene nennt. Damit steht aber in schneidendem Kon-traste die Thatsache , daß dieselbeorthodoxe" Kirche diegeheimen Sekten wissentlich und anstandslos in ihremSchoße duldet. Wir entnehmen die nachfolgende Schil-derung dem jüngst erschienenen Buche von vr. FerdinandKnie,Die russtsch-schisinatische Kirche, ihre Lehre und ihrCnlt",*) das auch in der Beilage zur Augsburger Post-zeitung wiederholt besprochen wurde; da sich Knie beiseinen Ausführungen meist auf angesehene russische Au-toren beruft, so glauben wir die Zuverlässigkeit seinerDarstellung nicht bezweifeln zu sollen. Dieselbe entrolltuns ein furchtbares Bild von der religiösen Zerfressen-heit, der die russisch-schismatische Kirche in Folge desüppig wuchernden Sekteuwesens, wie es scheint, rettungs-los verfallen ist.

Zunächst sind die sogenanntenaltgläubigen" Sektenvon dengeheimen Sekten" wohl zu unterscheiden. Diealtgläubigen" Sekten, der Raßkol genannt, sind nichtälter als 200 Jahre und entsprangen der Opposition,welche sich innerhalb der russisch -schismatischen Kirche gegendie vom Patriarchen Nikon unternommene Reinigung derKirchentexte (1667) erhob. Der Naßköl bildet so rechtdas Schisma im griechischen Schisma und spaltet sichselbst wieder in zwei Stämme: in die Priesterlosen Sektendes hohen Nordens, wo nur das Volk die Opposition gegenNikon mitmachte, und in die priesterlichen Sekten; beideGruppen erfreuen sich noch heute trotz wiederholt erfolgterUnion mit der Staatskirche zahlreichen Anhangs. Dabeiist zu bemerken, daß die russische Slaatskirche dem Naßkölgegenüber mit härtester Strenge verfuhr, so daß sich dieAnhänger desselben öfter unter gemeinsamem Gebete ingeschlossener, vollzähliger Versammlung ihrer Gemeindendurch Anzünden des Bethauses oder Klosters freiwilligdem Feuertode überantworteten. Dagegen erfreuen sichder Duldung diegeheimen Sekten", die meist bis in dieZeit der Christianisirnng Rußlands hinaufreichen und ihreAnhänger aus allen Ständen und Berufsklasscn rekrutiren,während der Raßkol seine Bckenner fast nur unter denniederen Volksschichten zählt. Es waren Fragen unter-geordneter, ritueller Natur, die die Trennung des Naßkölvon der Staatskirche veranlaßt hatten: ob das hl. Kreuz-zeichen mit zwei oder drei Fingern zu machen, ob dasAllclnja an gewissen Stellen der hl. Messe zwei- oderdreimal zu singen, ob der Name des Erlösers Issus oderllissuo zu schreiben sei; ihrer dogmatischen Lehrmeinungnach sind dieAltgläubigen" denOrthodoxen" so naheverwandt, daß ein außerhalb ihrer gegenseitigen Streitig-keiten Stehender nur mit Mühe und angestrengter Auf-merksamkeit die Differenzpunkte herauszufinden vermöchte.Dagegen halten dieGeheimsekten" an den liturgischenVorschriften der Staatskirche mit peinlichster Gewissen-haftigkeit fest, ja sind darin noch strenger und pünktlicherals vieleOrthodoxe"; es gibt keine genaueren undfleißigeren Erfüller der Gebote derorthodoxen" Kirche,als gerade dieGeheimsektler". Dieses ihres Fcsthaltensan den Ceremonien der Staatskirche wegen werden dennauch dieGeheimsektler" anstandslos den Rechtgläubigenbeigezählt, obgleich sie sich in ihrem innern Wesen nichtnur von der Orthodoxie, sondern vom christlichen Glaubenüberhaupt losgesagt haben. Es ist der nackteste Manichäis-mus, der uns in ihrem Bekenntniß entgegentritt. DieSeele des Menschen, lehren sie, stammt wohl von Gott ;der Leib aber ist vom Teufel geschaffen. Das ganze

Verlagsbuchhandlung Sthria, Graz 1691.