Ausgabe 
(22.3.1894) 12
 
Einzelbild herunterladen

93

Menschenleben ist daher nichts als ein immerwährenderKampf zwischen Leib und Seele. Unterliegt letztere, sogeht sie in die Gewalt des Bösen über, trägt sie aberden Sieg davon, so gelangt sie schon hienieden in einenso herrlichen Zustand, das; sie in unmittelbaren Verkehrmit der Gottheit tritt. Unerläßliche Mittel, um desSieges froh zu werden, sind: strenges Fasten, Enthaltungvon Fleisch, Alkohol und Tabak, von den Freuden derLiebe, von jeder Ergötzlichkeit und Sündenlockung, strengeAscese, erfüllt vom sogenanntenGedankengebet", vonSelbstverttefung, kurz ein rein beschauliches Leben.Das genügt aber noch nicht; man muß sich seines Willensentäußern und ihn jemandem unterordnen, der den Gipfelder geistlichen Vollkommenheit bereits erstiegen und dieGottheit bereits in sich aufgenommen hat. Durch ver-schiedene gewaltsame Bewegungen, durchBeflissenheiten",wie sie es nennen, d. h. durch Springen, Tanzen, Sich-drehen, Sichwirbeln mit ausgebreiteten Armen, durchZittern mit allen Gliedmaßen, durch Anhalten desAthems bringt sich der Ascet in einen Zustand desAußersichseins und erlangt die Fähigkeit zu Hallucinationen,ihm erscheinen Gesichter, er stößt zusammenhangslose, sinn-lose Worte aus, welche den Anwesenden als Propheten-worte gelten, nicht als ob damit stets Vorhersagungengemeint wären, sondern überhaupt: was in solchem über-reizten Zustand gesagt wird, das ist ein Prophetenwort;wer zu solchem Zustande gelangt, ist ein Prophet odereine Prophetin. Das ist aber noch nicht der höchsteGrad der Vollkommenheit. Die höchste Stufe ist fürdie Männer der Christusgrad, für die Weiber der Mutter-gottesgrad. Denn der Christus und die Jungfrau Maria der Heilsgeschichte stehen nach der Meinung derGeheim-sektcn" keineswegs vereinzelt da: so hohe Stufen, wiediese erstiegen haben, kann jeder Mensch erreichen. SolcheMenschen gibt es auch wirklich, und zwar gibt es solchebeständig im Schoße derGcheimsekten". Das sind dieacqnirirten oder erlangten Christusse, wie sie genanntwerden. Gott selbst hat in ihnen die menschliche Seelevernichtet und seinen Geist an die Stelle gesetzt und istin sie eingekehrt, so daß sielebende Götter" gewordensind. Solcher acgnirirter Christusse und Gottcsmütterkann eS gleichzeitig mehrere geben. Den acqnirirtenChristusscn stehen am nächsten die Propheten, gewöhnlichin der Zahl von zwölf, die sich Apostel nennen. DieAnhänger derGchcimscktcu" betrachten Christus denHeiland zwar als Gottmenschen, aber doch nur als einensolchen, wie ihre acqnirirten Christusse. Die Wunder,die er gewirkt hat, selbst sein Krcnztod und seine Auf-erstehung, sind nach Meinung einigerSchiffe" (Ge-meinden) nichts als Allegorien. Sie verehren keineHeiligenbilder, selbst das Kreuz nicht, wiewohl sie die-selben bei einigen ihrer Riten gebrauchen. Die Liturgieund kirchlichen Gesänge verwerfen sie, indem sie behaupten,immer und ewig ein und dasselbe zu singen, sei ein todtesWerk; vor Gott aber müsse man einneues Lied" fingen.Darum haben sie ihre eigenen Gesänge, die sich meist durchSinnlosigkeit auszeichnen, aber doch eines wilden, fanatischenSchwunges nicht entbehren. Ferner sagen sie, man dürfenur das Gebet des Herrn beten, wie es Jesus Christus angeordnet hat, im übrigen aber nur geistliche Gesängeund Psalmen singen. Gleichwohl erfüllen sie, wie schonerwähnt, alle Vorschriften der orthodoxen Staatskirche,beichten und commnniciren jährlich viermal und geltendaher als die frömmsten Gläubigen. Der orthodoxenrussischen Staatskirche kommt es eben nicht auf die Ein-

heit des Dogmas, sondern nur auf die Einheit des Ritusan. Daher verfolgt sie die ihr dogmatisch so nahe stehendenAltgläubigen" und duldet dieGcheimsekten". Ja sieläßt es mit der größten Gleichgiltigkeit geschehen, daßunter dem Deckmantel gleichförmiger Liturgie nicht nurdie abenteuerlichsten, geradezu »»christlichsten und heid-nischen Sekten ihr Wesen trieben, sondern auch, daßunter dieser anscheinend nur Gleichartiges bergenden Deckedie sonderbarsten und disparatesten Anschauungen sich ent-wickelten, so daß, nach den Worten Jkönnikoffs, vielerortsdie sogenannte Orthodoxie kaum noch vom Schamancn-thum zu unterscheiden war. Hier ist namentlich auch andas Vorwalten des Teufelsglaubens statt des Gottes-glaubens zu erinnern. Derselbe Autor, auf den sich Kniehinsichtlich der vorausgegangenen Mittheilungen beruft,berichtet auch, daß die Bekanntschaft des russischen Bauernmit dem Oberteufel und mit allen seinen Unterteufclnund die Kenntniß aller von ihnen ausgeführten Teufeleieneine wahrhaft erstaunliche ist und in ihrem Umfange allesübersteigen mag, was im Westen das gemeine Volk vongöttlichen Dingen hat. Nicht der christliche Gottesglaube,sondern der volksthümliche Teufelsglaube gibt beim ge-meinen Manne in Rußland die Motive des Handelnsher. Knie versichert, mit Beispielen und eigenen Erleb-nissen aufwarten zu können, welche klarstellen würden,daß auch die höheren Stände Rußlands , soweit sie nochrechtgläubig" sind, dem Teufelsglauben in einer Weisehuldigen, die dem Nichtrussen einfach unverständlich istund daher kaum Glauben finden würde. Mit vollemRechte ruft daher ein russischer Schriftsteller aus:Icherkenne es mit unaussprechlichem Schmerze, daß bei unsdie Religion gänzlich unwirksam ist." X.

Die neuere Kupferplastik.

Von Dr. Scpp.

Süddentschland behauptet im Kunstgebiete den Vor-rang, und ein neuer Kunst zweig hat eben jetzt inMünchen sich eingebürgert: in Kupfer getriebene Figuren.Wir sehen mit Befriedigung, wie Meister aus unsererMitte in ihren Werkstätten gerade hierin ihre Kunst-gewerbcthätigkeit entwickeln, wie das Neichstags-gebände durch sie seine Krönung erhält, indem dasKniscrdiadem in der Mitte von vier Königskronen inkolossalem Maßstabe umgeben sich erhebt und die Ger-mania hoch zu Roß mit gehobenem Scepter im Morgen-strahl der neuen Zeit zu reiten beginnt. Eben ergehtnach München die Einladung, sich ja an der Concurrcnzzum Denkmal am Khff Häuser zu betheiligcn, wo dererste Kaiser des neuen Reiches monumental in riesigemMaßstabe durch Knpfertriebkunst auferstehen soll. Dießrechtfertigt, daß wir der neuen Ehre des Kunsthandwcrksin Bayerns Hauptstadt diese Zeilen widmen.

Die Insel Cyperu heißt das Knpfcreiland, vonda holten die Phönizier das Metall und gössen es mitZinn in Erz um. Das Kupferzeitalter geht dem ehernenvoran. Herodes der Judenkönig pachtete die einträg-lichen cyprischcn Bergwerke. Die Bibel setzt Tubalkain ,den Meister in Erz und Eisen, bereits vor die Fluth.Das Alterthum wandte diese Technik meist auf denPanzer (tborax) an. Die griechische Toreutik hatSilber, Gold und Kupfer gehämmert und getrieben, be-sonders nach Holzmodellcn Todtenmasken, die man dannmit Pech ausfüllte und cisclirte. Schliemann ent-deckte einen in Silber getriebenen Stierkopf in Mykenä,