In Sachen von Dr. F. W. Helle's DichtungJesus Messias/ ")
Wie kommt es, daß eine Dichtung, deren veröffent-lichte Theile mit Recht so glänzende Beurtheilung er-fahren haben, — konnte doch selbst die „Neue FreiePresse" nicht umhin, wenn auch mit eigenthümlichemLächeln um die Lippen, entschiedene Anerkennung zuzollen, — wie kommt es, daß ein Werk, in welchemPoesie und Erbauung um die Palme ringen, trotzdemselbst bei Katholiken so langsame Verbreitung findet?Wie kommt es, daß selbst des Dichters nähere Lands-leute, die Westfalen, ihn und sein Werk so selten er-wähnen? Wohl liegt es in der Natur der Sache, daßromanartige Dichterwerke ihren Weg rascher machen, alsso wuchtige hochernste. Auch daß wir leichter nach einemBuche greifen, wenn es 10 Bogen, als wenn es deren30 zählt, ist nach Umständen leicht erklärlich. Zudemist es ja bekannt, daß das „Volk der Denker" zu denschlechtesten Bücherkäufern der civilisirten Welt gehört!Je weniger seßhaft wir in eigenen Häusern, vielmehrnomadenhaft, zwar nicht unter Zelten, aber in Mieth-häusern leben, desto mehr wird der Luxus von Privat-bibliotheken der letzte sein, den wir uns erlauben. Wirnehmen die Bücher lieber zu leihen, als wir sie kaufen;Dr. Helle's Werk aber eignet sich nicht dafür, leihweisein Hast gelesen zu werden, sondern gelassen, in ruhigenAbsätzen, und will immer wieder hervorgeholt werden,um einzeln bald diesen, bald jenen Abschnitt zu genießen.Dies Alles erklärt einigermaßen die sonst verwunderlicheThatsache.
Aber es gibt bei uns doch so Viele, denen dasLeben, Leiden und Sterben unsres Herrn die erhabensteHerzensangelegenheit bilden und die sich freuen, an derHand eines geistreichen Führers sich darin zu ergehen.Nun wohl denn, Helle verfügt bei lebendiger Darstellungs-kraft in edelster Sprache über einen erstaunlichen Reich-thum von selbständig verwertheten epischen Thatsachen,im Wesentlichen geschöpft aus beiden Testamenten, ausApokryphen, Kirchenvätern, Ueberlieferungen, frommenSagen und mannigfaltigen Schriften, im Geleit derschönsten Betrachtungen, deren Correctheit von Theologengerühmt worden, im Geleit auch der gelungensten maler-ischen Schilderungen. An der auffallend langsamen Ver-breitung des Werkes muß also, selbst wenn Einiges demVerleger zur Last fallen sollte, irgend ein Vorurtheil mitSchuld tragen, und wir glauben es zu kennen.
Helle's Dichtung läuft in Hexametern.
„O weh," rufen hier sogleich einige meiner Leser.Geduld, verehrte Herrschaften, hören Sie mich einenAugenblick an! Der Hclle'sche Hexameter ist nicht jener,den Sie kennen, weder der noch sehr unbeholfene derKlopstock'schen Messiade, noch auch der zwar sehr schöne,sehr formvollendete des Grafen Platen und andererNeueren, welcher aber eigens geschulte Leser fordert;nehmen Sie Helle's „Golgatha und Oelberg" zur Handund überzeugen Sie sich, daß sein Hexameter, auch ohneKenntniß besondrer prosodischer Regeln ohne Stockunglesbar ist für Jeden, der nur ein natürliches Sprach-und Rhythmengefühl besitzt und bis auf sechse zählen kann.
Helle erreicht dies, indem er bei Anwendung derSpondäen äußerst mäßigen Gebrauch macht von der
Freiheit des antiken Hexameters, Accentlängen in dieSenkung zu bringen. Sein Vers ist in dieser Hinsichtin strengerem Sinne ein accentuirender, als unsre volks-thümlichen Versmaße, die bei der leichten Ueberschaulich-keit ihrer Zeilen sich die nämliche Freiheit häufig ge-statten; sieh beispielsweise die Accentlänge Schutz in dembekannten Kindergebetchen:
Heiliger Schutzengel mein rc.
Dennoch bleibt Helle's Hexameter zugleich ein quanti-tirender; denn er hält (mit kaum nennenswerthen Aus-nahmen) die Gemeinregel aller antiken Versmaße ein,in der Senkung zu einer Länge keine weitere Silbe zufügen, was unsere volksthümlichen Maße gestatten, nichtnur wenn die betreffende Senkungslänge accentlos ist,wie Land in der Zeile
„Rufet das Vaterland mächtig zum Streite" —sondern selbst wenn sie den Wortaccent erhält, wie inden Droste'schen Versen:
Nechtsab des eigenen Blutes Gezweig,
Die alten, freiherrlichen Wappen:
Drei Rosen im Silberfelde bleich,
Zwei Wölfe, schildhaltende Knappen.
Indem Helle einerseits eine Freiheit der volksthüm-lichen Messung, andrerseits eine Freiheit sowohl dieserals der antiken nur mit großer Vorsicht anwendet, ge-winnt er sich, ohne Gefahr, den Rhythmus zu verwirren,das Recht, öfter Trochäen einzufügen. Ich bemerke dies,!um etwaiger Kritik die Spitze abzubrechen. Bekanntlich ^vermag ohnehin der deutsche Hexameter unter keinerleiUmständen die rhythmische Wirkung des griechischen zuerzielen; denn dieser schreite, wie man uns sagt, im Zwei»Vierteltakt, wir aber können aus Sylbenfolgen wieHerrsche, du Mächtiger,
in Ewigkeit nicht die Figur f j ß bilden, essei denn im Gesang. Da im Deutschen die Voraus-setzung, daß zwei kurze Sylben gleich einer langen seien,nicht zutrifft, haben wir mit der darauf gebauten Regelnur insoweit zu schaffen, als allerdings auch für uns derSpondüus mehr Fülle hat, als der Trochäus. Inwiefernaber die Meldung von Trochäen nur durchführbar ist,wenn wir auch fleißig Accente in die Senkung legen,ungeübte Leser aber über diese straucheln, so fällt —Vorzug gegen Vorzug gehalten — sicherlich bei einemGedicht, dessen stofflicher Inhalt empfängliche Leser inallen Ständen und Lebenskreisen sucht und findet, dievolksthümliche Lesbarkeit entscheidend in's Gewicht.
Man gestatte mir etliche eilig zusammengeraffte Be-lege: Aus dem vierten Gesang (Petri Verleugnungund Reue) den Eingang:
Kalt durckchauchct die Luft der reichlich gefallene Nachtthau;Aber im porphyrgepflasterten Hof, aus weiter VertiefungStrömet erwärmenden Hauch das knisternd-prasselnde Feuer.Ueber die ruhige Gluth im tiefgemauerten StcinbettHäuft die geschäftige Hand der dienenden Mägde des GinstersRuthenförmig Geäst und die knorrigen Scheite des Stammes;Bräunlich Wachholdergesträuch vermischt in den Gluthen des
Heerdes
Harzige Düfte dem duftigen Markt verglimmender Beeren.Springende Schoten sprüh'n des Ginsters kernigen SamenUeber das flackernde Wurzelgeflecht und schlangelnde FlammenFressen durcb's Ruthcngeäst und huschen wie schwankende ArmeUm die zersplitterten Scheite des Stammes; gespenstige SchattenKlettern umher an den Säulen des Hofs und streuen zerriss'neNebelgebilde aus's Volk, das ängstlick-leise und heimlichOder voll Leidenschaft mit heftigen Worten umhergehtUnter dem Säulengewölb, des gefangenen Rabbi gedenkend.