Ausgabe 
(29.3.1894) 13
 
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Oder aus dem 14. Gesang (Abnahme Jesuvom Kreuze):

Joseph's erbab'irc Gestalt, im lang Hinwallenden Barte,

Stützet die Linke um'S Kreuz, sein Blick schaut über das Querholz,Ueber der Schulter zerrissenes Fleisch, und bebend vor HerzleidSieht er in Mitten der Hand die blutig umkrustete Wunde,Welche in's Fleisch und Holz der gierige Nagel hineinfraß,

Daß aus der andern Seite des Pfahls die Spitze hervorragt...Weit ab steht von der Fläche der Hand des eisernen NagelsSchützender Helm; vergebens versucht in zartester EhrfurchtSorgsam dieRcchte, demFleische u. Holz zu entringen das Eisen...Aber umkrustet von Blut, mit der Wunde zusammengewachsen,Trotzt es der bebenden Hand; im stillen Gebete des HerzensFleht er zu JesnS um Hilfe und Gnad', und stehe, die NagelFolgen der ziehenden Hand in gchcimnißvollcr Bewegung,

Wie wenn göttliche Kraft die Spitzen berühre von rückwärts,Daß sie verlassen das Holz nnd die heilige Wunde der Hände,Sorglich verbirgt er sie dann im Gürtel dein Auge Maria'S.

Oder aus dem 17. Gesang (Jesus im Jnfernusu. s. w.): (Der Dichter greift zurück zum Augenblick desAbscheidens Jesu; die Hölle erzittert dem Ruf der Engel-schaaren):

Oeffnet die Thore, ihr Fürsten der Nacht! aus ehernen AngelnHebet die Pforten empor! denn einziehen will der gerechteKönig der Gloria und Macht, der Gerechtigkeit ewiger Rache."

(Die abgeschiedene Seele des Herrn erscheint imAetherleib noch als Leidensgestalt, um der ewigen Ge-rechtigkeit die letzte höchste Sühne zu bieten; bei diesemAnblick glaubt die Hölle zu triumphiren, aber)

Niedergedrückt auf die Knie' von geheimnißvollen Gewalten,Welche entquellen der Siegcrgestalt des wandelnden Gottsohns,Rufen die Teufel in einem Moment, in wiederstandsloserKraftloser Ohnmacht, knirschend vor Zorn und willenlos-folgsamHinter dem Wandelnden her und vor Ihm und neben Ihm

allwärts

Lauter u. grimmiger stets:Heil, Heil dem Bezwinger der Hölle!Unserm Gebieter nnd Richter und Herrn, dem Sohne des

David!"

Und um nicht mit dem Ruf der Teufel zu schließen,noch aus dem 28. Gesang (Jesu Verherrlichungim Himmel):

Ueber die Welten im Sonuengewog, Millionen GestirneDonnert der Donner des Herrn, und Sonnen, Planeten und

Sterne

Leuchten in herrlicherm Glanz; in gehorsamer Eile durchschnellenAlle das nimmerbcgrenzte Gcfild u. s. w.

*

Es ist heut nicht das erstemal, daß es mich drängt,in Sachen des hochinteressanten Werkes und seiner bis-herigen Geschicke in Ihrem Blatt ein bescheidenes Wortzu sprechen. Was mich hemmte, war die Erwägung,daß Dr. F. W. Helle mir selber ein äußerst günstigerRecensent gewesen und daß Gegenseitigkeit des Lobes garleicht einer Mißdeutung unterliegt. Heut aber duldet esmich nicht länger in solchem Schweigen, angesichts einerSubscriptions-Einladung, welche der vielfach schwergeprüfteMann und Dichteran der Schwelle des Greisenalters"erläßt, damit er die edle Arbeit so vieler Jahre in derGesammtheit der drei Bände könne an's Licht tretenlassen.

Der erste Band, der 1870 erschien unddasLebenJesu in seiner Kindheit behandelte, wurde seitdemauf das ganze Leben Jesu bis zum 80. Lebensjahreausgedehnt und im Geiste der Fortsetzung, nämlich imAnschluß an den 1886 separat erschienenen SchlußbandGolgatha und Oelberg ", umgearbeitet. Alle dreiBände sollen circa 90 Bogen 8° ausfüllen.

Jeder Dichter, jeder Autor wird es Dr. Helle nach-fühlen, wie dringend es ihm am Herzen liegen muß,

solch ein Werk noch selbst dem Druck zu übergeben, dieCorreklur selbst zu besorgen. Hiebei braucht nicht ver-hehlt zu werden, daß auch die finanzielle Seite ihm mußvon Wichtigkeit sein.

Aus geschäftlichen Rücksichten ist es geboten, daß dieAuflage 2000, noch besser 3000 Exemplare umfasse. Imersteren Fall müßte, damit die Deckung der Kosten undein nennenswerter Reingewinn für den Autor gesichertseien, die Zahl der Subscribenten 400 betragen, imzweiten 600, wobei das Gesammtexemplar sich auf15 Mark (9 fl. 30 kr.) berechnen würde, in An-sehung des reichen und breiten Satzes ein erstaunlichbilliger Preis. Exemplare des 1. und 2. Bandes be-trügen 10 Mark (6 fl. 20 kr.).

Seine Durchlaucht der regierende Fürst v. Liechten-stein hat auf 50 Exemplare des Gesammtwerkes unter-zeichnet.

Es ist undenkbar, daß die Subscription nicht baldzum gewünschten Ziel gelangen sollte. Das kathol-ische Deutschland wird sich nicht selber einessolchen Werkes berauben. Weil aber in solcherSache jeder das Seinige thun soll, habe ich mir htemiterlaubt, die Leser der Postzeitung noch ausdrücklich auf-merksam zu machen.

Emilie Ringseis.

Der Herbartmnismns

an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien.

(Schluß.)

Der Inhalt des sittlichen Ideals besteht nachLindner in folgenden fünf sittlichen Ideen: Gewissen-haftigkeit, Vollkommenheit, Wohlwollen, Recht und Billig-keit.Die Uebereinstimmung des Wollens mit der Ein-sicht oder die Gewissenhaftigkeit als das ersteElement der sittlichen Werthschätzung nennen wir dieIdee der sittlichen Freiheit." (S. 60.) Im Anschlußan Herbart wird die innere Freiheit als Unabhängigkeitvon außen dargestellt. Zwar ist nicht ausdrücklich gesagt,jenesaußen" sei auch auf Gott und sein Gesetz zu be-ziehen. Aber der Sinn jenerUnabhängigkeit von außen"ist kein anderer alsAutonomie" des menschlichen Willens,nnd die innere (sittliche) Freiheit bedeutet die innereUebereinstimmung des Menschen mit sich selbst, unab-hängig von jedem Willen außer ihm, auch dem göttlichen.Unter solchen Umständen verlieren die Worte: Gewissen,Gewissenhaftigkeit, im Zusammenhang mit dieserinneren Freiheit gebraucht, entweder allen Sinn, odersie erhalten eine dem gewöhnlichen Sprachgebrauch durch-aus fremde Bedeutung. Gewissenhaftigkeit ist nicht einebloße Form der Uebereinstimmung (l?), sondern konse-quentes Wollen und Handeln, entsprechend der erkanntenPflicht.

Stärke, Vielseitigkeit und Zusammenstimmung desWollens bezeichnen wir kurz als Vollkommenheitdesselben. Wir fällen somit vom Standpunkt dieserIdee das Urtheil: Das vollkommenere Wollen gefälltunbedingt neben dem minder vollkommenen." (S. 61.)Doch, dieser rein formalen Bestimmung der Vollkommen-heit fehlt ganz und gar der sittliche Inhalt! Es fehltdas Ziel, die Richtung auf ein höchstes Gut. Dievon dieser Ethik beeinflußte Pädagogik verschmäht es,mit dem gottmenschlichen Lehrmeister zu sagen:Seidvollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!"Das paßt nicht zurexakten Wissenschaft" (ls). Da gilt