Ausgabe 
(29.3.1894) 13
 
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ja nur das Größenverhältniß, die mathematische Formel.

Unter dem bekannten Namen der Nächstenliebe (Lehr-buch S. 63) bildet das Wohlwollen den Hauptgedankendes Christenthums und den größten Wendepunkt in derbisherigen Menschengeschichte, indem es der Menschheitdas Evangelium der Erlösung von der Selbstsucht ver-kündet." Damit würde sich das Christenthum nicht wesent-lich vom Buddhismus unterscheiden. Die Nächstenliebein ihrem vollen Umfange und ihrer ganzen Bedeutung istzwar eine durchaus christliche Tugend, bildet aber nureine Folge des Hauptgedankens des Christenthums. Dieserist nämlich die Menschwerdung des Gottessohnes; und derWendepunkt der Menschengeschichte ist die Erlösungsthatam Kreuze.Das ist das ewige Leben, sagt der Herr,daß sie dich den einen wahren Gott erkennen und dendu gesandt hast, Jesum Christum ." Weiter heißt's (a.O.) bei Lindner:Das Gegentheil des Wohlwollens istdas Uebelwollen, welches dem andern Böses wünscht. ZumBegriff des einen wie des andern gehört es wesentlich,daß es unmotivirt sei." Das Christenthum dagegenkennt keine unmotivirte Nächstenliebe. Diese ist einGebot und hat zudem die Liebe Gottes zum höherenBeweggrund, ist also doppelt motivirt. Wie stimmt daHerbart 'sche Ethik und Pädagogik mit dem Christenthum?

Wenn zwei Willen auf einen Gegenstand gerichtetsind, welcher jedoch nur einem derselben folgen kann, soentsteht Streit. Der Streit ist sittlich mißfällig. Umihn zu beseitigen, ist eine ausdrückliche oder stillschweigendeUebereinkunft der Gesellschaftsmitglieder nothwendig, welchebestimmt, wem der Gegenstand zu folgen habe. Einesolche durch die allgemeine Anerkennung ge-heiligte Regel zur Vermeidung des Streitesist das Recht." (S. 64.) Es gibt aber auch einensittlich berechtigten Streit. Freilich muß man den Streitals solchen fürsittlich" mißfällig erklären, wenn mandas Recht nicht anders zu begründen weiß, als durchdas Mißfallen an einer Disharmonie, welcheethisch"zu benennen beliebt, obgleich sie nur ästhetisch oder ge-wissermaßen mathematisch ist. Der Streit mißfällt durchseinen Mangel an Ebenmaß, durch die Disharmonie,welche das Mißfallen des interesselosen Zuschauers er-regt.Ein Wollen kann absichtlich auf ein zweitesWollen gerichtet sein. Dann darf es aber nicht bloßeGesinnung bleiben, sondern muß zur That werden.Durch dieselbe wird das zweite Wollen in seinem Zustandegestört und diese Störung von ihm entweder als einWohl oder als ein Wehe empfunden. Dadurch wirddie von dem ersteren Wollen ausgehende That zurWohlthat oder zur Wehethat. Sowohl die eineals die andere fordert vom sittlichen Standpunkte eineAusgleichung, die man Vergeltung nennt. Wohlthaten undWehethaten sollen vergolten werden; denn dieunver-goltene Wohl- und Wehethat als Störerineines bestehenden Willensverhältnisses miß-fällt unbedingt." (S. 65.) Gewöhnliche Vorstell-ungen erscheinen uns hier mit specifisch Herbart'schenLehren vermischt. Die Pädagogen, n In Lindner, schwatzendem Philosophen nach, übersetzen aber dann seine Wortein die gewöhnliche Sprache und suchen sie den land-läufigen Vorstellungen anzupassen. Glauben denn dieseErzieher wirklich, daß die Pflicht der Dankbarkeit nichtbesser begründet werden könne, als dadurch, daß mandiese zurückführt auf eine unverstandene und unverständ-liche Formel, welche sich ihrerseits stützt auf die mathe-matische Analogie der entgegengesetzten Größen? Wäre

die Wohlthat eine Störerin, so müßte sie vom Herbart '-schen Standpunkte aus als sittlich verwerflich gelten, alsounterlassen werden. Man dürfte es offenbar nicht darausankommen lassen, durch das mögliche Unterbleiben derVergeltung zu einer neuen Störung Gelegenheit zubieten.

Auf ganz eigenthümliche Weise sucht unser Lehrbuchvon densittlichen Ideen" hinüberzukommen auf dieBegriffe von Tugend und Pflicht. Nur so nebenbeikommen diese für die Ethik so wichtigen und unentbehr-lichen Begriffe zur Sprache. (Anmerkung, S. 67.)" Wennwir auf die Entwicklung des Sittlichkeitsbegriffes in Formder fünf praktischen Ideen zurückblicken, so sehen wir,daß es fünf Klassen von Willensverhältnissen sind, welcheden Gegenstand der sittlichen Werthschätzung bilden. DieGlieder dieser Verhältnisse sind einzelne Wollen(I?); nurbei der ersten Idee ist ein Verhältnißglied die Einsicht.An die Betrachtung dieser Verhältnisse knüpft sich dersittliche Beifall oder das sittliche Mißfallen; jener führtzu gewissen Tugenden, dieses zu gewissen Pflichten;denn das Mißfallen, weil es von der höchsten Instanzkommt, muß vermieden werden. Dadurch verwandelnsich die Urtheile der unbedingten Verwerfung in An-forderungen an das Wollen, denen unbedingte Folge be-wiesen werden muß, d. h. in Pflichten." Zwar wirdhier von Tugend und Pflicht geredet: das Wesen derSache selbst aber fehlt. Ohne Lust am Guten gibt eskeine Tugend. Die Herbart'sche Sittenlehre aber schließtdie Lust aus dem Gebiete des Sittlichen grundsätzlich ausund kennt nur das kalte, interesselose Wohlgefallen amHarmonischen. Pflicht gibt es nur bei einem höchsten,gesetzgeberischen Willen. Zwar ist gelegentlich auch vonGott als dem höchsten Gegenstand der Dankbarkeit, alsder höchsten vergeltenden Instanz die Rede. Die Rolleaber, welche in dieser Ethik Gott zugetheilt wird, ist eineganz äußerliche und zufällige. Der Glaube an Gott istHerbart Sache eines blinden Gefühls. Wer diesesGlaubens zu bedürfen meint, gut, er möge ihn behalten.Bei der Oede und Unfruchtbarkeit der Herbart'schenTugendlehre müssen wir wahrhaft staunen, wie sich christ-liche Pädagogen von den üppigen Auen der christlichenPhilosophie weg der geist- und herzlosen Herbart'schenEthik zuwenden mochten. Zudem besitzt die christlicheMoralphilosophie in der objectiven Weltordnung undnamentlich in der vernünftigen Menfchennatur ein in-haltsvolles ethisches Princip, welches Herbart und seineAnhänger in dem formalen Gesichtspunkt mathematisch-ästhetischer, daS Wohlgefallen des Zuschauers erregenderHarmonie vergeblich suchen.

Der Ethik nicht minder, wie der Philologie undMetaphysik Herbarts ist der mathematisch-mechanischeCharakter aufgeprägt. Deutlich tritt dies in unsermLehrbuche hervor. Von einem freien Willen, von einersittlichen Selbstbestimmung ist da nirgends die Rede.Die Aufgabe der Erziehung ist keine andere, als demVorstellungsmechanismus" einen gewissen Inhalt undein gewisses festes Gefüge zu geben. Daraus erklärtsich denn auch der mechanische Charakter der Herbart'schenErziehungs- und Unterrichtsmethode. Und bei all denGefahren, welche das Verbreiten Herbart 'scher Lehrenmit sich bringt, sollte man ruhig Herbart'sche Lehrbücherin die Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinneneindringen lassen? Auf, muthig zur Wehr!

Angesichts solch drohender Gefahren thut auch fürunser deutsches Vaterland ein Weckruf noth, wie ihn der