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als die Einwohner von Fratta Maggiore (auch FrattaGrmno genannt), 14 Kilometer von Neapel entfernt,gegenwärtig Station der Bahn zwischen Nom und Neapel .Aus dieser Ortschaft stammte der hl. Sosius, welchergleichzeitig mit Neapels hochberühmtem Patrone St.Januartus den Martertod erlitten hat. Schon längsthätten die Einwohner von Fratta Maggiore dessen Re-liquien gerne erhalten, aber vergebens. Nun erachtetensie den Zeitpunkt für gekommen, in Besitz derselben zugelangen, und wirklich glückte es mittelst obigen Dekretesdem Bischöfe von Peluso, Namens Lupoli, aus FrattaMaggiore gebürtig, seinen Heimathsangehörigen dieselbenzu verschaffen. Dabei kam das Unerwartete: er erhieltauch die Reliquien des Noriker-Apostels, weil man die-selben bei Eröffnung der Krypta in S. Severino anSeite des hl. Sosius beigesetzt gefunden. Die Grabes-inschrift dabei lautete: „äivis 8. Lsvsrivo blorloorum^.postolo st 8osio lavitns L. flanuarii Hxisoopi inxaosions sooio tsmxlurn ndi eorum 8. 8. oorxora,Lud altars rnag'ori raquisZeunt."
Sobald günstigere Zeitverhältnisse es erlaubten,gingen die Einwohner von Fratta Maggiore daran, dieSeitenkapelle ihrer Kirche, in welcher sie die kostbarenUebcrblcibsel beigesetzt, würdig mit Marmorarbeiten zuschmücken. 1874 waren die Arbeiten vollendet, für welche35,000 Lire aufgewendet worden. Inzwischen waren aberdie Neapolitaner nicht wenig darüber ungehalten, daßman ihnen hinterlistiger Weise — wie ihr HistorikerGalante sich ausdrückt — die Reliquien entwendet hatte,und verlangte deren Rückgabe. Zu allem Ueberflussekam auch aus Oesterreich , dem ehemaligen Wirkungs-kreise St. Severins, die Kunde, daß man für die zuWährung in Wien durch die Lazaristenpatres neuerbauteherrliche Severinskirche die Ueberlassung der Reliquiendes Heiligen sehnlichst wünsche. Vier österreichische Car-dinäle hatten sich dafür verwendet. — Umsonst.
Als Prälat Du. Sebastian Brunner in der Oster-woche 1878 Fratta Grumo einen Besuch abstattete, zeigtesich so recht die tiefgehende Erregung der dortigen Be-völkerung in dieser Angelegenheit.
Er hatte, bis der Kirchendiener mit den Schlüsselnzum Grabmale St. Severius erschien, sich in den PalazzoLupoli zu den zwei Neffen jenes Bischofes begeben,welcher seinerzeit die Uebertragung St. Severins be-werkstelliget hatte. Mit dem Kirchendiener erschienen zu-gleich fünf Geistliche, und vor der Kirche waren bei 300Personen, Männer, Frauen und Kinder, in drohenderHaltung versammelt; Sebastian Brunner war darübernicht wenig überrascht, und erst als er versicherte, daßer nur das Grab des Heiligen besuchen wolle, zerstreutesich die Menge.
Von S. Severino in Neapel entwirft derselbe fol-gende Schilderung: S. Severino in der Nähe der Uni-versität zu Neapel ist eine der herrlichsten und groß-artigsten Kirchen der ganzen Christenheit, sowie dasBenediktinerstift daselbst vom zehnten Jahrhundert bis 1807eines der berühmtesten gewesen.
Die Reliquien St. Severins waren aber nicht in dergroßen, sondern in einer alten kleinen Kirche, seitwärtsungefähr zwanzig Stufen tiefer als die große neuere ge-legen ist, beigesetzt. Der Kirchendiener führte mich durcheine kleine Thüre neben der Sncristei eine enge Stiegehinunter. ES geht durch einen dunklen Gang, dessenBoden ebenso, wie der der untern Kirche, mit einer
Menge von Grabsteinen vom zwölften bis zum sieb-zehnten Jahrhundert belegt ist.
In dieser untern Kirche befanden sich bis 1607die Särge der heiligen Sosius und Severinus auf demHochaltare.
An der aus schwarzem Marmor angefertigten Pre-della dieses Altares ist wörtlich in Stein gemeißel fol-gende Inschrift zu lesen: Lio äuo saucta, ckivinugusoorxoru xatrss 8os8Mg unnnimog sb 8svsrinnsUnchont." Links von diesem Hochaltare, an einem Seiten-altar, befindet sich ein Christus am Kreuz, Lebensgrößein Holz geschnitzt, ein Kunstwerk aus dem neunten Jahr-hundert.
Die obere eigentliche Stiftskirche S. Severino kannein Kunstmuseum genannt werden. Am 10. Oktober 9t 0wurden unter Stefan II., Bischof von Neapel , die Re-liquien St. Severins von Luculanum hierher übersetzt.
Die Schnitzereien an den Chorstühlen von Merlianogehören zu den besten und harmonischsten Arbeiten, welchedie Holzsculptur in der Spätrenaissancezett zu Tage ge-fördert hat.
Die an der Epistelseite befindliche Severinuscapelle,welche ebenso wie die dem Heiligen zu Ehren gebauteKirche den Cultus bezeugt, der dem Noriker-Apostel inNeapel zu Theil geworden, besitzt Gemälde auf Holz,St. Benedikt, St. Sosius, St. Severin (von BeltsarCarensi, der auch in dieser Kirche begraben liegt). Indieser Kirche existirt auch eine Grabkapelle der FamilieS. Severino mit drei Büsten von drei Brüdern, die derOnkel (1516), um ihren Besitz zu erben, mit vergiftetemWeine aus dem Leben schaffte. Auch die Mutter dieserSöhne, die der Gram über diese That schon einigeWochen darnach hinwegraffte, ist hier bei ihren Söhnenbeigesetzt. So wird man in dieser Kirche auf großeHeilige und auch zum Gegensatze auf grauenhafte Ver-brecher aufmerksam gemacht.
An der Stelle, wo einst der Landsitz des berüchtigtenSchweigers Lucullus sich befand, gegen Puteoli hin,dehnt sich nun der kgl. Palast und das große TheaterS. Carlo aus.
Fratta Maggiore zählt 14,000 Einwohner, derenHauptnahrnugszweig der Flachsbau ist. Hier, wie inTorre Annunciata , südlich von Neapel, sieht man Frauenauf dem Steinpflaster vor den Häusern mit großen,schweren Holzkeulen den Flachs brechen. Diese Ab-kömmlinge der Großgriechcn haben es mit den Söhnender alten Latier gemeinsam, daß sie ihre Ahnen und dieuralten Gepflogenheiten derselben hochhalten, alle Gewerbeund Geschäfte soviel als nur möglich primitiv und ahnen-mnßig betreiben. So kennt man auch hier, wie in ganzMittel- und Unter-Italien, auf dem Lande keine Spinn-räder und der Flachsbündel wird im ächten Sinne desWortes mit der linken Hand hochgehalten und mit derrechten der Faden daraus gesponnen; dabei läßt sichherumspazieren, eine Nachbarin besucht die andere undgeht plaudernd und spinnend mit derselben auf undnieder.