Ausgabe 
(29.3.1894) 13
 
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einigermaßen sich mit Treiben von Metallfiguren befaßten.Vor andern ließen 1696, also gleichzeitig, die GrafenHörwart in Hohenburg bei der Anlage des Kreuz-weges welchen ihr Bruder, der aus Jerusalem heimge-kehrte Guardian vom Berge Sion, einweihte dasCrucifix mit Maria und Johannes in Kupfer aushämmern.Die Arbeit rührt ohne Zweifel vom wackern KupferschmiedHammerl zu Tölz her, welcher sofort 1721 auf demKreuzberg meiner Heimath den neun Fuß hohen Christusaufstellte, ein tüchtiges Werk, während daneben der Salz-faktor Friedrich Kyretn die angesichts des Jsarwinkelshochpoetisch gelegene Kalvarienberg-Kirche erbauen ließ.Zufällig hatten meine Eltern dem Kupferschmied Kienedas Nebenhaus abgekauft und auf dem Wege in dieFerien kam ich als Student in dessen Werkstätte zuHolzkirchen mit der Frage, ob denn heute kein Meister-oder Geselle mehr im Stande wäre, ähnliches zu schaffen,und zwar zuvörderst die beiden Schächer daneben? EineZeit später hat sie auf mehrfachen Antrieb SpänglermeisterWeiß aus Landshut nach den von Michel Angeloentnommenen Vorbildern ausgeführt. Weiß ist derselbekunstverständige Handwerksmann, welcher auch den Petrus auf den RegensburgerDom stellte. Kunsterfahrenund vorzüglicher Zeichner, wie er war, hat er meinenseligen Freund Pros. Sighart auf Reisen von Domzu Dom begleitet und die erste bayerische Kunstgeschichtemit Illustrationen bereichert solche Bürger haben wir!

Nun find es wohl 28 Jahre, da bekam ich einesTages einen Besuch. Ich habe es schon lange vor, sosprach der Mann. und muß nun doch einmal kommen,Ihnen meinen Dank auszusprechen, denn Sie haben michauf meine Lebensbahn geführt. Ich erwiderte: Das mußein Irrthum sein, wir kennen einander nicht. Nein, keinIrrthum, sagte er; Sie haben als junger Herr, da ichselber noch Lehrling war, bei uns in Holzkirchen in derWerkstatt angefragt, ob denn jetzt kein Kupferschmied sichmehr auf Figurentreiben verstehe? Seitdem hat es mirkeine Ruhe mehr gelassen, ich habe es klein und großversucht und endlich so weit gebracht, daß ich schon Auf-träge bis nach England erhalte. Ich heiße SaturninKiene. Ist es nicht merkwürdig, wie viel plastischesTalent in unserem Volke, namentlich in den Bergländern,steckt, daß es nur der geringsten Anregung bedarf, es zuwecken! Unser Kiene hat den Landsknecht als Wacht-posten auf die Spitze des von Hauberrißer erbautenNathhauses gesetzt, welcher zu seinen architektonischen Ver-diensten auch noch das fügt, diesem Kunstzweige besondereUnterstützung angedeihen zu lassen. Für das Kranken-haus in Traun st ein lieferte Kiene 1867 eine Madonna,welche hier vorher zur Ausstellung kam. Seine MariaViktoria steht als Siegesdenkmal 1872 im SchlosseMauern bei Moosburg . Sein Christus am Kreuze er-langte 1870 in der Londoner Weltausstellung den Preisund kam in eine dortige Kirche. Seine fast fünf Meter-hohe Figur des hl. Joseph mit dem Christkind, stehendauf der Weltkugel, schaut vom Thurm des Josephcollegsin Millhill seit 1873 auf die Weltstadt London , auf20 engl. Meilen sichtbar. Das Modell für dieses heiligeWahrzeichen hat der zu früh Heimgegangene BildhauerSo her dem Tölzer Meister gefertigt. Ich spreche nichtvon den paar drei Meter hohen Figuren Johannis undder Gottesmutter unter dem Kreuze auf dem Kalvarien -berge zu Tölz, wohin er von München aus seine Werk-stätte verlegte und wo er 1874 nur zu früh zu Grabeging. Denn schon erwarteten ihn Aufträge des Königs

Ludwig II. für Hohenfchwangau und Linderhof , Neu-schwanstein und Herrenchiemsee .

Man treibt mittels Holzschlegeln und eisernen Häm-mern und muß zum Zwecke der Weichheit und Dehnbar-keit das Kupfer sehr oft glühen. Die Griechen triebenMetallblech in hohle Holzformen, jetzt arbeitet man überWeichmetall. Die Kupferarbeiten der früheren, sowie derJetztzeit sind meist nach kleinen Modellen und mehr ausfreier Hand entstanden. So hielt es Weiß in Lands-hut wie Saturnin Kiene in Holzkirchen und Howald inBraunschweig . Grundsätzlich werden jedoch Köpfe, Händeund Füße in Naturgröße hergestellt und darnach gear-beitet. Die Madonna für Traunstein ist ohne jedesModell getrieben. Die Löthung geht bei Holzkohlen-feuer und Gasgebläse mit Hartloth oder Messing vor sich:so verfuhr zuerst Hygin Kiene bei den vier Wappenhalternam RathhaW zu Hamburg . Die saubere Ausführunggeschieht durch Ciselirung über Pech. Bei der FirmaPeters in Berlin fallen die vielen, meist stumpf anein-ander gestoßenen, mit untergelegten Streifen doppelt ge-nieteten Theile auf, so daß man das Ganze iu der Nähenicht gut ansehen kann.

Die Arbeiten setzte in Holzkircheu und MünchenSaturnins gleich strebsamer Neffe Hygin Kiene fort.Er fertigte nicht bloß die Wasserspeier für die Herz-Jesu-Kirche unseres Hauberrißer nach Graz , sondern auch fürdessen Rathhaus in Wiesbaden den 2,30 Meterhohen Bannerträger, die dritthalb Meter hohe allegorischeFigur:Das Gewerbe", und, flott mit Zirkel und Triebradeinen Kranz schwingend, für die Gewerbschule in Leip-zig ; dann vier weitere gleich hohe: Ackerbau, Land-wirthschaft, Gewerbe und Kunsthandwerk. Auch Helvetienlernte den jungen Meister kennen. Nach St. Gallenging Merkur mit dem Schiffe und dem Schweizerwappenals Symbol des Handels ab, wozu Pros. Krämer dasvier Meter hohe Modell lieferte. Dazu kamen für diedortige Unionsbank sieben Figuren von drei Meter Höhe.Vortrefflich präsentirt sich der Page mit der Hellebardeals Wappenhalter für das neue Nathhaus in Hamburg .Man sieht an alldem keine Niete, sondern alle Nähtesind mit Gasgebläse verlöthet. Kienes vier Herolde fürdie Hansestadt Hamburg halten die Wappen von London ,Bergen, Brügge und Nowgorod . Schade, daß man beimonumentalen Werken so viel allegorische Figuren an-bringt, statt aus der deutschen Gesammtgeschichte oderLokalhistorie zu schöpfen. Doch sind dieselben HerrnKiene, wie Herrn Seitz, nach griechischen Vorbildern ambesten gelungen.

Einem Bremerblatte (N. N. 24. Sept. 93) entnehmeich, daß von dort ein Herr Siber, welcher zu seinerAusbildung mehrere Jahre eine Kunstschule in München besuchte,wo die getriebene Metallarbeit eine schätzbarePflegestätte gefunden", nun in seiner Vaterstadt ansehn-liche Aufträge hat. Wohlan, derselbe ist ein halbes Jahrbei Hygin Kiene in Holzkirchen in der Lehre gestanden.Aus dieser Werkstatt ging auch Logauer hervor, welchernicht weniger rührig sich in Wien niedergelassen hat.

Eustach Faustner lieferte 1878 und 1880 zweiFiguren nach Amerika, 1892 drei nach Nürnberg ; er warschon bei hiesigem Hofkupferschmied Leiß thätig.

Nun komme ich erst näher auf Herrn HeinrichSeitz, Hofkupferschmiedmeister, zu sprechen, welcher vorzehn Jahren zuerst ins Große zu arbeiten unternommenhat. Von seiner Hand ist die drei Meter hohe, vorzüglichgelungene Madonna an der Fayade der hl. Geistkirche