Ausgabe 
(5.4.1894) 14
 
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5. Aprlt 1894.

Eine alte Tölzer Hausordnung.

Mitten unter ein Bündel von Akten mit der etwaseigenthümlichen ÜberschriftKostenrechnungen" aus derzweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts hat irgendeine ordnende Hand aus Versehen eine alte Hausordnungeingelegt, welche gerade in unserer Zeit socialer Gährungnicht ohne Interesse sein dürfte. Die fragliche Haus-ordnung stammt, wenn sie auch kein Datum trägt, ohneZweifel aus dem ersten Viertel des siebzehnten Jahr-hunderts. Sie wurde nämlich, wie sie selbst besagt, vondem damaligen fürstlichen Pfleger in Tölz , Julius CäsarCrivelli, erlassen. Letzterer war nach der einen Angabedaselbst Pfleger vom Februar 1609 bis zum Februar1647, nach der anderen bereits seit 1606. Da aberMaximilian I. von Bayern auf dem Fürstentage zuRegensbnrg im Jahre 1623 mit der Knrwürde belehntwurde und Crivelli sich in der Einleitung nochfürstlicherDurchlaucht Herzog Maximilians" Rath nennt, so ergibtsich die ungefähre Entstehungszeit der Hausordnung vonselbst. H Julius Cäsar Crivelli gehörte einem uraltenadeligen Geschlechte an, welches ursprünglich in Mailand seinen Sitz hatte und daselbst in größtem Ansehen stand.Schon im zwölften Jahrhundert bestieg einer aus demHause der Crivelli, Ubcrto, als Papst Urban III . (1185bis 1187) den heiligen Stuhl. Leodisio Crivelli glänzteam Hofe des ersten Sforza als Humanist, Dichter, Ueber-setzer und Geschichtschreiber. Von Carlo Crivelli , einemKünstler der venetianischen Schule, besitzt der Brera inMailand Gemälde.

Im 16. Jahrhundert übersiedelte ein Zweig desGeschlechtes nach Rom . Alexander Crivelli hatte ur-sprünglich unter Carl V. ein Truppencorps befehligt, inwelchem nicht weniger als 400 seiner FamiliengenossenKriegsdienste geleistet haben sollen. Nach dem Todeseiner Gemahlin betrat er die geistliche Laufbahn undstarb als Cardinal am 22. Dezember 1574: sein Grab-mal befindet sich in seiner ehemaligen Titelkirche inS. Maria in Araceli auf dem Kapital in Rom . Aufdie römischen Crivelli scheint Maximilian I. von Bayern gelegentlich seiner Nomrcise im Jahre 1593 aufmerksamgeworden zu sein. Zwei derselben, Vater und Sohn,haben in der Folgezeit unter eben diesem Herzoge mehrals fünfzig Jahre den Posten des Agenten und Resi-denten Bayerns am päpstlichen Hofe bekleidet. ImDienste desselben Herzogs befand sich der Baron GiulioCesare Crivelli, ein Vetter des älteren Residentenin Rom , des Giambattista Crivelli.

Dieser unser Crivelli war am bayerischen Hof. eineangesehene und beliebte Persönlichkeit. Schon im Jahre1601 befindet er sich als Kämmerer des Herzogs Maxi-milian unter den Jmmatriculirten der Hochschule Jngol-stadt. Zwei Jahre später, wahrscheinlich am 9. Februar1603, vermählte er sich in München mit Anna Mariavon Etzdorf, welche seit ihrer frühesten Jugend im herzog-lichenFrauenzimmer" daselbst erzogen worden war;ihre Eltern waren damals bereits beide gestorben, derVater, Hans Georg von Etzdorf zu Warnbach, hatte vor-dem die Stelle eines herzoglichen Oberstjägermeistcrs be-kleidet, die Mutter stammte aus dem Hennegau. Balddarauf (1606 oder 1609) wurde Julius Cäsar fürst-licher Pfleger in Tölz , wo er in dem etwa um die Mittedes fünfzehnten Jahrhunderts erbauten Schlosse Wohnungnahm. Doch war Crivelli in der ersten Zeit viel von

Tölz abwesend und insbesondere häufig mit diplomatischenAufträgen Maximilians an die italienischen Höfe, darunterin erster Linie an den Papst, betraut. Schon 1605 warer in Rom gewesen, um den Papst Paul V. zu seinerErwählung im Auftrage seines herzoglichen Herrn zu be-glückwünschen. Wenige Jahre später (1609) finden wirihn abermals in Rom , diesmal in der schwierigen Mis-sion, den Papst zur Anerkennung und Unterstützung dernengegründeten katholischen Liga zu bewegen. 1620 warer wieder dort zugleich mit dem Augsburg » DomdechantenZacharias Fnrtenbach, als außerordentlicher Gesandter,welcher vom Papste Subsidien für die Liga erlangensollte. Auf sein Crivelli's Betreiben wurde derberühmte Fra Domenico di Gesü Maria nach München geschickt, der kurze Zeit nachher nicht wenig zur Be-geisterung der bayerischen Truppen in der Schlacht amWeißen Berge beitrug und so den bedeutungsvollen Siegnnterringen half. In den nun folgenden traurigenTagen ' des dreißigjährigen Krieges scheint Crivelli vielauf seiner Pflege in Tölz gewesen zn sein, war dannder Führer in den laugen Kämpfen gegen die Schweden im Jsarwinkel von Ende 1632 bis Anfang 1634 undhat durch sein kluges, entschlossenes Auftreten Tölz vorgrößerem Schaden bewahrt, als die Schweden 1632 da-selbst eintrafen. Nach ihrem Abzüge von dort sammelteer die wehrhafte Mannschaft des Marktes und der Um-gegend und schlug die Feinde nachdrücklichst bei Dietrams-zell. Im Jahre 1647 also noch vor dem Friedens-schlüsse starb Crivelli; ein Grabmal ist von ihm inTölz nicht vorhanden.

Dies sind im großen Nahmen die äußeren Lebens-schicksale des Schloßgcbictcrs von Tölz . Die von ihmgemeinsam mit seiner Gemahlin erlassene Hausordnungaber lautet folgendermaßen:

Hausordnung»

welchcrmaßen der edle und gestrenge Herr Julio Cäsar CrivellHerr zu Gudo, fürstl. Durch!. Herzog Maximilians in Bayern rc.Rath, Cammerer und Pfleger zu Thöltz, sammt Ihr. Gnadengeliebten Frau Gemahlin, die auch edle und tugcndsamc FrauAnna Maria Crivella, geborene von Etzdorf auf Warnbach undGrieSstetten rc., von allen ihren im fürstl. Schloß allhie an-wesenden Dienern und Dienerinnen, groß und klein, Keinesausgenommen, bei Entsetzung ihrer Dienste, auch noch darznnnfehlbarlichcr Strafe und Ungnade alle diese Artikel undPunkte mit höchstem Fleiß zn halten ernstlich befehlen tlmn,inmaßen nachfolgender Gestalt beschrieben und ordentlicher Weisezn vernehmen ist.

Anfänglich und fürs Erste wollen sich wolgcdachte unsergnädiger Herr und Frau zu ihrem ganzeil Hausgesinde endlichgetrosten und versehen, dasselbe werde sämmtlich und ein Jedesinsonderheit nicht allein der heiligen uralten kathol-ischen Religion zugethan, sondern ein Jedes solle hicmitauch-dahin vermahnt und schuldig sein, allezeit Gott, unsernSchöpfer und Scligmacher, vor Augen zn haben, sich des Gott-lästcrnS, SchwörcnS, Fluchens und SchcltenS gänzlich enthaltenund so viel möglich einen eingezogenen und andächtigen Wandelanstellen, alle Sonn- und Feiertage gelegentlich, auf welcheStunde einem dann dazu erlaubt wird, die heilige Messe hören,vornehmlich aber sich der heilsamen Beichte, Buße und Com-munion im Jahre öfter denn einmal, als ncmlich zu gewöhn-lichen hohen Festtagen, teilhaftig machen, auch was sonst der-gleichen zu der Seligkeit taugliche gute Tugenden mehr sind,befleißen und in Summa sich also hierin ein Jedes erzeigen,wie einem frommen katholischen Christen gebührt und wohl-anstcht. Denn hierdurch sich ein Ehehalt nicht allein eine guteHerrschaft, sondern zuvorderst, und was noch mehr ist, einengnädigen Gott im Himmel machen thut, der ihnen und unSAllen hernach verboffentlich hie zeitlich und dort in Ewigkeitbelohnen wird. Amen.