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(12.4.1894) 15
 
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12. April 1894.

Charcot über die Wirksarirkeit des Glaubens inder praktischen Heilkunde?)

Von Pros. Dr. Haas in Passau .

Charcot hat zu keiner Zeit, wie es der Artikel inNr. 51 der Beilage der Augsburger Postzeitung vorn21. Dez. 1893 nahe legen könnte, die Suggestions-behandlnng überhaupt aufgegeben, sondern nur die hyp-notische Suggestionsbchandlung. Er wie manche anderewendeten das suggestive Heilverfahren ohne Versetzungdes Kranken in Hypnose an, um den unvermeidlichenschädlichen Wirkungen der letzteren zu entgehen. Wiewenig er von der Suggestion selbst zurücktrat, das zeigteine nicht lange vor seinem Tode von ihm veröffentlichteAbhandlung über denhellenden Glauben". Der Glaubegilt ihm als das ideale Mittel; denn er bewirkt oftdann noch Heilung, wenn alle anderen Mittel versagthaben. Cbarcot hat sich deßhalb längere Zeit mit demMechanismus der Heilung durch den Glau-ben, wie er sich ausdrückt, beschäftigt.

Die Wnnderheilungen (durch den Glauben) erklärtCharcot als einen natürlichen Vorgang. Zu einerHeilung durch ein Wunder sind zwei Faktoren noth-wendig: eine specielle geistige Verfassung desKranken, nämlich das Vertrauen, die Leichtgläubigkeit,die Suggestibitität, und eine bestimmte Krankheit,eine solche, deren Heilung lediglich der Interventionbedarf, welche der Geist auf den Körper ausübt. Am-putirte Extremitäten wachsen nicht nach. Am zahlreichstensind vielmehr die Fälle von geheilten Lähmungen,besonders jener Classe von Paralysen, die Reynoldsäoperituvb ou iäou" genannt hat. Auch Geschwülsteund Geschwüre werden geheilt, wenn sie nicht organ-ischer Nalur sind. Eine Menge von Lähmungen sindhysterischer Natur: damit füllt bei ihrer plötzlichenHeilung das Ucbernatürliche des Wunders weg. DieHeilkraft des Glaubens knüpft sich an Wallfahrtsorte, anWunderthüter, welche hl. Stätten gründen. Eigenthüm-licher Weise haben manche von diesen an derselben Krank-heit gelitten, die sie später heilten.

Der Glaube an Heilung an einem Wunderorte istnach Charcot nicht von Anfang an in seiner wirksamenKraft vorhanden, sondern muß erst allmählich durch ver-schiedene Einflüsse seine richtige Stärke erlangen. Hiehergehören etwaige Schwierigkeiten der Reise an den be-treffenden Ort, Berichte von großartigen Erfolgen u. s. w.Der Widerspruch des Arztes steigert den Glauben. Sobildet sich allmählig die richtige Stimmung, welche denEintritt der Heilkraft des Glaubens begünstigt. Erhöhtwird diese Stimmung durch inbrünstiges Gebet. So istder Körper vom geistigen Zustand schon stark beeinflußt;die Reise wird unternommen, der Kranke kommt körper-lich übermüdet, geistig in hohem Grade suggestive! andem Orte an (Barwell:Wenn der Geist des Krankendurch die feste Ueberzeugung, er werde gesund werden,beherrscht wird, so wird er gesund"), nun eine Waschungan der hl. Quelle, ein nochmaliges inbrünstiges Beten,dazu die Wirkung der aus die Sinne berechneten Cultus-einrichtungen die Heilkraft des Glaubens tritt ein,das Wunder geschieht.

*) Vgl. Internationale klinische Rundschau 1893 Nr. 20u. Gäa XXIX. S. 491-496.

Auf Grund von Abbildungen aus früherenJahrhunderten, welche Heilungen darstellen, läßt Charcot die Wunder anscheinend meist bei Krumpfen auf-treten, deren hysterische Natur anzunehmen ist. VonLittrö nimmt er herüber, daß es sich bei den Wundernam Grabe des hl. Ludwig im 13. Jahrhundert in derMehrzahl der Fälle um hysterische Coutrakturen ge-handelt habe. Nach den nach der Natur gezeichneten Ab-bildungen von Wunderheilungcn in dem Buche von Mont-gerou (1739, 1745)*) werden Lähmungen und C o n-trakturen, Tumoren und NIzerationen durch dashl. Wasser, also durch ein Wunder, geheilt. Aus diesemBuche nimmt Charcot die ausführliche Erzählung derHeilung des Fräuleins Coirin, welches im Sept. 1716in einem Alter von 31 Jahren zweimal kurz nacheinandervom Pferde fiel und sich beim zweiten Male die linkeSeite verletzte. Es entstand eine Geschwulst an der linkenBrust, die man für Krebs hielt. Eine vorgeschlageneOperation unterblieb auf Ablehnung der Mutter desFräuleins. Seit 1718 war dasselbe linksseitig völliggelähmt. 1731, nachdem 12 Jahre lang aus einem Lochein der Brust übelriechender Eiter geflossen, wurde durchAnlegung eines am Grabe des hl. (s l) Franz von Pärisberührten Hemdes und durch Auflegen von Erde vondiesem Grabe das Loch in der Brust trocken; es begannsich zu schließen und zu heilen. Die Lähmung hörte inder nächsten Nacht auf. Die völlige Vcrnnrbung derBrust erfolgte in 15 Tagen und nach weiteren 5 Tagenkonnte das Fräulein wieder allein in den Wagen steigen.

Die mit dem Leiden der Coirin verbundene augen-scheinliche Atrophie war nach Cbarcot nicht organischerNatur. Es sind vielmehr jetzt mehr als 20 Fälle in derLiteratur bekannt, daß hysterische Lähmungen undCoutrakturen von Mnskelatrophie begleitet sind.Auch der angenommene Krebs war nur eine hysterischeAffektion. Zum Beweise lang andauernder Ülzcrationbei der Hysterie wird aus den hl. Franz von Assisi undauf Luise Lateau verwiesen (!).

Die Coirin hatte in der Brust ein hysterisches Oedem,eine Affektion, die zuerst Sydcuham beschrieben. Charcot selbstblaues Oedem" genannt hat. Nach Pros. Ncnautin Lyon kann dieses Oedem, zu größerer Entwicklung ge-langt, Hautgangrän bewirken. Letzterer setzt Schorfe ab,nach deren Abstoßuug große Geschwürflächen zurückbleiben.Der amerikanische Nervenarzt Fowler schildert im McdicalNccord 1890 acht ähnliche Fälle, bei denen die Kranken,welche alle an .Hysterie litten, hühuercigroße Geschwürehatten; psychische Behandlung führte zum Ziele.

Also, so schließt Charcot , steht die Heilkraft desGlaubens unter natürlichen Gesetzen. Eineplötz-liche" Heilung im eigentlichen Sinne zeigt sich bei denangeblichen Wundern nicht; es bedarf, wie oben gezeigt,einer allmähligen Vorbereitung. Auch tritt die Heilungnicht sofort vollständig ein: in den nächsten Tagenfindet man bei genauer Untersuchung immer noch Stör-ungen der Sensibilität und Steigerung der Schnenrcflexe;dies hat Charcot auch bei an Gnadenortcu Geheiltengefunden.

Cirkulationsstörungen können schnell eintretenund schnell wieder verschwinden. Insofern kann ein Oedemrasch vergehen, wie das der Coirin beim Anziehen des

*) Es ist wohl »I-s, vsritö äss wiraelss« gemeint.