Ausgabe 
(12.4.1894) 15
 
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berührten Hemdes; aber die völlige Vernarbung brauchtlängere Zeit. Auch Lähmung kann Plötzlich auftretenund vergehen; z. B. beim Schrecken. Sind während derLähmung die Muskel atrophirt, so gewinnt die betreffendeExtremität ihre Kraft und ihren Umfang erst nach Re-generation der zu Grunde gegangenen Muskelfasern wieder(bei der Coirin nach 20 Tagen).

Am 10. Juli 1730 wurde auch ein gewisser Ser-gent durch eine Novene am Grabe des hl. (?l) Paris von rechtsseitiger Contraktur mit Atrophie geheilt; aberHand und Bein bekamen nur die Fleischfarbe sogleichwieder, nicht sofort Dicke und Stärke. Charcot vergißtnicht, besonders beizufügen, daß er bei den von ihm selbstnach Lourdes geschickten Kranken nach deren Heilung da-selbst die sensiblen Störungen noch beobachtet hat.

Heilbar durch den Glauben (Suggestion) sind alsonach Charcot in Folge des besonders günstigen Suggestions-zustandes der Kranken Muskelatrophie, Oedeme ,Tumoren mit Ulzerationen hysterischer Natur.

Soweit die Darlegungen Charcots , die durch ihrwissenschaftliches Beiwerk und durch ihre anscheinendeObjectivität und Ruhe eines gewissen Eindruckes nichtermangeln. Sie werden daher bet allen Bckämpfern desWunders sicherlich mehr Beachtung und Verwerthungfinden, als sie in Wirklichkeit verdienen. Freilich mußman den Charcot'schen Darlegungen gegenüber ohne-weiters zu geben, daß vielfach bei der Beurtheilung undAnnahme des Wundercharakters von Heilungen ganzkritiklos und oberflächlich nach subjectiven Neigungenverfahren wird. So habe ich z. B. den Bericht übereine Heilung in Lourdes vom 1. Sept. 1893 vor mir,auf den Charcot's Bemerkungen ganz genau zutreffen.Ich mache aber hier sogleich darauf aufmerksam, daßdiese Kritiklosigkeit auch bei mancherlei anderen Heil-ungen sich findet, so daß man vielfach nicht weiß, obüberhaupt eine wirkliche Krankheit, noch viel weniger,ob wirklich die angenommene geheilt wurde. Es be-hauptet sicher niemand, daß alle angeblichenWunder-heilungen" wirklich solche sind. Private Anschauungenreichen zur Herstellung dieses Charakters nicht aus, selbstwenn sie von Aerzten ausgehen. Das Urtheil letzterergeht in diesem Betreffe über eine negative Bedeutungnicht hinaus, d. h. sie können nur sagen, daß sich diebetreffende Heilung nach dem heutigen Stande der medi-zinischen Wissenschaft auf natürliche Weise nicht er-klären lasse. Ein hinrei chender Grund zur Annahmeeines Wunders liegt nur dann vor, wenn die competentekirchliche Autorität auf Grund eingehender Untersuchungund Prüfung in diesem Sinne entschieden hat. Insofernhaftet den Darlegungen Charcot's schon der Mangel an,daß sie zu allgemein gehalten sind.

(Schluß folgt.)

Werth und Bedeutung des Studiums derKirchengeschichte.

Rede beim Antritte des Nectorats der L.-M.-Universitätgeholten am 25. Nov. 1893 von Dr. Alois Knöpfler.Die herrlichen Worte, welche Pros. Dr. Knöpflerbeim Antritte des Nectorats der Münchner Universitätgesprochen, haben auch in der Beilage der AugsburgerPostzeitung Aufnahme gefunden. Nun liegt auch schoneine ausführliche Besprechung vor, welche Pros. Or.Schrörs in Bonn im historischen Jahrbuch der Görres-gesellschaft, XV. Bd>, 1. H., S. 13345 veröffentlicht.

Dieselbe verhält sich im Ganzen ablehnend, ohne daßjedoch ihre Aufstellungen, wie uns bedünken will, durchausstichhaltig zu nennen wären. Zur Begründung dieserunserer Auffassung möge Folgendes dienen. Schrörsglaubt, Knöpflers Besorgnis), die Kirchengeschichtesollesich in den Dienst dieser oder jener Richtung stellen, fürirgend eine Lieblingsmeinung ein möglichst antikes Ge-wand ausfindig machen, ein zuvor ausgeklügeltes Nech-nungsresultat hintennach, so gut oder so schlecht esgeht, durch historische Zeugnisse approbiren", brauche unsnicht zu quälen. Dem gegenüber sei unter vielen nurein Beispiel angeführt, daß nämlich Funk, als er aufGrund sorgfältiger historischer Untersuchung zum Ergebnißkam, die ersten acht allgemeinen Concilien seien nicht vonden Päpsten, sondern vom Kaiser berufen und bestätigtworden, das Verdick erfuhr, diese Ansicht sei theologischund kanonistisch undenkbar (s. Funk, Lehrb. der Kirchen-geschichte, 1. Aufl. 1866, Vorw. S. VI; hist. Jahrb.d. Görresges. 1893 S. 485 ff.); es scheint also die vonKnöpfler geäußerte Besorguiß doch nicht ganz unberechtigtzu sein.

Ferner bemerkt Schrörs:Wenn jedoch der Kirchen-historiker noch einen Schritt weiter geht und für unsereZeit weise Belehrung ertheilt durch offene Darlegungvon Ursachen und Folgen verkehrter Anschauungen undverkehrten Handelns, so hat er damit schon halb einGebiet betreten, das außerhalb seiner wissenschaftlichenZuständigkeit liegt. In diesen Angelegenheiten, die zubeurtheilen zunächst den amtlichen Auktoritäten zukommt,wird er nur mit behutsamer Zurückhaltung sich äußerndürfen . . . Denn die Kirche läßt in ihrer Verfassungweder Raum für die Einwirkung einer öffentlichenMeinung im gewöhnlichen Sinne des Wortes, noch füreine Directive durch die Vertreter der Wissenschaft."Darauf wäre zu entgegnen, daß Knöpfler an der vonSchrörs bezeichneten Stelle nicht dem einzelnen Kirchen-historiker die Rolle derweisen Belehrung" zuweist,sondern der Kirchengeschichte; daß aber die Ver-gangenheit die Lchrmeisterin der Gegenwart ist und daßes gewiß nur zum Segen der Kirche gereichen kann,wenn die berufenen Auktoritäten zwar nicht von denVertretern der Kirchengeschichte, wohl aber von denLehren dieser letzteren selbst sich leiten lassen, dürftedoch wohl nicht zu bezweifeln sein; daß dem Historikerdie Rolle des Politikers oder des Mentors der amtlichenOrgane zufalle, daßvor der urtheillosen akademischenJugend" dergleichen Fragen an der Hand der bloßenGeschichte beleuchtet werden sollen, sagt Knöpfler nicht.

Wenn Knöpfler glaubt, die Trennung, welche im11. Jahrhundert Orient und Occident und wieder im16. Jahrhundert letzteren in verschiedene feindliche Re-ligionsgenosseuschaften auseinandergerissen hat, könne nichtdurch einseitige spekulative Erörterung gehoben werden, eingut Theil der Arbeit werde der geschichtlichen Forschungzufallen müssen, die Zeit aber, wo nach der Ansicht undSehnsucht vieler die petrinische und paulinische Kirche sichzur johanneischen vereinigen, oder wo auf die Periodedes Vaters und des Sohnes das Zeitalter des hl. Geistesfolgen solle, vermöge kein Geschichtskundiger zu bestimmen,so findet Schrörs diesen Gedankenunklar" undnichtsweniger als historischer Erkenntniß entsprungen". Unsist nur das unklar, wie Schrörs aus Knöpflers Wortenetwas anderes herauslesen konnte, als was dieser wirklichsagte: daß es sehr zu wünschen wäre, wenn die Spaltungbeseitigt würde, daß dazu auch das Studium der Kirchen-