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Geschichte beitragen könne, sofern es zeigt, es sei hübenund drüben gefehlt worden, und daß die Wiedervereinigungerleichtert werden könnte durch Beherzigung der wichtigenWahrheit, daß Einheit nicht Einerleiheit bedeutet; wasSchrörs sonst noch alles perorirt, insbesondere daß nichtdie systematische, sondern die historische Theologie zu be-stimmen habe, wo die Grenze zwischen Einheit und Einer-leiheit liegt, sagt Knöpfler nicht. Der Spruch: «InQ 6068 gariis unitas" rc. können wir und andere Leutenicht mit Schrörs „inhaltsleer" finden, auch vindicirtKnöpfler nicht dem Historiker die Entscheidung, was noth-wendig und was zweifelhaft sei.
Besonders mißfallen Schrörs Knöpfler's Ausführ-ungen über die geschichtliche Entwicklung des Verhältnisseszwischen Staat und Kirche. Schrörs meint, man müßteeine förmliche Abhandlung schreiben, um Knöpflers Con-structionen allseitig zu prüfen, und schreibt: „Kein GesetzConstantins ist mit Sicherheit nachzuweisen, das den Be-stand des Heidenthums irgendwie bedroht hätte; keineVerwaltnngsmaßregel allgemeiner Art, die gegen dieVerehrer der alten Götter gerichtet gewesen wäre; keinZwang, auch kein moralischer Zwang ist unseres Wissensvom Kaiser oder seinen Beamten zum Eintritt in dieKirche geübt worden. Der Arianismus hatte seineneinzigen Grund in den dogmatischen Kämpfen des 3.Jahrhunderts. ... Die Ansicht Hefele's von seinem ur-sächlichen Zusammenhang mit den noch halbheidnischenAnschauungen der zum Christenthum bekehrten Gebildetendarf als überwunden gelten. Bischöfe und Theologenwaren die Kämpfer im gewaltigen Streite, die Laienhaben darin nie eine bedeutende Rolle gespielt." Daßaber Knöpfler mit seiner von Schrörs gerügten Dar-stellung nicht isolirt steht, beweist uns Karl Müller,der in seiner 1892 erschienenen, von Harnack als dasbeste aller bisherigen kurzgefaßten (protestantischen) Lehr-bücher bezeichneten (Theol. Literaturzeitung 1892 Nr. 26)Kirchengeschichte S. 174 sagt: „Mit dem Siege überLicin 324 wird er (Constantin) freier und rücksichts-loser. ... Die Annahme des Christenthums wird demOsten öffentlich empfohlen, das Heidenthum als Weltdes Irrthums gebrandmarkt. Dann werden auch seinereligiösen Institutionen mehr und mehr beschränkt undverboten (Verbot aller Opfer und aller Mantik; etwa828—30 Zerstörung einzelner Tempel, nicht ausschließ-lich solcher mit unsittlichen Culten, und Säkularisationdes betreffenden Tempelgutes). Die gesetzlichen Verbotebedeuten freilich an sich noch lange nicht ihre Durch-führung, aber sie ermöglichen sie, zumal das Beamten-thum sich immer mehr mit christlichen Elenrenten füllt"u. f. w. Daß die Laien im Arianismus nie eine be-deutende Rolle gespielt haben, ist jedenfalls eine kühneBehauptung Schrörs', der gegenüber nur an das Treibender Schwester Constantins, Constantia, sowie der KaiserConstantins und Valens erinnert werden möge; auch istes sehr natürlich, daß in Folge des Beispieles und Druckesvon oben sehr Viele ohne innere Ueberzeugung die Taufeannahmen, die dann beim Ausbrnche des Streites denlaxeren Ariarrern zufielen.
Auch was Schrörs an Knöpfler's Darstellung desVerhältnisses zwischen Staat und Kirche zur ZeitGregors VII. auszusetzen hat, ist nicht ganz zutreffend.Daß nach der Anschauung des letzteren von einer wahrenCoordinatton zwischen Kirche und Staat gar keine Redesein kann, ist für jeden unzweifelhaft, der sich mitGregors Gedqnkensphäre eingehender vertraut gemacht
hat. Das erhellt schon aus dem Vergleiche von Sonneund Mond, der im Schreiben an Wilhelm den Erobererganz allgemein, nicht bloß, wie Schrörs will, mit Bezugauf diesen Fürsten gebraucht wird; ferner zieht Gregor VII. auch das Verhältniß von Gold und Blei heran (L^.VIII. 21, vk. o. 10 O. 96; v. Scherer, Handb. d. Kirchen-rechts, S. 36—40 Anm. 37; Maassen, neun Kapitel überfreie Kirche und Gewissensfreiheit, S. 176 ff.). Schrörsbemängelt den Ausdruck „hyperdevot", den Knöpfler vonAugustinus Triumphus und Torquemada gebraucht, undmeint, die ausschweifenden Behauptungen der letzterenwürden von niemand mehr vertreten. Allein in seinemBuche „I^a. olliosa, s 1o stato" beschränkt Matth . Li-beratore 8. 1. die Schlüsselgewalt des Papstes entferntnicht auf das kirchliche Gebiet, sondern erklärt ihr diepolitische Autorität durchaus unterworfen, und ähnlichsprach sich Graf Du Maistre aus (s. Scherer, 1. o. p. 53Anm. 12).
Auch in seiner Polemik bezüglich der Stellung, dienach Knöpfler die Kirchengeschichte im Bereich der theol.Disciplinen einnehmen soll, scheint uns Schrörs nicht glück-lich zu sein; nicht eine Ueberordnung, wohl aber eineGleichstellung der Kirchengeschichte mit den übrigentheologischen Wissenschaften vertheidigt Knöpfler, und dasangesichts der etwas stiefmütterlichen Behandlung, derensie sich in den romanischen Landern unleugbar zu be-klagen hat, unseres ErachtenS mit vollstem Rechte. Wenndann Schrörs den von Knöpfler an der heutigen theol.Wissenschaft gerügten Mangel an selbständigem Forschen,ferner das Anlehnen an die „starre Schultradition" undden „normgebenden Autor" mit dem Hinweis auf dieZeiten des Jofephinismus entschuldigt, wenn er glaubt,Knöpfler sehe zu schwarz und man müsse bei Beurtheilungder theologischen Leistungen nicht die große Masse dererscheinenden Werke, sondern nur die hervorragendstenLeistungen ins Auge fassen, so könnte man einwenden,daß man für die theologischen Leistungen heute, nachbeinahe 100 Jahren, den Jofephinismus doch nicht mehrgut verantwortlich machen darf, baß da, wo der Rednerzu schwarz, sein Kritiker vielleicht zu kurz sehe, und daßman allgemein die Dinge nach dem Durchschnitt, nichtnach vereinzelten Erscheinungen zu messen Pflegt. Un-richtig ist es, daß Knöpfler den Vorzug wissenschaftlicherProduktivität ausschließlich den Universitäten zuer-kenne, wie Schrörs ihm vorwirft. Daß zu gelehrtcmZusammenarbeiten zwischen Lehrern und Schülern, zuwissenschaftlicher Produktivität die Hochschulen in erstwund hervorragender Weise berufen sind, wird auch Schrörsnicht bestreiten; daß alle Nichtuniversitätsprofessoren aufliterarischem Gebiete unthätig oder erfolglos seien, be-hauptet Knöpfler so wenig, wie das Gegentheil von allenUniverfltätsprofefforen.
Kurz, das Urtheil, das sich Schrörs über Knöpfler'sRede gebildet hat, würde wohl ein ganz anderes ge-worden sein, wenn er sich mit dem begnügt hätte, wasKnöpfler wirklich gesagt hat, und nicht alles Möglichesonst noch darin hätte finden wollen; die Kritik Schrörs'thut dar, wie sehr Knöpfler Recht hatte, wenn er in seinerRede sagte: „Sobald ein neuer oder selbstständigcr Ge-danke sich zeigt, fühlen wir ein nervöses, fieberhaftesZittern durch die theologische Welt gehen."
Dr. -q-
Daß allerdings in der an sich ausgezeichneten Rededes Herrn Nector Magnificus Dr. Knöpfler einzelne Stellen