Ausgabe 
(12.4.1894) 15
 
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sich finden, welche leicht zu Mißverständnissen Anlaß geben,ist nicht zu leugnen und ist auch von anderen Gelehrtenanerkannt worden, die im Allgemeinen durchaus mit denAnschauungen des Hru. Or. Knöpfler harmoniren. D. Red.

Die neueste Predigtliteratur.

Wenn Predigtmanuskripte auf das Drängen vonbuchhandlerischen Interessenten oder auf Zureden vonselbst zahlreichen Zuhörern und Freunden im Druckveröffentlicht werden, so ist das für den Kundigen nochnicht immer auch ein sicherer Beweis für deren brauch-baren Werth und Gediegenheit. Nebst der mehr oderweniger bewußten Eitelkeit des jeweiligen Verfassers hatgerade dieses wohl gut gemeinte, aber der Mitver-antwortung nicht immer bewußtegeschäftliche undfreundschaftliche Drängen" die unfruchtbare Hypertrophieder homiletischen Literatur der Gegenwart verschuldet,das Lescpublikum vielfach mißtrauisch gemacht und dieVerleger mit weiterenLadenhütern" bereichert. ZumNutzen und Frommen der guten Sache dürften selbst diewenigen Predigtrecensenten, die eine scharfe Feder zuführen und vorn Blaustift eifrigsten Gebrauch zu machenpflegen, die Notenskala immer noch um etliche Gradereduciern.

Wenn aber nicht kaufmännische Specnlanten, wennnicht bloß wohlmeinende Zuhörer, sondern sogar ein all-gemein anerkannter, kundiger Fachmann, ein hochange-sehener Referent für Homiletik') seinen bestimmenden undausschlaggebenden Einfluß für die Drucklegung von Pre-digten geltend macht, dann hat man gewiß nicht All-tägliches zu befürchten, sondern Außerordentliches zuerwarten.

Diese Voraussetzung trifft zu und die damit ge-gebene Erwartung wird glänzend gerechtfertigt durch dieneueste homiletische Publication, durch diePredigtenund Ansprachen" des berühmten Gelehrten und Kanzel-redners von St. Bonifaz in München , des Paters OdiloNottmariner 2 ). Das ist auf dem Gebiete der Homi-letik auch einmal wieder eine Erscheinung, die volle Be-achtung und warme Aufnahme verdient. Es sind Pre-digten, die man auch bis zum Ende, ja wiederholtlesen kann, lesen wird.

Was die von dem warmen Hauch des eifrigenSeelenhirten durchdrungenen Predigten auszeichnet, istdie theologische und sprachliche Bildung desVerfassers.

Nottmanner ist nach Inhalt und Form seinerPredigtweiseeigener Art", ja originell, er bietet nachbeiden Seiten hin Neues, aber er wahrt den alten undaltbewährten Satz: novo, non nova. Der Verfasserverkündigt keine neue Lehre, aber seine Lehrverkündigungbewegt sich nicht in den alltäglichen Bahnen gewöhnlicherKanzelreden, sondern schöpft selbstständig aus dem tiefenSchacht und dem unermeßlichen Born der geoffenbartenWahrheit und bringt mit Vorliebe die Schönheit undMacht des christlichen Glaubens- und Gnadenlebens zurKenntniß der Zuhörer (Leser). In all den als Aus-wahl gebotenenPredigten und Vortrügen" überrascht

') Universitätsprofessor Dr. P. Keppler, vgl. LiterarischeRundschau.

2 ) Predigten und Ansprachen, von k. Odilo Rott-manner, O. 8. L., Dr. tbeol. 349 S. 8°. München »Lenin er 1893. Preis M. 4,SO.

2) Es sind 6 Fasteupredigten ü)er das Vater Unser, 11

geradezu die Fülle und Kraft der Gedanken, welche zu-gleich mit feinstem psychologischem Takt und Zartsinn

alle Saiten des menschlichen Herzens anschlagen. Derkernige Inhalt ist überdies festgegründet auf dem ächtenund sicheren Boden der kirchlichen Dogmatik und christ-lichen Moral. Vor allem ist es die hl. Schrift,welcher Nottmanner seine erhabenen Ideen und tiefenGedanken entlehnt. Seine Predigten und Ansprachenliefern den thatsächlichen Beweis für die Wahrheitdes alten homiletischen Hauptsatzes, daß die hl. Schriftfür den Prediger die erste und unversiegbare Quellesowie das unübertreffliche Muster der Popularitätist und bleibt. Was Nottmanners Lieblingsschriftsteller,der hl. Augustin, ausgesprochen hat:Um so beredterwirst du sein, je mehr du geschöpft hast aus der hl.Schrift; bist du klein an Beredsamkeit und arm, durchsie wirst du groß und reich"), das hat der Kanzel-redner von St. Bonifaz an sich erfahren. Nirgends dieFormen und Formeln der abstrakten Schultheologie,sondern überall die frische, klare und verständliche Sprachedes concreten Lebens, nirgends hohle Phrasen, sondernüberall edle, inhaltsreiche Form, Anschaulichkeit undLebendigkeit der Rede, bildliche Darstellung und malerischeSchilderung, oratorischer Schwung und dichterischer Reiz:all diese Bedingungen ächter, populärer Predigtweise ver-dankt Nottmanner seiner gründlichen Kenntniß der hl.Schrift. Von ihr stammt Inhalt und Form seinerPredigten: ein unverkennbarer Vorzug und unnennbarerWerth derselben.

Dieeigenste Art" der Predigtweise Nottmannerszeigt sich aber in der Anlage und Anordnung, deräußeren und inneren Disposition. Bekanntlich habensich im Lauf der Jahrhunderte zwei Arten von Predigt-anlagen ausgebildet, die Homilie und die thematischePredigt. Jene, die sich in der Stoffwahl, in der Aus-wahl und Ordnung der Gedanken ganz an die Schrift-perikope bindet, war bis in das 12. Jahrhundert hineindie reguläre Predigtform. Diese, welche ein klar formu-lirtes Thema zwar auch mit Zugrundelegung des Schrift-wortes, aber nach einem frei bestimmten Plan zum Vor-trag bringt, findet sich in kleinen Ansätzen schon beiAugustin und Chryfostomus, ist aber erst durch dieScholastik kunstgerecht ausgebildet worden?) Indem balddie eine, bald die andere die Herrschaft führte, ist bis indie neuere Zeit herein von der Homiletik die thematischePredigt als allein berechtigt behandelt worden,dieHomilie mehr nur als Stiefkind"?) Erst in neuesterZeit ist die Wiederbelebung und Ausbildung der letzteren

als thematischer Homilie warm empfohlenworden 7),in der festen Ueberzeugung, daß von derPflege der Homilie abhängt der Fortschritt, die Erfrischungund Erneuerung unseres ganzen Predigtwescns, dasWiederaufblühen des biblischen Studiums, welchesdie Hochschule der Predigt ist und bleibt" b).

NottmannersPredigten und Ansprachen" liefernnun den thatsächlichen Beweis für diese Theorie. Sie

Festtags-, 15 Sonntags-, 12 Gelegenheitspredigten und An-sprachen.

LuZnstin. äs äoetr. «brist. IV, 3.

Vgl. Keppler, Beiträge zur Entwicklungsgeschichteder Prcdiqtanlage in der Tübinger Theol. Quartalschrift 1692,S. 53-120 u. S. 179212.

«) Ebendas. S. 206.

Keppler, Lehre von der Homilie imKathol. Seel-sorger" 1892 (IV. Bd.) u.Kirchenlexckon" 2. Aufl. VI, 217 f.b) Keppler, Tübing. Quartalschr. 1892, S. 212.