Ausgabe 
(26.4.1894) 17
 
Einzelbild herunterladen

133

Noch schöner aber ist diese Säulenhalle am Abend,wenn der Mond durch die Fensterlücken scheint, wenn dieSäulen Schlagschatten werfen und wenn Bild und In-schrift, Schaft und Kapitäl in magisches Licht getauchtsind, wenn die schlanken Obelisken freundlich herein-grüßen und der düstere Pylon sich trotzig in tiefesDunkel hüllt: da ist es, als ob die ernsten Säulenmüde wären die Quadern der Decke zu tragen, als obsie die lang bewahrten Inschriften abschütteln und nachlanger Arbeit gleich vielen ihrer Gefährtinnen sich zurRuhe legen wollten.

Wenn eine Mondnacht einen Dichter zu einem Liedebegeistern kann, dann ist es eine Mondnacht in diesemSäulenwald; das Lied aber müßte hier zum Eposwerden.

Es folgt ein mit Steintrümmern angefüllter Mittel-hof. 2 Obelisken und 2 Kolosse schmückten ihn einstens,je ein Pylon bildete den Eingang und den Ausgang;alles ist jetzt zerfallen, nur eine aus rothem Granit ge-hauene Spitzsäule aus der Zeit Thutmosis' I. (15. Jahrh,v. Chr.) steht noch fast unversehrt da, schöne Hieroglyphen-zeichen der alten Zeit bedecken deren Seiten. Dieser 23 mhohe Obelisk verlor seinen Genossen erst im vorigenJahrhundert.

Wir bahnen uns einen Weg durch die Steintrümmerund finden im nächsten Raume in unversehrter Schön-heit den zweitgrößten aller bekannten Obelisken (dergrößte steht vor dem Lateran in Rom ); er wurde vonder Königin Hatasu, jener Bilkis Aegyptens , im 15. Jahr-hundert vor Christus errichtet. Seine Maße sind: 29 irrHöhe, 130 clim Inhalt, 374,000 k§r Gewicht. Inder herrlich gemeißelten Inschrift heißt es: die Königinhabe ihn mit sinn d. i. Elektrum (Silbergold) auslegenlassen, damit er leuchte gleich der Sonuenscheibe überdie beiden Lande. Das Elektrum ist verschwunden, abernoch immer bietet er einen herrlichen Anblick, mag erim Sonnenlichte glänzen, oder vom Mondlicht um-flossen sein.

Noch ein paar Gemächer und wir sind bis zumheiligsten Raume vorgedrungen. Vor dem Sekos oderAdyton erheben sich ganz frei zwei glattpolirte Granit-pfeiler; jeder hat in Neliefdarstellnng je eine großeGlockenblume zwischen zwei kleinern in meisterhafterAusführung.

Der Sekos ist wie gewöhnlich nicht groß, ein Recht-eck aus Noscugranit. Er ist, wie bereits bemerkt, nachvorne und rückwärts geöffnet. Im Innern ist an denSeitenwänden Ammon als Ammon Generator und als^.mrrron-i-g, srrberi untern (König der Götter) dargestellt,wie er die Huldigung des Königs in Empfang nimmt.

Diese Doppelauffassnug des hier verehrten Gottesist eine Anomalie wie die Doppelgestalt des Tempelsund scheint eines das andere bedingt zu haben. Ammonwar ursprünglich als Ammon Generator (mit Chonsu undMuth) Lokalgvtt von Theben. Als die Priesterschaft vonTheben so großen politischen Einfluß erhielt, daß schließ-lich die Könige in Theben residirten und von ihnen ganzabhängig waren, suchte sie auch die geistliche Hegemoniezu erwerben und wurde Ammon mit dem Gotte Na vonHeliopolis identisizirt und dann als oberster Gott undals Inbegriff der Gottheit proklamirt und heißt seitdemimmer: ^mirrou-ra, König der Götter; diese Emanci-pation wurde durch den Namen Ammons der Ver-borgene begünstigt. Um nun die übrigen Lokalgötter mitihren Attributen, Titeln, Sagen, Mysterien rc. in dieses

System zu pressen, wurde nach Kräften allegorifirtPhilo's Vorgänger sind sehr alt. An Stelle des einfachenSonnendienstes trat eine höchst complicirte Theologie,deren Kern die pantheistische Lehre bildete, daß die Weltvon einem in der Sonne verborgenen (Ammon-Ra) ge-heimnißvollen Geiste regiert werde. Die weiteren philo-sophischen Details dieser Theorie (z. B. Seelenwanderung)übergehe ich und erinnere nur, daß Pythagoras seineLehre von den Aegyptern entlehnt hat.

Doch politische und geistliche Hegemonie dauertennicht zu lange; schon unter Namses II. minderte sich derEinfluß derBrüderschaft Thebens", und schließlich mußtedie Priesterschaft (unter den syrischen Königen) auswandernbis Gebel Barkal jenseits des 2. Katarakts; in geistlicherHinsicht folgte die Reaktion unter Amenophis IV. , welcherdie mystische Bedeutung Ammons verwarf und den Sonnen-dienst wiederherstellte, er änderte seinen Namen in6irrr an atsir »Glanz der Sonnenscheibe" um undsetzte dem pantheistischen Ammon die materielle Sonuen-scheibe als Gottheit gegenüber. Es ließe sich hier nochvieles sagen über dieBrüderschaft Ammons", jeneälteste Freimaurerei, über ihre Grade rc.; aber es gibtnoch vieles zu sehen im Heiligthum zu Karnak.

An der Außenseite des Adytons ist dargestellt unterAnderm, wie der Pharao von That und Horns mit hl.Wasser gereinigt, hierauf gekrönt und dann vor Ammon(dessen Emblem die Federkrone ist) geführt wird, derihn segnet. Darunter die Procession der hl. Barke. AnFesttagen wurde nämlich das Götzenbild in einem kleinenTempelchen (Naos) auf eine goldene Barke gestellt undauf den Schultern der Priester in Procession nach demhl. See im Südosten des Tempels getragen.

Au den Wänden des Corridors, welche mit denendes Sanctuariums parallel laufen, hat Thutmosis III. seine Feldzüge aufgezeichnet. Dieselben erstreckten sichauf Syrien und Mesopotamien (Nuten und Naharin).

Hinter dem Heiligthum (Adyton) liegt, wie bereitserwähnt, ein zweiter Tempel, dessen Grundriß noch leichterkennbar ist; guterhalten aber ist nur der große Pfeiler-saal Thutmesis' III. Derselbe ist 44 irr breit und 16 mtief; 20 Säulen in 2 Reihen tragen mit 32 quadratischenPfeilern die Decke. Die Säulen haben hierumge-stürzte Kelchkapitäle", welche Form sonst nirgends mehrnachweisbar ist.

Geht man gleich von der ersten Säulenreihe dieserHalle nach Süden, also nach rechts, so trifft man einelauge Reihe von Kammern, welche zu dem Tempel ge-hörten. Der westlichsten Kammer gegenüber fehlt in derCorridormauer ein größeres Stück. Dort stand ehemalsdieKönigsrcihe von Karnak", welche sammt den ListenManetho's, den Königsreihcn von Abydos und Sakkarah ,ferner dem Turiner Königspapyrus so ziemlich unserganzes Quellenmaterial betreffs der Chronologie derDynastien ausmacht. Diese Köuigsliste wurde von Burtonentdeckt und von Prisse nach Paris gebracht; sie schließtmit Thutmosis III. und enthält 62 Königsschilder.

Hinter der Pfeilerhalle sind noch einige Gemächer,welche mehr oder minder gut erhalten sind, darauf dieganz zerfallene Karyatidenhalle Namses' II. und wir stehenam Ende des Tempels. Außerhalb noch die Ruineneines Tempels Ramses' II. und noch weiter östlich derPylon des Nektancbos. Von diesem östlichen Pylon biszum 1. Pylon des Tempels ist eine Entfernung vonnahezu */z Kilometer.

Die Frage, wann dieses Nationalheiligthum erbaut