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wurde, läßt sich in dieser Allgemeinheit nicht beantworten.Schon unter der 12. Dynastie stand hier ein wenn auchkleines Heiligthum, und von Uscrtcsen I. (ca. 2300 v.Chr.) bis in die Ptolcmüerzeit haben zahlreiche Königedasselbe geschmückt, vergrößert und restaurirt; der Löwen-antheil an dem Ruhme, dieses Werk geschaffen zu haben,gebührt den Pharaonen der 18. (Thntmose) und 19.(Namesidcu) Dynastie.
Die nördlichen Trümmer zahlreicher Tempel lassenwir bei Seite und wenden uns dem heiligen See ander Südseite zu. Er ist heute noch vorhanden, seinWasser aber ist salzig geworden. Sein Decken bildet einRechteck. Auf ihm wurde einst die heilige Barke mitdem Götzenbilde gerudert unter den Gesängen der Ein-geweihten, während die Nichtwissenden im peristylen Hofewarteten.
Westlich vom See erweitert sich die Tempclanlagenach Süden durch ein System von (4) Pylonen, welchemit einander durch Mauern verbunden sind; an denletzten (südlichsten) Pylon schließt sich eine Sphynxallee an,welche zu dem hübsch gelegenen, aber bis auf die Grund-mauern zerstörten Tempel der Muth, des weiblichen Prin-cipes der thebanischen Trias, führt. Es war dieses eben-falls eine Proccssionsstraße. Ein heiliger See umschließthufeisenförmig dieses Heiligthum von 3 Seiten. SeinWasser ist süß, und man kann fast immer wasserschöpfendeFcllachinen an seinem Ufer sehen und beobachten, wie siedie schweren, Ballas genannten Thonkrüge sowohl leerals gefüllt mit stauuenswerther Geschicklichkeit auf demKopfe tragen.
Trümmer von 3 kleinen Tempeln liegen in nächsterNähe. Von deui Sanctuarinm der Muth führte eineweitere Sphynxallee nach Süden, wo sie fast im rechtenWinkel auf die von Luxor kommende Reihe stieß, jetztist nur wenig mehr sichtbar. Die Sphyuxstraße vonLuxor setzte sich fort bis zum Tempel des Chonsu, desdritten Principes der Trias. Von dem letzten Theilderselben ist noch sehr viel, allerdings verstümmelt,erhalten.
Vor dem eigentlichen Pylon des Chonsnheiligthumserhebt sich ein Propylon aus Ptolemäischer Zeit, welcherganz die Form des Siegesthores in München oder desaro äo triomxlro in Paris rc. hat, nur ist er schlanker,höher und voll Skulpturen und Inschriften. Hinter diesemPropylon erweitert sich die Sphynxallee um das Doppelteund endet vor dem Pylone.
Der schöne Chonsutempel ist ausgezeichnet erhaltenund verdient seiner edlen Formen wegen einen mehr-maligen, aufmerksamen Besuch. Selbst wenn man kurzzuvor den Wundersaal des großen Tempels gesehen hat,macht er immer noch Eindruck; wenn man aber dasgroße Trümmerfeld passirt hat, welches diesen Tempelumgibt, dann ruht hier Auge und Geist aus, da es hiernichts zu reconstruiren gibt, und weidet sich an den altenKnnstformcn aus der Zeit Namses' III. Wenn am Abendder Mond seinen Tempel und die Bilder seiner Personifi-kation (Chonsu ist der ägyptische Mondgott) mit seinemmagischen Lichte übergießt, dann ist es, als ob dieSäulen sich enger aneinander schließen würden, gleichals ob sie sich etwas von Einst und Jetzt zuzuflüsternhätten, dann ist es eine Lust zu wandeln durch dieschönen Säle und zu sinnen, dann ist es so traulich undheimisch in diesen Räumen, es ist wie ein Idyll.
Nebenan ist ein kleiner Tempel der Göttin Apet,welche bei schweren Geburten angerufen wurde. In diesem
Gebäude wohnte während seines Aufenthaltes in Karnak der Entdecker des Schlüssels zum Verständniß der Hiero-glyphen, Champollion Is jeuuo.
Vom Chonsutempel ist noch besonders zu erwähnen,daß er uns das einzige bisher bekannt gewordene Bildder Beschneidung eines Aegypters überliefert hat. DieThatsache dieser Sitte war durch Herodot 2,104, Horapollo ,Joseph FlaviuS, Clemens von Alexandrien, sowie durchUntersuchung von Mumien bekannt; hier aber haben wirdie urschriftliche Bestätigung.
(Schluß folgt.)
Die Bücherschcitze Deutschlands .
----- Das neueste „Adreßbuch der deutschen Biblio-theken" ist werth, daß es von Jedem, der über dieEntwickelung der Wissenschaft sich eine bestimmtere Vor-stellung bilden möchte, angeschafft werde. Dieses Buchzählt im Ganzen 1609 Bibliotheken auf, darunter 130öffentliche, mit einem Bestände von 27 Millionen 91,288Druckbäudcn und 240,416 handschriftlichen Büchern.Für die Vermehrung dieser Bibliotheken werden jährlichetwa 2 Millionen 323,101 Mark ausgegeben.
Unter den öffentlichen Bibliotheken gibt es 59 staat-liche, 53 städtische, 18 gestiftete oder provinziale mitnahezu 15 Millionen Denckbänden und 200,000 hand-schriftlichen Büchern.
Für die Vermehrung der öffentlichen Bibliothekenwird jährlich ungefähr eine Million Mark verausgabt.Was ist das für die Waffen der Wissenschaft im Ver-hältniß zu den Ausgaben für die Waffen der Zerstörungim modernen Culturstaat!
Ein anderes, jedoch erfreuliches Verhältnißwird von diesem Adreßbuch in Helles Licht gesetzt. DieAufschlüsse des Adreßbuches der deutschen Bibliothekensind nämlich eine wissenschaftliche Ehrenerklärungfür den Katholicismus.
Unter den eigentlich kirchlichen Bibliotheken sind120 protestantische und 81 katholische. Da die Protestantenetwa noch einmal so viel als die Katholiken, da sie reicherund ihre Geistlichen besser gestellt sind, so müßten sie 160Bibliotheken haben. Betrachtet man aber den Inhaltder Bibliotheken, so ist das Verhältniß noch vortheilhafterfür uns. Die 120 protestantischen Bibliotheken enthalten436,647 Druckbünde und 1551 Handschriften; die 80katholischen dagegen 1 Million 19,118 Druckbände und5559 Handschriften. Und dabei sind die Bibliothekender in Preußen wieder neu entstandenen Klöster nichteingerechnet.
Noch günstiger gestaltet sich das Verhältniß, wennman fragt, wo diese Bibliotheken eigentlich her-gekommen sind. Für die meisten öffentlichen Biblio-theken kann hier als stehende Formel gelten, was obiges„Adreßbuch" S. 144 von der herzoglichen Biblio-thek in Gotha schreibt: „Begründet von Herzog Ernstdem Frommen (1640—1675) mit einem vorzüglichenStamm seltener alter Drucke und werthvoller Handschriften,zum Theil aus der Kriegsbeute von München ,Würzburg , aus mainzischen und andern Klösternstammend." Raub aus dem 30jährigcn Bruderkrieg!
Es gibt sehr wenige größere Bibliotheken, die nichtreich geworden sind durch dieBeute aus den katho-lischen Klöstern. Zum Beispiel: Die grobherzog-liche Landesbibliothek in Karlsruhe nahm fürsich die Auswahl aus den Bibliotheken des HochstiftesSpeyer, des Fürstbisthums Konstanz, der Abtei Neichenau