Ausgabe 
(3.5.1894) 18
 
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3. Mai 1894.

Napoleon und Madame de Sta6l

von

Friedrich Koch-Breubcrg.

Zur Zeit, da mit Ausnahme Schwedens kein euro-päischer Staat eine Gesandtschaft in Paris unterhielt,lebte Herr von Staäl als politischer Vertreter diesesnordischen Reiches in der noch von Blut triefendenStadt. Seine Gemahlin, eine Tochter des bekanntenNecker, war ihm dahin gefolgt, denn sie liebte ihr Vater-land und besonders Paris über Alles. Nach dem schauer-lichen Sturze Nobespierres, dem es nicht gegluckt war,sich eine Pistolenkugel durch den Kopf zu jagen, ehe erseiner schrecklichen Macht beraubt selbst unter dem Fall-beil enden muhte, traten in der Seinestadt wieder Ele-mente in den Vordergrund, welche bestrebt waren, feinereSitten und den Sinn für das Schöne zu pflegen.

Madame Tallien , von ihren Verehrern Nvtre-Damede Thermidor genannt, eröffnete im Luxembonrg ihrenSalon und bildete hicdurch gewissermaßen eine neuefranzösische Gesellschaft. Ihr folgte die schöne MadameNäcamier, in deren Salon man in Bezug auf das Ne-stanriren noch viel weiter ging, denn wer hier sich ein-sund, der war nur äußerlich republikanisch, im Innerntrug er sicher auf dem Herzen eine weiße Kokarde. DieDritte im Bunde war Frau von Staäl. Bei ihr be-schäftigte man sich nur mit Wissenschaft und Kunst.

Einige Zeit darauf lernte diese geniale Frau denjungen General Napoleon Bonaparte kennen, d. h. sieüberschüttete ihn mit überschwänglichen Briefen, währender ihr auswich. Der geistreiche Blaustrumpf, so vielVerstand ihm auch zu Gebote stand, hatte sich bei seinemBestreben, das Herz des jungen Helden zu erringen,gänzlich verrechnet. Zu dem Sieger von Arcole undMarengo, zu dem heißblütigen Corseu mit den Flammen-augen, sagte sich Frau von Staäl, paßt nur ein Weib,wie ich es bin. Ich allein vermag ihn zu verstehen, zubesingen, zu lieben und anzubeten.

General Bonaparte dachte jedoch anders. DieDankbarkeit der Franzosen hatte ihn damals noch nichtmit Macht und Ehren überschüttet im Gegentheil, dieRegierung war ihm mit Mißtrauen begegnet, schien ihnabsichtlich zu vergessen und ließ ihn als armen Generalmit kärglichem Halbsold unbeschäftigt in Paris leben.Ein Landhänschen und einen eigenen Wagen" zu be-sitzen, das bildete den höchsten Wunsch Napoleons , demer allerdings bald darauf einige umfangreichere zugesellte.

Als dann Barras der siegreichen Convention mit-theilte, wie hauptsächlich die Umsicht des jungen GeneralsBonaparte dazu beigetragen, daß die Ruhe in der Haupt-stadt wieder hergestellt sei, da belohnte die RegierungNapoleon durch Belastung in der Commandantenstellnng,welche er während des Aufstaudcs inue gehabt hatte.

Kurz darauf trat ein Jüngling bei dem GeneralBonaparte ein und begehrte den Degen seines von derRepublik ermordeten Vaters. Obwohl diese für die da-malige Zeit noch sehr kühne Sprache sofort gerügt wurde,so gefiel der Jüngling, Eugen Vicomte de Beauharnais,doch dem General so gut, daß er nicht allein seinem Be-gehren willfahrte, sondern sich auch seiner Frau Mamaempfehlen ließ. Einige Tage darnach gab Barras einglänzendes Fest, und dort dankte die schöne Mutter Na-poleon für die Gunst, welche er ihrem Sohne erwiesen.Das vornehme, echt weibliche Wesen der Aristokratin,

welche eine Schwester des hübschen, kühnen Jünglingszu sein schien, machte aus Napoleon den tiefsten Eindruck,den je ein Weib in seinem Herzen hervorzurufen ver-mochte. Diese reizende Dame fesselte nur durch Be-scheidenheit, durch Liebenswürdigkeit, durch ein Etwas,das volle Hingabe und aufopfernde Liebe verrieth unddas, so fühlte Napoleon , das war allein ein Weib für ihn.

Da der General sich am 9. März 1796 mit derVicomtesse von Beauharnais vermählt hatte, so besangMadame de Staäl im Sieger und Helden von Arcoleund Marengo einen vcrhciratheten Manu, sie schrieb so-nach die glühendsten Briefe an einen glücklichen Gatten,doch das machte der genialen Frau nicht viel, sie gingsogar noch weiter, denn sie hatte es sich in den Kopfund in das Herz gesetzt, daß nur sie allein zu demHelden paßte.

Die Briefe des Blaustrumpfes gefielen nicht nurnicht dem General, sie erfüllten ihn mit Widerwillen.Jetzt an die Spitze einer Armee gestellt, beschäftigte sichNapoleon mit Schlachtenplänen und vergaß es gänzlich,die eben Epoche machenden Werke seiner persönlich immernoch unbekannten Verehrerin zu lesen. Er wußte sohinvon Madame de Staäl nur, daß sie eine überspannteFrau sei, in deren Salon sich die Schöngeister begegneten,und daß sie mit dem MädchennamenNecker" heiße.Das war ihm allein genug.

Der frühere Minister Necker wurde gerade von Na-poleon in der ungünstigsten Weise beurtheilt. Der alleinhat die Revolution auf dem Gewissen! Das war einAnsspruch Bonapartcs, während Frau von Staäl sichsehr viel darauf einbildete, die Tochter dieses Manneszu sein.

Nicht gerade in zarter Absicht und mit einen! nichtmißznverstchenden Achselzucken zeigte Napoleon die über-schwänglichen Briefe seinen Bekannten mit den Worten:Verstehen Sie diese Narrheit s

Weder die sehr kurzen, gleichgültig abgefaßten Ant-worten des Generals selbst, noch das Gerücht, daß Na-poleon mit Josesinen sehr glücklich lebe, vermochten es,der Schrcibwuth der Dame Einhalt zu thun. EinesTages erhielt Napoleon folgende unglaubliche Taktlosig-keit von ihrer Hand:Es war ein ausgemachter Irr-thum der Vorsehung, daß eine so schöpferische wie glänzendeNatur, wie sie in Bonaparte vorhanden, mit einem soschwachen und bescheidenen Wesen, wie es Joscfine ist,vereinigt worden."

Dann folgte der alte Spruch, daß Staäl, geboreneNecker, für ihn allein geboren sei.

Da ging Napoleon die Geduld aus. Er zerrißden Brief, warf die Stücke in's Feuer und meinte:Was! diese Närrin wagt es, sich mit Josesinen zuvergleichen? Ich antworte überhaupt nicht mehr aufihre Briefe.

So mußte Frau von Staäl den einzigen Trostmissen, der ihr geblieben. Die meist etwas lakonischenAntworten des jungen Helden blieben aus. Nun aber,es kann dies gerade nicht weiblich zartfühlend genanntwerden, erpichte sich die Dame erst recht darauf, Napoleon selbst zu sprechen.

Als ihr dies gelang, war der junge Held natürlichschon weit auf seiner Siegeslaufbahn vorgeschritten. Erwar jetzt Consul geworden und bewohnte die Tuilerien.Diese Joscfine, meinte wohl Madame de Staäl, kann ihn