nicht mehr fesseln, denn einen großen Verstand hat sienie gehabt, und dazu macht sie ganz gehörige Schulden.
Als der Empfang stattfand, hatte die Tochter Neckerswieder auf etwas vergessen. Napoleon liebte es nämlichsehr, die Damen einfach und geschmackvoll gekleidet zusehen, die Staöl dagegen erschien in einem ganz ab-sonderlich aufgeputzten Costüme. Das allein erschreckteden jeder Zeit etwas kurz angebundenen Consul. Diesermochte wohl seine liebenswürdige, etwas. abergläubischeJosefine mit der Geist und Witz sprühenden Dichterinverglichen haben, und es muß jedenfalls für die Staölsehr von Nachtheil gewesen sein, daß die Gattin beidieser ersten Zusammenkunft gegenwärtig war.
Napoleon , unartig wenn er einer Dame ein Kom-pliment sagen wollte, wurde stets grob, wenn das, waser zu sagen hatte, kein Kompliment genannt werdendarf. Später, als Kaiser, wollte er einst der schönenHerzogin von Chevreuse etwas recht Liebes sagen.
Was doch Ihre rothen Haare schön sind! kam's be-wundernd von den schmalen Lippen, denn er hatte sichnicht Zeit genommen, seine Worte so zu setzen: IhreHaare sind doch vom wunderbarsten Nothbraun i
Die Herzogin erwiderte schnippisch: Möglich! Aberich versichere, daß ich zum erstenmale im Leben Aehn-liches höre.
Die Antwort Napoleons aber, welche er Frau vonStaöl beim Empfang in den Tuilerien gab, ließ anGrobheit nichts zu wünschen übrig. Es war nicht zartvon ihr, daß sie vor Josefinen fragte: welche Frau inseinen Augen als die bedeutendste erscheine?
Er, wie erwähnt, schon etwas schlechter Laune, gabzurück: Die, welche dem Staat die meisten Kinder gibt!
Das war hart, denn Madame hatte zu dieser Audienzall ihren Enthusiasmus im Herzen mitgebracht und sahsich nun verschmäht, gröblich verletzt. Eine eitle Frauverzeiht das nicht, und eitel war Madame de Staöl. DieHerzenswunde wäre wohl eher vernarbt, die verletzteEitelkeit verzieh nicht. Niemals vergaß sie ihm dieseAntwort, und damals verließ sie als seine Feindin dieTuilerien. Er sollte sehen, daß die spitze Zunge, diescharfe Feder einer geistreichen Frau nicht minder mächtigals irgend ein politischer Feind seien. Beißende Witzeund boshafte Bemerkungen regnete es von da über Na-poleon und dessen Familie, und stets wußte sie es sozu gestalten, daß sie dem ersten Consul zu Ohrenkommen mußten.
Aber auck der große Mann war eitel und vergaßKränkungen nicht leicht. Ließ er doch bald darauf alsKaiser den Papst und den ganzen Krönungsstaat warten,nur um vor der großartigen Ceremonie den alten Ad-vokaten Nagideau vor sich zu sehen, denn dieser hattedereinst Josefinen in geringschätzendem Tone abgerathen,den armen General zu heirathen, und das hatte Bona-parte im Vorzimmer gehört und bis dahin nie ein Wortdarüber verloren. (Schluß folgt.)
Ueber die frühchristlichen Thiersymbole vonAchmim-Pauopolis in Oberägypten und inden Katakomben.
Studie von vr. Gustav N. Müller, Museumsbevollin. undHerausgeber der „AntiquitätcinZcitschrift" in Straßburg i. E.
V o r e r i n n e r u n g.
Wie nicht nur meine „Antiquitäten-Zeitschrift", son-dern auch Fach- und Tagesblätter mittheilten, ist der
verdiente Monograph des römisch-byzantinischen Todten-feldes von Achmim , das in der profanen wie kirch-lichen Archäologie eine epochemachende Periode bezeichnet,ist mein Freund Robert Forrer persönlich nach Ober-ägypten gereist, um etwas nachzuholen, was von denersten „Ausbeutern" der Necropole unverantwortlich ver-säumt, von keinem Museum merkwürdigerweise nachgeholtworden ist, nämlich: die wissenschaftliche Untersuchung derLokalität und der Fund um stände. Forrer brachtedamit allen Forschern, allen staatlichen und privaten Be-sitzern von Achmimfunden — besonders der kostbarenTextilien! — ein großes Opfer. Ueber die speziellenErgebnisse seiner Expedition will ich Ihnen ein ander-mal berichten; es genüge, die Etappen ihrer Erfolge kurzmit den Worten anzudeuten: systematische Ausgrabungen,eingehende Untersuchung des Terrains und der Lokal-geschichte, Entdeckung unberührter Mumiengräber undAuffindung eines neuen Gräberfeldes!
Hingegen habe ich heute den vielen Freunden, diemeine Mittheilungen über Achmim gefunden haben, be-sonders Ihren theologischen Lesern einen Excurs zubieten, der nicht für sich, wohl aber für sein Thema undseine neuen Beiträge reges Interesse zu erbitten wagt.Kein Gebiet der altchristlichen Kunst ist auf Achmimohne Aequivalente zu entsprechenden Katakombendarstell-nngen geblieben, keines hat vielleicht wichtigere Auf-schlüsse dorten erhalten, als das der Symbolik, undhier wiederum jenes der christlichen Thiersymbole.
Ich ziehe vor, anstatt lange Vorbemerkungen zuschreiben, in rnsciias rao zu gehen, und mache den Leser,um ihm größeren litterarischen Apparat zu ersparen, nurauf die zwei bedeutsamsten Quellen aufmerksam,auf die ich meine Ausführungen des öfteren zurückleitenmuß. In erster Linie meine ich die bekannte „Ncal-Encyklopädie der christlichen Alterthümer" von F. X.Kraus mit den Beiträgen vieler Archäologen undKirchenhistoriker, wie de Waal, Münz, Heuser, Peters,Kellner, Krieg, Schilt u. a., und dann Forrers her-vorragenden III. Achmim-Band „Die frühchristlichenAlterthümer von Achmim-Panopolis ", zu beziehen durchdie Verlagsanstalt Concordia in Bühl (Baden ) zumPreise von M. 35.—.
Ich greife in der folgenden Untersuchung nur diebekanntesten Thiersymbole aus der Fülle von Materialheraus, das ich in einer umständlicheren Abhandlung zubehandeln gedenke. Indessen hoffe ich, schon mit demhier Vorzutragenden manchen Freunden der christlichenKunst einen Gefallen erweisen und mehr thun zu können,als „ub LliHuiä äixisss viäaar".
Der Adler.
Während die biblischen Schriften im Adler ein Sinn-bild a) der Liebe Gottes , tt) der Macht und Stärke, o) derSchnelligkeit, ä) des hochfahrenden Sinnes und e) der Er-neuerung und Verjüngung erblicken, hat die altchrist-liche Kunstsymboltk hauptsächlich die letzte Bedeutung zusich herübergenommen. Auf den Begriff der geistigen Wieder-geburt durch die Tanfe und der Erhebung zu Gott istdie Sitte zurückzuführen, das Bild des Adlers als En-kolpion oder als Fibula zu tragen. Im Adler sahendie Neophyten ein Bild ihrer eigenen sittlichen Ver-jüngung. Ein weiterer Schritt war es, diese geistigeErneuerung auf die körperliche in der Auferstehungzu übertragen, wie dies Ambrosius ausspricht und einrömischer Sarkophag bildlich zum Ausdruck bringt,dessen Mittelrelief die Kreuzigung und die Auferstehung