Ausgabe 
(10.5.1894) 19
 
Einzelbild herunterladen

schrecken. Das hatte er wohl von seiner Mittler geerbt.Er ging nicht, sondern bat von neuem.

Napoleon suchte ihm zu erklären, daß die bedeutendeFrau sich mit dem Faubourg St.-Germain in Verbindungsetzen würde, und daß er dies nie dulden könne. Un-schuldige Besuche würden sich gefährlich auswachsen, aberseine Regierung sei kein Kinderspiel, diese dulde keineGaukeleien, und es sei gut, wenn dies Jedermann wisse.

Herr von Staäl ließ noch nicht nach. Er sagte demKaiser, daß es nicht wahr sei, was man allgemein an-nehme, daß seine Mutter das letzte Werk Ncckers, welchesNapoleon so mißfallen, ausgearbeitet hätte. Folglich hasseSeine Majestät seine Mutter ohne jeden Grund.

Als der Kaiser den Namen Neckers hörte, beganner zornig zu werden und rief: Was? In diesem Buchsoll ich auch noch gerecht behandelt sein! Ernennt michden nothwendigen Mann. Natürlich ihm nach wärees das Beste gewesen, diesem nothwendigen Mann dasHaupt abzuschlagen. Ja, ich war nothwendig, um dieDinge in Ordnung zu bringen, um die Fehler IhresGroßvaters gut zu machen und aller derer, welche, wieer, den Sturz der Monarchie herbeigeführt und den TodLudwigs XVI. verursacht haben.

Sire, rief der junge Mann dem Kaiser zu, Sievergessen, daß das Vermögen meines Großvaters con-fiscirt wurde, weil er den König vertheidigte!

Eine schöne Vertheidigung! kam's höhnisch von Na-poleons Lippen, und dann hielt er dem jungen Mannemit zorniger Stimme eine Vorlesung über das Unglück,welches der Minister Necker über Frankreich heraufbe-schworen. Sie endete mit den artigen Worten: IhrGroßvater ist der Urheber der Saturnalien, welche Frank-reich in Tollwuth versetzt haben!

Und wie so oft, wenn der Kaiser sich ausgetobthatte, wurde er liebenswürdig. Er packte den jungenStaäl beim Ohrläppchen, und dies war in der kaiserlichenFamilie das Zeichen höchster Gunst. Dann belobte erseinen Muth und seine Liebe zur Mutter, blieb aberunerbittlich.

Herr von Staäl setzte die Geduld Napoleons aufeine harte Probe, denn er begann die Unterredung vonneuem. Noch einmal mußte sich der Gewaltige dazubequemen, alles anzuhören, was für die Nückberufnng derFrau v. Staäl von Vortheil erschien. Als aber allesnichts nützte, versuchte der echte Sohn seiner Mutterzum Schlüsse, geschwind die bewußte Million heraus-zuschlagen.

Sire, die Anwesenheit mqiuer Mutter wird nöthigerscheinen, um von Ihrer Regierung die Rückzahlungeiner heiligen Schuld zu erlangen.

Was nennen Sie heilig? Sind nicht alle Schuldenheilig?

Der Kaiser war ermüdet, war nach kurzem Bescheid,daß diese Angelegenheit Sache des Gesetzes sei, schon ander Thüre des Saales angelangt, als ihn Herr vonStaäl noch einmal fragte, ob er wenigstens selbst sich inFrankreich niederlassen dürfe.

Darum bekümmere ich mich nicht im geringsten,rief Napoleon zurück, doch gingen Sie besser nach Eng-land . Dort liebt man die Pamphlctisten. Gehen Sienach England, denn in Frankreich werde ich stets mehrgegen als für Sie sein!

Damit waren die Verhandlungen über die Rück-kehr der Madame de Staäl abgeschlossen. Als Napoleon dann auf Elba saß, kehrte sie in ihr geliebtes Frank-

reich zurück. Sie hatte sich erwartet, von den Bourbonenmit offenen Armen empfangen zu werden, aber sie sahsich enttäuscht. Die Liliengekrönten vergaffen es eben sowenig, daß sie die Tochter Nccker's sei, als Napoleon .Von der Tochter Ludwigs XVI. wurde sie stets ignorirt,und Ludwig XVIII. sagte scherzend von ihr: Das istein Chateaubriand im Unterrock!

In gewissem Sinne verletzten die Bourbonen, denenMadame de Staäl so gehuldigt, ihre Eitelkeit viel mehr,als dies Napoleon gethan. Dieser behandelte sie alseine feindliche Macht, jene lachten über ihre Rathschlägeund fanden sie höchstens unbequem.

Aber die Million erhielt Madame de Staäl vonder Regierung Ludwigs XVIII. zurückbezahlt. Die schöneGräfin du Cayla, die Freundin des dicken Königs, warihr von einer zarten Angelegenheit her verpflichtet. EineHand wäscht die andere dieheilige" Schuld nähertesich ihrer Abtragung. Darüber erzählt die Gräfin duCayla in ihren Memoiren sehr offenherzig:Aber ichglaube, daß die Rückerstattung dieser Million ihr nichtweniger als Viermalhunderttausend Francs , ohne voneinem Diamantschmuck im Werthe von hunderttausendFrancs zu sprechen, gekostet hat."

Derosne in seinen Memoiren der Königin Hortensemeint sehr richtig, daß diese Annahme der schönen Gräfinals Gewißheit vorgeführt werden könnte, wenn man ihreeigene Börse und ihre Schränke hätte durchsehen dürfen.

Ueber die frühchristlichen Thiersymbole vonAchmim-Panopolis in Oberägypten und inden Katakomben.

Studie von Dr. Gustav A. Müller, Museumsbevollm. undHerausgeber derAutiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E.

(Fortsetzung.)

Der Hahn.

Bezüglich der Figur des Hahnes auf den altchrist-lichcn Monumenten der Katakomben gilt im Allgemeinendas Wort Wilperts gegen Hasenclever:Der Hahnfigurirt auf den christlichen Monumenten fast nur alsAttribut des Apostelfürsten." Er bildet ein wesentlichesDetail in der Scene, wo Christus dem von seiner cha-rakterfesten Treue so selbstbewußt überzeugten Aposteldie prophetische Warnung ertheilt:Ehe der Hahn zwei-mal krähet, wirst Du mich dreimal verlaugnet haben."Meist steht der Hahn zu den Füßen des Petrus ; vier-mal nur erblicken wir ihn auf einer Säule, auf demWandgemälde in S. Cyriaca, auf zwei lateranensischenSarkophagen und einer Elfenbeinkiste aus Brcscia. Esist beachtenswerth, daß alle diese Darstellungen der nach-constantinischen Zeit entstammen, so daß HaseuclcversMeinung von einer Imitationpompejanischer" Kunst-motive ausgeschlossen bleiben muß: auch die Funde vonAchmim bezeugen in jener Periode eine völlige Lossagnngvon etwaigen heidnisch-klassischen Traditionen.

Ob indessen der Hahn ursprünglich mit Vorliebedem Apostel beigegebeu wurde, ob er nicht vielmehrzuerst seine dogmatisch-allegorische Bedeutung zum Aus-druck bringen sollte, ist bei dem Mangel an Darstell-ungen ältesten Datums nicht leicht zu entscheiden. Hiezukommt die Schwierigkeit chronologischer Fixirung. Immer-hin reden die Denkmäler, soweit sie uns die Figur desHahns außerhalb der Verläugnungsscene bieten, einedeutliche Sprache. Und da begreifen wir nicht, warumde Waal, der hochverdiente römische Archäolog«, wider