Ausgabe 
(17.5.1894) 20
 
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Nl-,20

17. Mai 1894.

Viktor Hardung.

So eitel künstlich haben sie verwobcnDie Kunst, die selber sie nicht gläubig achten,Daß sie die Sund' in diese Unschuld brachten:Wer unterscheidet, was noch stammt von oben?Und wer mag würdig jene Reinen loben,

Die in der Zeit hochmüth'gcm Trieb und TrachtenDie heil'ge Flamme treu in sich bewachten,

Aus ihr die alte Schönheit neu erhoben!"

(Eichendorff:Der Dichter".)

2^2 Gerne pflegen die Leser derBeilage" Folgezu leisten, so oft es gilt, an dem frischgeschmückten Grabeeines Heimgegangenen Dichters sich zu irgend einer pietät-vollen Gedächtnißfeier zu vereinen. Nicht minder freudigauch, denke ich da, werden sie willfahren, wenn einmalwir sie einladen zur schuldigen Ehrung für einen derfeinsinnigsten Sänger unserer Tage.

Viktor Hardung heißt der eigenartige Poet. Erist Katholik; geboren am 3. November 1861 zu Essenan der Nuhr, lebt er augenblicklich in der Schweiz , dieer sich zur zweiten Heimath erkoren hat. Von ihm wurdein kurzer Zeit (über seine literarische Thätigkeit vgl. Kathol.Literaturkalender IV, 69) der meist so poesieverlasseueSchautisch unserer modernen Literatur mit reichen Kost-barkeiten geschmückt durch die Dichtungen:Die KreuzigungChristi" (dramat. Entwurf),Sonuweudfeuer",Liederzweier Freunde" undKönigin Rose"; ein TrauerspielDie Wiedertäufer in Münster " dürfte in diesem Jahreerscheinen; wir werden zur gegebenen Zeit die Leser derBeilage" damit bekannt machen.

Die lang verstaubte Laute Eichcndorffs sollte mitHardung wiederum ihren ebenbürtigen Meister finden.Der ganze weiche Schleier, welcher die Blüthen der Ro-mantik so zauberisch zu umspinnen liebt mit Duft undMelodie, ruht auf seiner Lyrik. Sie ist nicht künstlichzurückgestimmt. Lauscht man ihren goldenen Tonen,so beschleicht ein warmes Sehnsuchtsgefühl die Brust desHörers, das alte Schmeicheln und Locken zur Fluchtaus diesem wüsten Grunde hinaus nach dem verwunschenenGarten der Schönheit und der Träume. Denn:

Wen einmal so berührt die heil'gcn Lieder,

Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,

Ein ewig Zich'n in wunderbare Ferne"wie so tiefempfunden im Jahre 1809der letzte Ritterder Romantik" gesungen hat.

Um Hardungs Dichtungen zu empfehlen, bedarf esnicht erst vieler Worte. Ihnen wird sich kein Herz ver-schließen, an dessen Saiten ihre Weisen angeschlagen haben.Hier zum Verkosten nur einige Klänge ausSonn-wendfeuerl"

A b e n d h a u ch.

Nun zieht die gaukelnde LibelleDes Sinnens müd die Schwingen ein.

Verschlafen murmelt noch die Quelle,

Und stille naht der Mondcnscheiu.

Und über meine Seele wiederKommt es wie längst verklung'ne LiederVon einem fernen, gold'nen Stern

O Abendhauch, o Abendhauch, wie hab ich dich so gern!Wie hab ich dich so gern!

Die blauen Blumenaugcn schließenSich über einer Thräne zu,

Und auf die Lande sich ergießenIn weichen Wellen Traum und Ruh.

Und über meiner Seele KummerKommt es wie leiser, leiser Schlummer,

Und alles Leid ist weltenfern

O Abendhauch, o Abcndhauch, wie hab ich dich so gern!Wie hab ich dich so gern!

Lcbenötrau m.

Im schimmernden Glänze träumenDie Wipfel den FrüblingStraum

Das ist ein Lustverschäumen,

Ein Träumen, Versäumen

Du merkst es kaum.

Lenzduftige Wölklein webenIhr Gold au den HimmelSsaum

Das ist geheim ein Leben,

Ein Weben, Verbeben

Du merkst cS kaum.

In rosigen BlüthcuflockenVerwiesest der Frühlingsflaum

DaS träufelt auf die LockenVon Flocken .... ein Stocken

Du merkst eS kaum.

Das sind doch Texte, würdig der congcnialeu Com-position durch einen Robert Schumann oder Eduard Lassen ,wie man edlere und dankbarere nicht leicht finden dürfte? Und erst dieLieder zweier Freunde"! Sieben-undzwauzig Gedichte von Hardung und gleichviel vonseinem Freunde Hermann Stegemann sind vereint zueinem Dioskuren-Album von besonderem Reize, fesselnddurch Wohllaut der Sprache und schöpferische Gestaltung,staunenerweckend durch das harmonische Znsammenspielin Dur und Moll der beiden begnadeten Sänger. Siesind erschienen in Zürich bei Juchli und Beck in vor-nehmer Ausstattung (grüner Damastband, Silberschnitt,guillochirtes Papier, Vignetten) als ein köstliches Ange-binde für jedes Frauenherz. Wir beschränken uns hierauf eine Auslese aus Hardungs Beiträgen:

Das kranke Mädchen.

O Mutter, wie so goldenEin Strahl die Schatten bricht

Ich schau gewiß dem holdenFrühling inS Angesicht.

Da muß es besser werdenMit meiner Krankheit Noth

Hat Lenz erst Macht ant Erden,

Kein Raum bleibt mehr dem Tod.

Wie selig will ich suchenVeilchen am grünen Hag,

Unter knospenden BuchenLauschen dein Drosselschlag.

Mit träumenden Angen aufs neueIn verschleierte Fernen schallnUnd zu des Himmels BläueEine goldene Brücke bau'n.

Der Mutter über die WangeVerstohlen die Thräne rinnt:

Ja, dauern wird es nicht lange,

Und wir feiern Ostern, Kind.

Und der Frühling entzündet die KerzenZur Hochzeit im festlichen HansUnd schüttet nach allen SchmerzenDen Himmel über dich aus.

Die verwaiste Mutter.

Um das Fenster der Frühling spinntSeine blühenden Zweige,

Und verlassen die Mutter sinnt:

Schweige, mein Herz, doch, schweige!

Kinderjauchzcn und Glockengetön,

Jubel die Weite, die Breite

Wie nur die Welt so schön, so schön,

Wenn uns ein Liebes zur Seite!

Ist es ein Händchen, ist es der Wind,

Was mir da streichelt die Wangen.!.

Ack', mein liebes, einziges KindSchlafen ist's, schlajen gegangen.