Ausgabe 
(31.5.1894) 22
 
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31. Mal 1894.

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Joseph Barm.

Zu seinem 50jährigen Todestag gewidmet von A. G.

Am 21. Mai waren es fünfzig Jahre, daß AbbateBaini gestorben ist. Baini, einer der bedeutendstenForscher auf dem Gebiete der Geschichte der Tonkunst,auch nicht unbedeutend als Componist; Baini, Directorder päpstlichen Capelle, als welcher er in erster Linie dieunsterblichen Werke seines Lieblingscomponisten Palestrina förderte und pflegte; Baini, welcher auf die Entwicklungder Kirchenmusik großen Einfluß übte, verdient wohl inKürze in diesen Blättern erwähnt zu werden, zumal seinernicht gar häufig mehr gedacht wird. Die Dankbarkeithat wohl den Meister F. X. Haberl veranlaßt, in demkirchenmusikalischen Jahrbuch des laufenden Jahres einesehr interessante biographische Skizze über Baini zu ver-öffentlichen, welche auch wir im Folgenden benützen,zumal außer Hiller, Proske und dem französischen Fötisnebst Adr. de la Jage nur wenige über Baini geschriebenhaben dürften, ausgenommen natürlich die Abhandlungenin verschiedenen Enchclopüdien und Konversationslexikonsund einer solchen in den historisch-politischen Blättern.

Joseph Baini, der Neffe des KomponistenLaurcntino Baini, wurde in Nom geboren am 21. Ok-tober 1775 und verließ, kleine Reisen ausgenommen,die ewige Stadt nicht, so lange er lebte. Sein Onkelunterrichtete ihn in der ersten Zeit, und der junge Josephmachte in Bälde die größten Fortschritte, besonders imKontrapunkt. Den Gesangsunterricht erhielt er durcheinen portugiesischen Ordenspriester, und wird von ihmvon Anfang bis in sein hohes Alter seine gewaltige Baß-stimme gerühmt. Mit siebzehn Jahren wurde er schonals Dirigent in der Seminarkirche verwendet und imAlter von zwanzig Jahren als Mitglied der päpstlichenCapelle aufgenommen. Nachdem er sowohl Philosophieals Theologie glänzend absolvirt hatte, erhielt er imJahre 1795 die Priesterweihe. Er war nach den Quellenein Priester ganz nach dem Herzen Gottes, hing mitinnigster Liebe an seiner heiligen Kirche und an derenOberhaupt, seine Tagesarbeit wechselte ab mit Gebet undStudium und Studium und Gebet. Damals waren,wie stets, würdige Priester mehr denn je nothwendig:die Religion war verachtet, der hl. Vater in der Ver-bannung, Nom eine Republik , als solche zuerst erklärtdurch General Bathier im Namen Frankreichs , zwölfJahre später durch den gewaltthätigen Kaiser Napoleon I.,ein ächter Kulturkampf wüthete, wie wir ihn auch zu er-leben das Unglück hatten. Baini erhielt zu jener Zeiteinen Ruf nach Paris , er aber schützte seine Gesundheits-verhältnisse vor und wollte Nom nicht verlassen, zumalFrankreich viel brauchbarere und tüchtigere Männer habe,als er sei.

Im Jahre 1814 den 24. Mai zog Papst Plus VII.wieder in Nom ein, und Baini sammelte die noch übrigenMitglieder der päpstlichen Capelle, hielt Proben überProben und Aufführungen, wobei auch seine eigenenKompositionen zu Gehör gebracht wurden, welche mitunteruugetheiltesten Beifall fanden. Fassen wir gerade hierBaini als Komponisten in's Auge! Er hat nicht garviel componirt, hat fast nichts veröffentlicht, aber waser componirte, ist ächt kirchliche Musik, ächt christlich-frommer Gesang. Vor allem ist zu erwähnen sein zehn-stimmiges Miserere, componirt für die sixtinische Capelleauf Wunsch des Papstes Pins VII. Man darf wohl

behaupten, daß diese Komposition im gleichen Rang stehtmit dem Miserere von Allegri, wie es denn auch in derCharwoche zu Nom abwechselnd mit dem letztgenanntenaufgeführt wurde. Durch dieses eine Stück allein zeigtsich Baini als ein Componist von Gottes Gnaden, derganz und gar an der Doktrin der alten römischen Schulehing. Auf diese Komposition hin wurde Baini zumCamerlengo der päpstlichen Capelle ernannt und jedesJahr bis zu seinem Tode wieder gewählt, auch sollte erzum Rektor der Propaganda ernannt werden, eine Würde,welche er aber entschieden zurückwies. An weiteren Kom-positionen sind zu erwähnen: ein Band kirchlicher Hymnen,die sehr schöne Sequenz: Dies iras, nach deren Auf-führungalles hingerissen war und diese Vollendung dermusikalischen Kunst bis zu den Sternen erhob", dieNesponsorien zur Passion nach Markus, ziemlich vieleMotetten rc.

Seinen Hauptruhm aber gründete Baini nicht alsComponist, sondern als Musikschriftsteller speciell durchsein unübertreffliches Werk:Llsmoris Ltoriao-aritielrsckella viba et äalls opars cii Oiovanni IllorluiAi cla,kalestrina." Dieses Werk, eine großartige Monographieüber Palestrina , verräth den großen Kritiker, ein großesmusikalisches Verständniß, eine Kenntniß aller Stile durchund durch, und ist und bleibt ein Monument in der Ge-schichte der Musik. Es ist hier belgische, spanische undnatürlich italienische Musik auf das eingehendste behandelt.Der Verfasser des seinerzeitigen Artikels in den Historisch-politischen Blättern sagt über dieses Werk:Baini führtuns hier in chronologischer Reihenfolge alle bedeutendenMomente des bürgerlichen und künstlerischen Lebens jenesweltberühmten Picrluigi vor Augen; gibt über die Ent-stehung seiner Kompositionen die nöthigen Notizen, zähltderen Auflagen auf, bestimmt mit Kennerauge den innernWerth derselben und gibt die Regeln und Vorschriftender römischen Sängerschule durch gelegentlich eingestreuteBemerkungen sicher und bestimmt an. Dies konnte aberauch nur ein Baini, der von Jugend auf mit dem Studiumpalcstrinischer Musik sich befaßte, immer tiefer eindrangin die Schönheiten jenes großen Nachahmers der Naturund dadurch begeistert wurde, das schwierige, von nie-mand noch versuchte Unternehmen, nämlich sämmtlicheWerke Pierluigt's zu sammeln, zu beginnen und aus-dauernden Muthes zu vollenden."

Wohl standen dem Meister die Sammlungen undArchive des Vaticans ganz und gar offen, dennoch abermuß seinem Bienenfleiß die höchste Achtung gezollt werden,und man darf ja nicht außer Acht lassen, daß er dengrößten Theil seines Einkommens zur Lösung dieserseiner Hauptaufgabe verwendete. Manche haben in diesemseinem größten Werke höhere philosophische Gedanken ver-mißt, alle aber sind darin einig, daß es eine Wissens-grube ist für alle Mnsikkcnner und Musikfreunde, wieselten ein zweites, es sind in demselben alle WerkePalestrina's gesammelt, soweit es irgendwie möglich war.(Ein Werk Baini's übersetzte ein Bruder des KaisersNapoleon in das Französische, und verräth dasselbe einesehr solide Kenntniß und ein sehr tiefes Verständniß.)

Es erübrigt uns noch, Baini kurz noch als Menschennäher in's Auge zu fassen, und hat Hiller, dem wir imGroßen und Ganzen dabei folgen, ein treffliches Bildvon ihm entworfen. Obwohl hoch angesehen, obwohlu. a. sehr geehrt von Friedrich Wilhelm III. von Preußen»