Ausgabe 
(31.5.1894) 22
 
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der einem Concert, dirigirt von Baini, beiwohnte, obwohlmit Ehren und Würden überhäuft, Baini blieb die reinsteDemuth, so zwar, daß er nicht duldete, daß man in seinerGegenwart sich lobend nussprach über seine Kompositionen.Es konnte auch nicht anders sein, da ja der fromme Mannsich der demüthigen Magd des Herrn, der lieben Gottes-mutter, geweiht hatte, der er auch sein obgenauntcs be-deutendstes Werk widmete mit folgenden kindlich ein-fachen Sätzen:

rveigrrras Virgini Harias

Lins Hds, eonesgtlrslosspkNs

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Diesr vi 6on8eerar.l

Baini war selbstlos so, wie es unsere Zeit nahezunicht mehr fassen kann; überall geehrt, eingeladen, blieber stets zu Nom amArbeitstisch und im Beichtstuhl",und nur einmal soll er eine Reise gemacht haben, auchnicht weithin, nur nach Bologna . Seine Wohnung warschmucklos, mehr als einfach, und nur seine stattlicheBibliothek zeigte, daß ein großer Mann in diesen Räumenlebte und wirkte; eine Schwester besorgte seinen sehr ein-fachen Haushalt, empfing die Gäste und verschwand sofortwieder vor deren Augen. Er war ferner sehr wohlthätig,gab oft mehr, als seine Mittel erlaubten, und kam da-durch mitunter in kleine finanzielle Verlegenheiten. Diewerthvollen Geschenke, die er erhalten, vermachte er testa-mentarisch dem vaticanischen Museum, andere bestimmteer für Bilder der allerseligsten Jungfrau Maria, seineBücher und Manuscripte erhielt die Kongregation derMinerva. Merkwürdig dürfte es auch sein, daß Baini,obwohl er sich auch mit Theaterstücken beschäftigte undeine dießbezüglichc große Sammlung von Werken undAbhandlungen sein eigen nannte, nie in ein Theaterging. Mit Hiller verkehrte der Meister sehr gern, undmöge aus diesem Verkehr hier eine Episode angeführtwerden. Er sagte einstens zu Hiller:Die Protestantensind gute Christen, sie verehren den Heiland wie wir;wie können sie sich nun so gleichgiltig der heiligen Jung-frau gegenüber Verhaltens Sie ist ja doch die MutterGottes; ich kann dies nicht begreifen." Hiller sandteBaini aus Anhänglichkeit und Dankbarkeit ein Exemplarder Partitur der Zerstörung Jerusalems , das Requiemund die O-molI-Messe von Mozart und die O-äur-Messevon Beethoven , und erhielt von Baini zwei prächtigeDankschreiben. Das Requiem von Mozart nannte erdarinlamoso" und die O-niolI-Messsbelissiino".

In früheren Jahren sehr gesund und robust, littder Körper des Meisters durch Ueberanstrengung bedeutend,er wurde sehr magenleidend und konnte längere Zeit nureinmal des Tages etwas zu sich nehmen, und zwar nurleichteste Speise. Am Abend des 21. Mai 1844 ent-schlief er sanft, ohne jeglichen Kampf, während er geradesein Brevier betete, in einem Alter von 68 Jahrenund 7 Monaten. Er wurde beigesetzt in St. Maria inDallicclla, dem Begräbnißplntz der päpstlichen Sänger.Für die päpstliche Kapelle war sein Verlust ein ungemeinschwerer in der Geschichte der Tonkunst überhauptaber werden sein Name und seine Werke fortleben.

Die LehrtlMgkeit der Jesuiten vor dreihundertJahren?)

8. 8b. Es gibt wohl keine albernere Behauptung,als, die Reformation hätte Deutschland in geistiger

*) Nach Zanssen.

Hinsicht gehoben; wie Mehlthan legte sich der Neligions-hadcr nicht allein auf das gesammte Volksleben, sonderner schien besonders jede geistige Regung des deutschen Volkes ertödten zu wollen. Als Netter in diesem Nieder-gang deutscher Bildung erschien der soviel verleumdeteJesuitenorden. Wenn man die Lehrtätigkeit der Jesuiten in Deutschland objectiv und der geschichtlichen Wahrheitgemäß betrachtet, so ist es nicht zu viel behauptet, wennman sagt, das deutsche Volk stände heute unter alleneuropäischen Völkern auf der geringsten Kultur- undBildungsstufe, hätte der Jesuitenorden nicht ein gutStück der deutschen Bildung und Wissenschaft aus demAusgaug des Mittelaltcrs durch die Wirrnisse der Re-formation und des dreißigjährigen Krieges hinübergerettet,worauf dann später wieder aufgebaut werden konnte.Dies einmal mit geschichtlichen Dokumenten unwiderleglichfestgestellt zu haben, ist das Werk Janssens. In dieserHinsicht ist der letzte, VII. Band so lehrreich, wie keinvorhergehender. Dort wird uns eine fast unerschöpflicheFundgrube dargeboten, woraus wir heute nur Einigesschöpfen wollen. Eigentlich müßten wir zuerst den Ver-fall der Bildungsstätten, der Volks-, Latein- und Hohen-schulen darthun, doch dieses traurigste Kapitel deutscher Geschichte wollen wir hier übergehen.

Wilhelm Noding, Professor am Pädagogium inHeidelberg , erging es wie manchen Andern, gleich Balaam,er sollte fluchen und mußte segnen. Er schrieb in einereigenen, dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. gewid-meten SchriftWider die gottlosen Schulen der Jesuiten "also:Sehr viele Leute, bis doch zu den Christen (d. h.Protestanten) gezählt werden wollten, übergäben ihreKinder den Jesuiten zum Unterricht. Dieses sei äußerstgefährlich, weil die Jesuiten ausgezeichnete undscharfsinnige Philosophen seien, vor Allem daraufbedacht, ihre ganze Gelehrsamkeit auf die Erziehung derJugend zu verwenden; sie seien die feinsten und ge-wandtesten Lehrer und wüßten sich nach den natür-lichen Anlagen eines jeden Schülers zu richten." Alsoein Professor eines Pädagogiums! Er konnte es jawissen!

In Hessen drückte der Superintendent Georg Ni-grinus im Jahre 1852 sich über die Jesuiten also aus:Ich meines Theils wundere mich nicht, wenn ich höre,daß Jemand zu den Jesuiten übergeht (vorher hatte ergeklagt, daß viele protestantische Eltern adelichen nndbürgerlichen Standes ihre Kinder den Jesuiten zur Er-ziehung übergäben). Sie besitzen eine vielseitige Gelehr-samkeit, sind beredt, lehren, predigen, schriftstellern, dis-putiren, ertheilen der Jugend unentgeltlichen Unterricht,und zwar mit einem unermüdlichen Eifer; über-dieß empfehlen sie sich durch ein sittenreines Lebenund Bescheidenheit;" dagegen sei bei den mit demNamen des Evangeliums sich Brüstenden die Wissen-schaftlichkeit nicht groß, jedenfalls nicht so groß, daß siemit der gelehrten Bildung der Jesuiten einen Vergleichaushalten könnte." Nathan Chtstrüus stellte derinAusgelassenheit und Wildheit ertrunkenen" Jugend inRostock die Jesuitenschulen gegenüber:Was sollen wirdenn von den Schulen der Jesuiten , wie man sie nennt,von der Religion abgesehen, halten? Wahrlich, dieseSchulen.... könnten nicht überall diesen Ernst derZucht, diesen Fleiß und diese Beharrlichkeit bei Lehrernund Schülern in Erfüllung ihrer Pflichten ausweisen,wenn jene Auflösung der Zucht in einem göttlichen Ver-hängnis; ihren Grund Hütte." Viele Protestanten glaubten